G7 in Elmau Merkels Gipfelshow beginnt

Die Bühne für den G7-Gipfel in Elmau ist bereitet, schöne Bilder sind garantiert. Doch die Kanzlerin verspricht auch Ergebnisse zu Frauenförderung, Meeresschutz und Gesundheit. Tatsächlich aber bestimmen die Krisen der Welt die Tagesordnung.
Demonstranten mit Obama- und Merkel-Maske: Welche Bilder bleiben vom Gipfel in Erinnerung?

Demonstranten mit Obama- und Merkel-Maske: Welche Bilder bleiben vom Gipfel in Erinnerung?

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Der große Proteststurm ist erst einmal ausgeblieben. Angela Merkel wird darüber erleichtert sein. Brennende Autos, fliegende Steine, Polizisten im Nahkampf - solche Bilder hätten alles zunichtemachen können, noch bevor die eigentliche Show begonnen hat. Es wären die Szenen gewesen, die der Welt in Erinnerung geblieben wären vom G7-Gipfel, der an diesem Sonntag im bayerischen Schloss Elmau beginnt.

Ein paar Rangeleien hat es am Samstag gegeben bei den Protesten der Tausenden Gipfelgegner, weitgehend aber blieb es ruhig - was nicht zuletzt an dem massiven Polizeiaufgebot in Garmisch-Partenkirchen und dem abendlichen Unwetter gelegen haben dürfte. (Hier finden Sie den ersten Protest-Tag im Minutenprotokoll.)

Sollten die Demonstranten auch am Sonntag unter Kontrolle gehalten werden, dann ist die Chance groß, dass zumindest eine Rechnung der Kanzlerin aufgeht und von diesem Gipfel andere Bilder hängen bleiben - schöne Bilder: Angela Merkel, Barack Obama und Co. vor herrlichem Alpenpanorama. Eine politische Inszenierung erster Klasse.

Auf der anderen, der inhaltliche Ebene dagegen wird es schwer für die Kanzlerin, ihre Vorstellungen vom gelungenen Gipfelspektakel umzusetzen. "Am Ertrag wird es nicht mangeln", hat Merkel zwar angekündigt. Doch abgesehen davon, dass die G7 ohnehin nur Absichtserklärungen abgeben können, wird dieser Ertrag nur im Kleinen wirklich konkret ausfallen. Die großen Krisen und Kriege dieser Welt dagegen, die die öffentliche Wahrnehmung des Treffens bestimmen, werden auch den elitären Kreis von Elmau rat- und hilflos lassen.

Was hat die Kanzlerin auf die Tagesordnung setzen lassen?

Da sind unter anderem

  • der Kampf gegen Tropenkrankheiten, Antibiotikaresistenzen, Unterernährung und die Verschmutzung der Weltmeere,
  • die Förderung beruflicher Selbständigkeit von Frauen,
  • die Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei der Produktion von Kleidung und Lebensmitteln.

Das alles sind hehre Anliegen, keine Frage. Und vor allem sind es konsensfähige Anliegen. Genau darum ging es der Kanzlerin, als sie die Gipfelagenda formte. Sie wollte nicht nur wolkige Kompromisse, sondern greifbare Ziele formulieren.

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G7-Gipfel in Elmau: Nasser Protest

Foto: CHRISTIAN HARTMANN/ REUTERS

Doch schon beim ewigen Mega-Gipfelthema Klimawandel wird das schwierig. Unmittelbar vor dem Treffen hat sich Merkel noch einmal dafür stark gemacht, dass die G7 sich zum sogenannten Zwei-Grad-Ziel bekennen sollten - die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Unterstützung bekommt sie von Großbritannien und Frankreich.

Vor allem Japan stellt sich bislang quer, doch der Umstand, dass sich Merkel in dieser Frage so exponiert, deutet darauf hin, dass es Bewegung gibt. Denn taucht das Zwei-Grad-Ziel nun nicht in der Abschlusserklärung auf, wäre das eine Blamage für die Gastgeberin. Andersherum könnte sie es als Erfolg verkaufen, wenn sie Japan umstimmt. Schließlich soll von Elmau aus ein Signal für die Weltklimakonferenz Ende des Jahres in Paris ausgehen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Die Zielmarke gibt es bereits seit Jahren, das Bekenntnis dazu wäre also kein Fortschritt.

Wurmen dürfte Merkel, dass zwei Politiker maßgeblich die Tagesordnung mitbestimmen, die in Oberbayern gar nicht dabei sind: Wladimir Putin und Alexis Tsipras.

Russlands Präsident gilt seit der Annexion der Krim als Persona non grata in der Runde der führenden Staatenlenker. Doch die neuerliche Gewalteskalation in der Ostukraine wirft einmal mehr die Frage auf, ob der Ausschluss Putins auf Dauer sinnvoll ist - oder man nicht gerade in Krisenzeiten jedes Forum nutzen muss, um in aller Geschlossenheit Druck auszuüben. Druck, der in einer so kleinen Runde fast schon physisch spürbar wäre.

Dazu kommt, dass ohne Russland ja auch bei anderen großen Problemen nichts geht, etwa im Syrien-Konflikt oder beim Kampf gegen den Terror, beides ebenfalls Themen der G7. Auch ohne Putin: Die Amerikaner haben im Vorfeld klargemacht, dass der weitere Umgang mit Russland für sie das zentrale Gipfelthema ist - nicht unbedingt zur Freude Merkels.

Die Kanzlerin würde auch gern vermeiden, dass die Eurokrise zu viel Raum einnimmt. Doch Griechenlands Ministerpräsident Tsipras hat es pünktlich zum Gipfel geschafft, die Gläubiger so zu verärgern, dass EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker nicht einmal mehr mit ihm telefonieren wollte. Der Zeitlupen-Showdown mit den Griechen besorgt auch die Nichteuropäer. Die USA, Kanada und Japan fürchten die Folgen eines möglichen Euro-Austritts für die europäische Währungsunion als Ganzes und die Weltwirtschaft. Gut möglich, dass sich vor allem Deutschland und Frankreich unangenehme Fragen stellen lassen müssen: Wann bekommt ihr das Problem endlich in den Griff?

Da trifft es sich gut, dass Merkel zuvor in anderer Angelegenheit noch ein bisschen Schönwetter machen kann. Vor dem offiziellen Gipfelstart am Mittag trifft sich die Kanzlerin noch mit US-Präsident Obama. Die leidige Spionageaffäre, das hat Merkel bereits betont, soll dabei ausgeklammert werden. Im Örtchen Krün ganz in der Nähe des Tagungsortes wollen sie zusammen mit Bürgern auch eine bayerische Brotzeit einnehmen, zünftige Blasmusik inklusive. Wenn das Wetter mitspielt, sind sie dann wieder garantiert: die schönen Bilder.

Hier die Proteste vom Samstag im Video:

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