Übernachtungsverbot in Camps Schlaflos in Hamburg - wo die Aktivisten jetzt unterkommen

Die G20-Gegner in Hamburg sind übermüdet: Die Stadt duldet keine Camps - mit einer Ausnahme. Doch die Szene hat Unterstützer. Im Internet entstehen Schlafbörsen, Kirchen öffnen ihre Tore.

Wildcampen in Hamburg
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Wildcampen in Hamburg

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"Yoga hilft", sagt Alain. Er klingt müde. Seit vielen Jahren schon geht der stämmige Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem französischen Akzent auf Demonstrationen. Er war schon 2001 beim G7-Gipfel in Genua dabei. Zustände wie in Hamburg aber, wo er gegen einen immer quälenderen Schlafentzug anmeditieren muss, habe er noch nie erlebt, sagt er.

Seit drei Tagen und zwei sehr kurzen Nächten irrt Alain nun schon durch die Stadt, auf der Suche nach einem festen Schlafplatz. Montagnacht verbrachte er auf der Elbhalbinsel Entenwerder, in einem Protestcamp. Müde und frierend harrte er dort in einem Versammlungszelt aus, erzählt er. Nur ab und zu nickte er für ein paar Minuten ein.

Am Dienstagabend beschlossen Alain und andere Aktivisten, das Camp in Entenwerder aufzulösen. "Wir fühlten uns schikaniert, weil die Polizei uns immer wieder störte und uns nach wie vor verbot, in dem Camp zu schlafen", sagt er. Gegen 21 Uhr fuhren sie in die Hamburger Innenstadt. Erste Station: das Schanzenviertel, wo sie prompt vor den Wasserwerfer gerieten. "Danach war ich wieder etwas wacher", sagt Alain.

Übernachtungsplätze unter dem Hashtag #schlaflosinhh

So wie Alain geht es vielen Demonstranten in Hamburg. Denn die Stadt Hamburg hat in den Tagen vor dem Gipfel eine strikte Haltung: Versammeln in Camps ja, übernachten nein. Die Stadt rechtfertigt ihr Vorgehen mit der vermeintlichen Gefahr, die von den Camps ausgehe: Man wisse, dass dahinter "die militante autonome Szene" stehe, sagte Hamburgs Innensenator Andy Grote. Nicht nur in Entenwerder, auch in Altona und im Stadtpark wurden deshalb Übernachtungscamps verboten. Tausende Demonstranten sind damit quasi obdachlos.

Innensenator Andy Grote
DPA

Innensenator Andy Grote

Doch die Szene weiß sich zu helfen - und erhält immer mehr Unterstützung. Unter dem Hashtag #schlaflosinhh werden seit drei Tagen auf Twitter Übernachtungsplätze angeboten. Diese Tweets dürften zumindest einige G20-Gegner in Hamburg erleichtern.

Auch Kirchen reagierten auf das Übernachtungsverbot: Als Demonstranten begannen, ihre Zelt auf den Wiesen um die Gotteshäuser herum aufzubauen, ließen sie sie gewähren. Davon erfuhr auch Alain.

Ein Bekannter gab ihm den Tipp, dass die Johanniskirche im Stadtteil Altona Demonstranten Unterschlupf biete. Gegen 2 Uhr morgens kam er dort an, rollte sich unter einem Unterstand zusammen und schlief etwa drei Stunden. "Ich fühle mich wie auf einer Odyssee", sagt Alain. Es sei bedenklich, dass die Polizei und der Hamburger Senat zwar Herrschern wie Recep Tayyip Erdogan Quartier böten, nicht aber friedlichen Demonstranten.

Zelte vor der St. Johanniskirche in Altona
Getty Images

Zelte vor der St. Johanniskirche in Altona

Nicht eingeladen, aber geduldet

Am Mittwochmittag haben bereits rund hundert G20-Gegner ihre Zelte vor der St. Johanniskirche im Osten Altonas aufgeschlagen. Sie seien nicht eingeladen worden, sagt Pastorin Vanessa von der Lieth im Gespräch mit dem SPIEGEL. Aber: "Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, Menschen hier schlafen zu lassen, damit sie zur Ruhe kommen (lesen Sie hier ein Interview mit der Pastorin). Es sei niemandem dienlich, wenn Protestler drei Nächte nicht schlafen könnten. Im Gegenteil. "Wir sehen uns in der Pflicht, deeskalierend zu wirken."

An diesem Mittag ist alles friedlich. Protestler aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen sitzen beim "Plenum" zusammen, beraten über das weitere Vorgehen und die Arbeitsaufteilung. Sie sind gut ausgerüstet: Ein Dieselgenerator tuckert, in einem großen Wagen ist ein 1000-Liter-Container mit Wasser untergebracht, demnächst sollen mobile Toiletten aufgebaut werden. Überall hängen Tüten für Müll, der Rasen ist nahezu sauber.

Dieses Camp soll eine Art Anlaufstelle werden, erzählt ein Teilnehmer. Rechtsberatung für Demonstranten soll angeboten werden, auch eine Feldküche ist geplant.

Auflösen kann die Polizei dieses Camp nicht so leicht - die Gemeinde hat das Hausrecht. "Wir werden das hier tolerieren, solange es nötig ist und friedlich zugeht", sagt Pastorin von der Lieth.

Andere Kirchen schließen sich an

In einem gemeinsamen Schreiben mit dem Titel "Vom Umgang mit Gästen" rufen sechs Hamburger Pröpste dazu auf, dass sich die Stadt um alle Gäste kümmern müsse - eben auch die Demonstranten. Auch die Sankt-Pauli-Kirche neben den Landungsbrücken lässt Demonstranten im Kirchgarten zelten.

Auch das Deutsche Schauspielhaus in St. Georg ließ die Menschen spontan von Dienstag auf Mittwoch dort übernachten. In der kommenden Nacht könnte es dort noch eng werden: Immer mehr Gipfelgegner kommen nach Hamburg, brauchen einen Schlafplatz. Für bis zu 300 von ihnen wäre im Schauspielhaus Platz: "Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass die Menschen hier übernachten", sagte der Kommissarische Geschäftsführer Peter F. Raddatz dem SPIEGEL. Das sei ein Akt der Menschlichkeit.

Und auch in Entenwerder könnten kurz vor dem Gipfel-Beginn nun doch noch Schlafplätze entstehen: Das Hamburger Oberverwaltungsgericht erlaubte am Mittwochnachmittag 300 Schlafzelte in Entenwerder. Dagegen könnte die Versammlungsbehörde nun nur noch mit einer Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe vorgehen.

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