Randalierer beim G20 Wut und Frust

Im Hamburger Schanzenviertel haben bei den schweren Ausschreitungen Autonome Krawall gemacht und geplündert, ebenso wie viele andere junge Menschen. Woher kamen diese Wut, der Hass?
Plünderer im Supermarkt im Hamburger Schanzenviertel (7. Juli 2017)

Plünderer im Supermarkt im Hamburger Schanzenviertel (7. Juli 2017)

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

Einer der interessantesten Momente passierte ein paar Straßenzüge von der Roten Flora im Schanzenviertel entfernt. Randalierer hatten Freitagnacht die Fensterscheibe zu einem O2-Laden aufgebrochen. Junge Männer leuchteten mit ihren Handys ins Ladeninnere, kistenweise trugen sie die Ware davon. Dann schob ein Linksradikaler einen Flachbildschirm mit Ständer über die Straße. Er nahm ihn nicht wie die anderen Plünderer mit nach Hause, sondern warf das Gerät ins Feuer. Sofort schlugen die Flammen hoch.

Was war passiert? Konsumlust und Konsumkritik trafen in diesem Moment aufeinander. Die einen wollten die teuren Geräte haben. Die anderen wollten sie zerstören. Schon diese Episode macht deutlich, dass man es sich bei der Deutung der Ereignisse vom Freitag nicht so leicht machen sollte wie viele Politiker und Kommentatoren.

Der SPD-Parteivorstand sprach in einer Erklärung etwas ungelenk von "Protestterroristen", CDU-Bundesinnenminister Thomas de Maizière nannte die Randalierer "eine Gruppe radikaler Gewalttäter, Brandstifter und Plünderer", FAZ.net-Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron meinte, die Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels hätten einen "beschämenden Einblick in die Niederungen einer sogenannten politischen Bewegung " eröffnet.

Nach allem, was ich vor Ort gesehen habe, waren am Freitag unterschiedliche Gruppen für die Krawalle verantwortlich, die so heftig waren wie in keiner anderen Nacht. Da waren die Autonomen, klar. Randale haben aber auch andere junge Menschen aus dem Kiez gemacht. Sie wollten Spaß haben, Dampf ablassen. Als sich die Gelegenheit bot, wurden einige von ihnen zu Dieben. Wie konnte es zu diesem Ausbruch von Zerstörungswut und Kriminalität kommen? Waren das wirklich nur Straftaten von Linksradikalen? Oder wurden in Hamburg soziale Probleme sichtbar, die wesentlich tiefer liegen?

Ich war am Freitag von 22.30 Uhr bis zwei Uhr früh in der Schanze unterwegs. Als ich bei der Ankunft das Schulterblatt Richtung Rote Flora entlanglief, war ich überrascht von der Intensität der Randale. Vermummte traten wie von Sinnen auf Straßenschilder und verrammelte Fensterscheiben ein. Auf der Straße brannten die Barrikaden, in denen immer wieder Gegenstände explodierten. Die Flammen schlugen bei jeder Explosion meterhoch und kamen den Häusern gefährlich nahe. So etwas hatte es die Tage zuvor nicht gegeben.

Sicher ist, dass die Gewalt im Schanzenviertel von den Autonomen ausging. Sie waren im Laufe des Abends immer wieder die Antreiber. Die Linksradikalen holten Müll, Bretter, um den Feuern Nahrung zu geben. Einige von ihnen kamen aus dem Ausland, aus Frankreich, Griechenland, Spanien oder Italien. Länder, in denen die militanten Linken seit Jahren ständig gegen die Sparprogramme und Arbeitsmarktreformen ihrer Regierungen demonstrieren. In Hamburg riefen die internationalen Autonomen im Chor die "Revolution" aus und forderten andere Besucher auf, mitzumachen. Sie wollten, dass es knallt. Und das funktionierte gut.

Je länger die Feuer brannten, desto mehr andere Gruppen gesellten sich dazu. Da gab es die Schaulustigen, die wahrscheinlich zum Feiern in die Schanze gekommen waren. Sie blieben eher passiv und stellten sich für Selfies rund um die Feuer auf. Aber dann waren da auch noch größere Gruppen von jungen Männern, vermutlich aus den umliegenden Vierteln. Sie trugen normale Straßenklamotten und schlossen sich der Randale an.

Im beliebten Schanzenviertel prallen jedes Wochenende unterschiedliche Milieus aufeinander. Hipster, Linke, Partytouristen, Stressmacher, Drogendealer. Wenn es Ärger gibt, greift die Polizei ein. Doch die hielt sich in der Nacht von Freitag auf Samstag stundenlang fern. Als einige Kleingangster die Chance erkannten, schlugen sie an der Seite der Autonomen los.

Ein Beispiel: Gegen ein Uhr morgens riss ein schwarzgekleideter Mann - offensichtlich ein Autonomer - ein Brett von den Fenstern einer Budni-Filiale in der Schanzenstraße und warf es ins Feuer (eine andere Filiale war zu diesem Zeitpunkt bereits geplündert worden). Dann lief er weg.

Wenige Momente später stellten sich andere Typen auf, die nicht nach militanten Linken aussahen. Sie drucksten ein paar Minuten rum. Dann schoben sie sich Tücher vors Gesicht und traten auf die Tür der Filiale ein. Glas splitterte, die Scheiben ging zu Bruch. Als die Plünderer schon fast in der Filiale standen, rückte eine Hundertschaft Polizisten mit Wasserwerfer vor; die Einbrecher flohen.

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Auch die Auswahl der Ziele folgte im Großen und Ganzen einer gewissen Logik. Geplündert wurden viele Läden und Ketten mit verlockenden Konsumgütern. Der O2-Shop, ein Apple-Store, ein Geschäft für Designerklamotten. Rewe oder Budni, die auch aufgebrochen wurden, mögen nicht ganz in die Kategorie passen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es auch dort Luxusprodukte gibt. Am Freitag huschten junge Leute an mir vorbei, die teure Whiskeyflaschen wegschafften.

Damit will ich die Plündereien nicht rechtfertigen. Ich halte nichts von gewalttätigen Protesten. Wohin das führt, konnte man am Freitag sehen, als beinahe die ganze Straße in Flammen stand. Mehr als einmal gingen Randalierer und Anwohner aufeinander los. Aber man sollte sich schon genau ansehen, was in Hamburg passiert ist.

Am Tag danach traf ich einen Aktivisten bei der großen Abschlusskundgebung gegen G20. Er war am Vorabend nicht in der Schanze, hat sich aber schon oft mit den Ursachen von Ausschreitungen beschäftigt und ist die Kampfzone am nächsten Morgen abgelaufen. Er fühlte sich nach meinem Bericht an die Unruhen in London 2011 erinnert.

Damals hatten sich die Proteste am Tod eines jungen Mannes entzündet, der von einem Polizisten erschossen worden war. Wochenlang hielten Straßenschlachten und Plünderungen das Land in Atem. Mehr als tausend Menschen erhielten Freiheitsstrafen. Häufig gehörten frustrierte junge Männer zu den Randalierern. Viele Riots fanden 2011 übrigens in East London statt, eine Gegend, die der Schanze ähnelt. Beide Stadtteile haben sich vom Arbeiterviertel mit vielen Einwanderern zum Szenekiez entwickelt, wo sich einfache Leute kaum noch die Miete leisten können.

Anders als in England sind in Deutschland noch keine Anzeichen für tagelange Massenkrawalle erkennbar. Trotzdem sollte man die Hamburger Ausschreitungen nicht allein als Taten von "linken Chaoten" abtun, wie das jetzt so viele tun.