Umgang mit Gewalt beim G20-Gipfel Linke Gratwanderung

Protest ja, Gewalt - na ja? Die Linken ringen um eine eindeutige Haltung zu den Ausschreitungen in Hamburg.

Vermummte Autonome im Schanzenviertel
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Vermummte Autonome im Schanzenviertel

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Hamburg ist seit Jahrzehnten ein Zentrum linker Aktivisten, aber diese Dimension des Widerstands gegen die Staatsgewalt hat die Hansestadt lange nicht gesehen: Am Freitagabend eskalierten die Proteste gegen den G20-Gipfel, für Stunden verlor die Polizei über einige Straßenzüge komplett die Kontrolle. Ein wütender Mob zündete Barrikaden an, plünderte Geschäfte, verwüstete große Teile des Schanzenviertels.

Erst mithilfe von Spezialkräften, Wasserwerfern und Tränengas erlangten die Beamten tief in der Nacht die Kontrolle zurück. An Distanzierungen seitens führender G20-Gegner mangelt es nun nicht. Andreas Blechschmidt etwa, Sprecher des linksautonen Zentrums Rote Flora, sagte dem SPIEGEL, die "sinnbefreite Gewalt" im Schanzenviertel sei lediglich ein Selbstzweck und falsch.

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Randale bei G20-Gipfel: Spur der Verwüstung

Allerdings hatte es vor den jüngsten Ausschreitungen an solch eindeutigen Äußerungen gemangelt. Geplant sei nicht, nach 50 Metern eine Straßenschlacht mit der Polizei anzuzetteln, beteuerte Blechschmidts Kollege Andreas Beuth vor dem G20-Gipfel im Interview mit der "Zeit".

"Es ist klar, dass nicht jede militante Aktion in Ordnung ist", sagte der Szeneanwalt. "Wenn allerdings gut geschützte Polizeibeamte Demonstranten angreifen, dann verteidigen sich einige."

Doch was ist mit der Gewalt, die sich gar nicht gegen Polizisten richtet - sondern gegen Läden, Wohnstraßen, Privatautos? Da will sich Beuth offenbar nicht so klar distanzieren, im Gegenteil. "Wir als Autonome und ich als Sprecher der Autonomen haben gewisse Sympathien für solche Aktionen", sagte er dem NDR, "aber doch bitte nicht im eigenen Viertel, wo wir wohnen."

Legitim, so Beuth, sei solche Gewalt hingegen in nobleren Vierteln, er nennt Blankenese und Pöseldorf als Beispiele: "Also da gibt's auch bei uns großes Unverständnis, dass man im Schanzenviertel die eigenen Geschäfte zerlegt: die Geschäfte, wo wir selbst, weil wir da wohnen, auch einkaufen."

Gewalt ja, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür - können die Autonomen für eine solche Haltung auf Verständnis hoffen? Schließlich erklärte Beuth noch nach der letzten Gewaltnacht, dass er nicht um die Duldung der Flora durch die Stadt fürchte.

Innerhalb der Szene gebe es eine Diskussion darüber, ob und wann Gewalt gerechtfertigt sei, erklärt Andreas Blechschmidt. "Wenn wir angegriffen werden", sagte er laut NDR Mitte Juni bei einer Pressekonferenz, "dann werden wir uns natürlich auch zur Wehr setzen mit Mitteln, die wir uns selbst suchen."

Dass zu diesen Mitteln auch Gewalt zählen kann, hatte Blechschmidt in einem weiteren Interview vor wenigen Tagen klargemacht: "Ja, wir sagen, dass es politisch notwendig ist, in der Auseinandersetzung auch bewusst Regeln zu überschreiten - und dass es notwendig sein kann, mit Widerstand des militanten Protests politische Kampagnen zu führen." Dass bedeute aber nicht, dass Gewalt ein Selbstzweck sei.

Andreas Blechschmidt
DPA

Andreas Blechschmidt

Doch wer legt fest, bis wann Gewalt legitimer Ausdruck politischen Protests ist - und ab wann ein "Selbstzweck"? Lieferte demnach etwa das heftige Einschreiten der Polizei bei der "Welcome to Hell"-Demonstration am Donnerstag bereits die Legitimation für die folgenden Ausschreitungen?

Vor einer klaren Abgrenzung von gewaltbereiten Autonomen schrecken auch andere linke Gruppen zurück. Emily Laquer von der "Interventionistischen Linken" (IL) ist die Organisatorin der heutigen Kundgebung "Grenzenlose Solidarität statt G20". "Wir wollen nicht, dass die Löcher aus dem Käse fliegen", sagte die Politikstudentin zuletzt der "Hamburger Morgenpost", bestand jedoch auf der Zusammenarbeit mit Autonomen. "Ich habe immer wieder betont, dass schwarz zu bunt gehört", sagte sie. "Es muss natürlich Absprachen geben, damit keiner da auf die Kacke haut. Die haben wir geführt, und ich vertraue darauf, dass sich jeder daran hält."

"Die Suffragetten haben Anschläge verübt", sagte Laquer zudem im April der "Zeit". "Heute sind wir stolz darauf, dass es mutige Frauen gab, die das Wahlrecht für uns erkämpft haben. Die Kriminellen von heute sind oft die Helden von morgen." Die Gesellschaft sei von Rassismus, Gewalt und Sexismus geprägt. "Die politische Auseinandersetzung mit denen, die das zu verantworten haben, kann also gar nicht konfliktfrei ablaufen", so Laquer.

Emily Laquer
DPA

Emily Laquer

Dass solche Aussagen Laquers, die sich selbst als "Kommunistin des 21. Jahrhunderts" bezeichnet, durchaus auch als Verharmlosung von Gewalt aufgefasst werden können, zeigt sich auch an anderen Zitaten. "Wenn man es ernst meint mit der Vision des guten Lebens für alle, muss man auch etwas dafür riskieren", sagte sie der "Zeit". "Das funktioniert nicht, wenn sich alle immer nur an die Regeln halten."

In Hamburg wurden in den vergangenen Tagen nicht nur Regeln gebrochen, die Gewaltbilanz des G20-Gipfels ist verheerend: Weit mehr als 200 Polizisten erlitten nach offiziellen Angaben Verletzungen, die Zahl der verwundeten Demonstranten ist unbekannt (Stand Samstag, 18 Uhr). Rund 150 Menschen wurden bislang fest- und 122 in Gewahrsam genommen. Lädiert ist nun nicht nur das Image der Hamburger Sicherheitsbehörden: Vor allem der gesellschaftliche Rückhalt für den legitimen politischen Protest dürfte massiv gelitten haben.



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