Frauke Böger

Protest-Kritik In Markenklamotten gegen das System?

Ist Kritik am Kapitalismus weniger glaubhaft, wenn der Kritiker teure Turnschuhe trägt? Zumindest dieser Vorwurf gegen G20-Demonstranten in Hamburg greift zu kurz.
Anti-G20-Demonstrant in Hamburg

Anti-G20-Demonstrant in Hamburg

Foto: BABANI/ EPA/ REX/ Shutterstock

"Guck mal, der hat ein iPhone!" Der Vorwurf an Kapitalismuskritiker, teure Klamotten zu tragen und Smartphones zu nutzen, obwohl es diese ja nur dank des Kapitalismus gebe, ist ziemlich schlicht. Man darf also ein System nicht kritisieren, wenn man selbst darin lebt und dessen Errungenschaften für sich nutzt?

Das würde bedeuten, dass man, nur so als Beispiel, nicht in einem Unternehmen arbeiten und Gewinnbeteiligungen annehmen darf, wenn man eigentlich findet, dass dieses Unternehmen ungerechte Strukturen hat. Dass man keine staatliche Unterstützung wie Hartz IV in Anspruch nehmen darf, weil man die deutsche Sozialpolitik ablehnt.

Der Vorwurf impliziert, man hätte immer eine Wahl. Kein Angestellter dürfte seinen Arbeitgeber kritisieren - ob er nun auf den Job angewiesen ist oder nicht. Kein Arbeitsloser dürfte gegen den Staat aufbegehren - weil der ihn ja finanziert.

Aber vielleicht haben die Kapitalismuskritiker in Markenschuhen ja doch eine Wahl, was ihre Kleidung angeht. Doch welche Schuhe wären denn in Ordnung gewesen? Nur billige Schuhe? Nur fair gehandelte? Nur welche aus China? Nur solche aus Holz? Oder darf es doch auch Leder sein? Allein die Suche nach dem korrekten Schuhwerk würde jede außerparlamentarische Aktion ausbremsen.

Nein, selbstverständlich muss man auch kritisieren dürfen, was zum eigenen Leben dazugehört. Dem Kapitalismus hier zu entgehen ist nahezu unmöglich, es sei denn, man lebte als Selbstversorger irgendwo auf dem Land - gekleidet in selbst gestrickte Pullis aus Wolle vom eigenen Schaf und hergestellt mit selbst geschnitzten Stricknadeln. Die Anreise in die Großstadt, um dort Kapitalismuskritik zu üben, wäre dann natürlich ziemlich schwierig - es sei denn, man ginge zu Fuß. Das wiederum dürfte als Selbstversorger rein zeitlich nicht zu machen sein (wer kümmert sich dann um den Hof?). Am Ende bliebe also kein Kapitalismuskritiker übrig - beziehungsweise: Es würde nie wieder einer gesehen.

Das kann man sich natürlich wünschen, wenn man keinen Bock auf Kritik hat.

Der Vorwurf übersieht eine Forderung, die bei den Protesten in Hamburg von einigen recht laut formuliert wurde: "Allen alles, bis alles alle ist." Das ist zwar herzzerreißend naiv, aber vielleicht gerade deswegen eine schöne Vorstellung: Verprassen wir alles, was da ist - und dann schauen wir mal, wie wir uns neu sortieren. Das dürfte zwar chaotisch werden. Und die Altersvorsorge kann man dann auch vergessen.

Aber in dem Gedanken "Allen alles" steckt, dass im Kapitalismus eben nicht alle dekadent sein können, weil sie die Mittel oder die Macht nicht haben. Darüber immer mal wieder nachzudenken, ist ja nicht verkehrt. Egal in welcher Kleidung.

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