G36-Affäre Heckler & Koch verteidigt das Pannengewehr

Der Haupteigentümer des Waffenherstellers Heckler & Koch widerspricht dem vernichtenden Experten-Urteil über das Sturmgewehr G36. In der "FAS" behauptet Andreas Heeschen: "Was wir herstellen, ist zu 100 Prozent einsatzfähig."
Gewehre vom Typ G36 von Heckler & Koch: "Prüfsiegel-Vorwürfe sind grundfalsch"

Gewehre vom Typ G36 von Heckler & Koch: "Prüfsiegel-Vorwürfe sind grundfalsch"

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Nur eingeschränkt tauglich, mangelhafte Treffgenauigkeit im Gefecht - und im Zweifel sogar lebensgefährlich: Das Urteil der Experten über das Standardgewehr G36 der Bundeswehr ist verheerend. "Das aktuelle Waffensystem erfüllt die Forderungen nicht", heißt es im jüngsten Gutachten, das die Bundeswehr in Auftrag gegeben hatte.

Jetzt meldet sich der Haupteigentümer des Herstellers Heckler & Koch zu Wort. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) sagt Mehrheitseigner Andreas Heeschen: "Es kann einfach nicht sein, dass nun nach zwanzig Jahren entdeckt wird: Das Gewehr taugt nichts." Er sei sicher, "die Wahrheit kommt ans Licht."

Es würden schwere Vorwürfe erhoben, "die uns im Kern unseres Selbstverständnisses treffen", sagt Heeschen. "Was wir herstellen, ist zu 100 Prozent einsatzfähig." Auf das Sturmgewehr G36 könnten sich die Soldaten jederzeit verlassen.

Die Experten kommen in dem 372 Seiten dicken Gutachten jedoch zu einem anderen Fazit: Demnach sinkt heiß geschossen die Treffwahrscheinlichkeit des G36 auf 53 Prozent. "In fordernden Gefechten" sei das "präzise Bekämpfen des Gegners" nicht möglich, "im Sinne der Überlebens- und Durchhaltefähigkeit" sei mit dem G36 im Einsatz eine "erhebliche Fähigkeitslücke" festzustellen.

Heeschen hält die Kritik offenbar für ungerecht. "Wer als Single ein Cabrio kauft und dann jahrelang damit fährt, kann sich doch nicht nach Hochzeit und vier Kindern plötzlich beim Hersteller beschweren und sagen: Das ist ein Mist-Auto - wir passen da nicht rein."

Auch dem Vorwurf, dass bei der Qualitätskontrolle des G36-Gewehrs offenbar gegen Vorschriften verstoßen wurde, und Heckler & Koch die amtliche Prüfung der Waffen selbst durchführte, widerspricht Heeschen. "Das ist nicht so, und das war auch vor 2007 nicht so. Es entspricht den Tatsachen, dass Heckler & Koch das Gütesiegel auf die Waffen lasert. Diese hoheitliche Maßnahme geschieht aber nur auf Weisung." (Lesen Sie hier die ganze Geschichte über die Qualitätskontrollen des G36 im neuen SPIEGEL.)

Nach Angaben des Waffenherstellers wird dem Leiter der Laserbeschriftungsanlage morgens von der Güteprüfstelle Oberndorf, die direkt am Firmengelände einen Sitz hat, der Datenträger mit dem originalen Prüfsiegel zur Verfügung gestellt. Den weiteren Vorgang beschreibt Heckler & Koch in der "FAS" so: "Die Daten werden unter Aufsicht der Güteprüfstelle in die Steuerung der Maschine eingelesen; hier wird insbesondere von dem Beamten darauf geachtet, dass keine Kopie der Daten auf der Maschine abgelegt werde. Abends werden die Daten unter Aufsicht dann wieder gelöscht und der Datenträger wird dem Beamten der Güteprüfstelle abschließend ausgehändigt. Dieser nimmt ihn an sich und verschließt ihn im Tresor der Güteprüfstelle."

"Weder ist oder war Heckler & Koch im Besitz des Hoheitszeichens, noch verfügen oder verfügten wir in der Vergangenheit über eine Kopie des Hoheitszeichens", so der Hersteller weiter. Auch vor Einführung der Lasertechnologie sei man so verfahren. Anstatt eines Datenträgers seien damals von der Güteprüfstelle die Schablone oder der Stempel übergeben worden. Jedes einzelne der insgesamt 178.000 von der Bundeswehr genutzten Gewehre G36 sei durch die Güteprüfstelle abgenommen worden.

Heeschen zeigte sich über den SPIEGEL-Bericht "verwundert". Das Thema sei vom Bundeswehrbeschaffungsamt untersucht worden, der Vorwurf habe sich als haltlos erwiesen.

Im Hinblick auf die mangelnde Funktionsfähigkeit des Sturmgewehrs sagte der Eigentümer von Heckler & Koch: "Über Veränderungen an unseren Produkten kann immer geredet werden." Zurzeit wisse man aber nicht einmal, warum das Gewehr angeblich Probleme machen soll. Das Unternehmen wolle prüfen, ob die Untersuchungen rechtmäßig durchgeführt wurden und gegebenenfalls rechtliche Schritte dagegen einleiten.

Zusammengefasst: Laut einem aktuellen Gutachten ist das Standardgewehr G36 der Bundeswehr nur eingeschränkt tauglich. Dem widerspricht jetzt der Eigentümer des Waffenherstellers Heckler & Koch. Andreas Heeschen streitet auch den Vorwurf ab, dass die Qualitätskontrolle gegen Vorschriften verstoßen habe.

cib
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