Bilanz des G7-Treffens Gipfel mit Aussicht

Krisen, Klima, kein Krawall: 27 Stunden tagten die Mächtigen der Welt in Schloss Elmau und versetzten Oberbayern in Ausnahmezustand. Was bleibt von Angela Merkels Gipfelshow? Und geht das auch eine Nummer kleiner?

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Von , Elmau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es war ein gelungenes Spektakel, findet die Gastgeberin. Gute Stimmung, spannende Gespräche, prima Essen, eine prächtige Location mit wunderbarer Aussicht, und, nach allem, was man so hört, glückliche Gäste. Bei Angela Merkel klingt das so: Es sei ein arbeitsintensives, konzentriertes und produktives Treffen gewesen. Die Kanzlerin wirkt aufgeräumt.

Der G7-Gipfel, für Merkel das wichtigste politische Ereignis dieses Jahres, ist Geschichte. Rund 27 Stunden haben die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, den USA, Kanada, Japan, Großbritannien, Frankreich und Italien, wie immer begleitet von der Spitze der Europäischen Union, in Schloss Elmau zusammengehockt.

Merkel, Obama und Co. haben über die großen Krisen gesprochen, über die Weltwirtschaft, Klimawandel, Hunger und Gleichberechtigung. Sie haben mit afrikanischen Gästen über ihre Chancen und Herausforderungen geredet. Das alles, so erzählen es die Fans dieses Gipfelformats zumindest immer, in einer unvergleichlich intensiven und vertraulichen Atmosphäre. Die "Stärke des Formats" habe sich in Elmau wieder einmal gezeigt, sagt Merkel.

  • Aber war der Gipfel nun ein Erfolg?

Das kommt natürlich auf die Perspektive an. Die Kanzlerin kann tatsächlich zufrieden sein. Die Gipfelregie bescherte ihr schöne Bilder im Überfluss. Ein Weißwurstfrühstück mit Barack Obama, Familienfotos inmitten saftiger Bergwiesen, und dazu immer dieses herrliche Alpenpanorama, oft bei bestem Sommerwetter. Tausende Sicherheitskräfte sorgten dafür, dass unten im Tal keine Krawalle diese Inszenierung überschatten konnten.

POTUS sagt "Servus": Obama bei der Abreise aus Bayern
AP/dpa

POTUS sagt "Servus": Obama bei der Abreise aus Bayern

Natürlich wird Merkel weit von sich weisen, dass es bei einem solchen Gipfel vor allem um die Show geht. Die Runde hat schließlich auch gearbeitet. Doch weil die Kanzlerin die Tagesordnung im Vorfeld ziemlich breit gestaltet hat, bleibt Elmau auch nicht als der Ort in Erinnerung, an dem die G7 ein Megathema angegangen sind.

  • Welche inhaltlichen Ergebnisse gibt es?

Merkel wollte in ihrer G7-Präsidentschaft eigene Akzente setzen, die Agenda geriet dabei aber ein wenig kleinteilig. In der Abschlusserklärung bekennt sich Runde dazu, den Kampf gegen Tropenkrankheiten künftig besser zu koordinieren, sich für die Gleichberechtigung von Frauen im Beruf einzusetzen, für menschenwürdige Arbeitsbedingungen bei der Produktion von Kleidung zu sorgen oder die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikmüll zu bekämpfen.

Das alles sind wichtige Anliegen, doch sie werden überlagert von den Krisenherden der Welt. Zwar demonstrieren die G7 Geschlossenheit, wenn es darum geht, Wladimir Putin für sein Vorgehen in der Ukraine zu bestrafen. So wird mit neuen Sanktionen gegen Russland gedroht, "sollten seine Handlungen dies erforderlich machen". Doch zugleich herrscht auch Rat- und Hilflosigkeit: Welche Ziele verfolgt Putin eigentlich? Wie kann man ihn zur Einsicht zwingen?

Und im griechischen Schuldendrama wundern sich die USA, Kanada und Japan schon länger: Wann bekommen die Europäer das Problem endlich in den Griff? US-Präsident Obama mahnt zum Abschluss des Gipfels zwar Reformen in Griechenland an, fordert zugleich aber "ausreichende Flexibilität" der internationalen Gemeinschaft.

Immerhin: Es gibt ein kleines Comeback der Klimakanzlerin. Merkel brachte Japan dazu, sich noch einmal zum sogenannten Zwei-Grad-Ziel zu bekennen. Dazu stellt die Erklärung das Ende des fossilen Zeitalters und eine massive Senkung der CO2-Emissionen bis 2050 in Aussicht. Das nötigt sogar Klimaaktivisten ein wenig Respekt ab.

  • Wie verliefen die Anti-G7-Proteste?

Weitgehend friedlich, zur großen Erleichterung der Gastgeber. Ein paar Rangeleien bei der Demo am Samstag in Garmisch-Partenkirchen, ein paar Blockadeversuche beim Sternmarsch zum Sperrzaun am Sonntag, einige Festnahmen und Verletzte - von der im Vorfeld befürchteten Gewalteskalation aber keine Spur.

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Insgesamt fanden deutlich weniger Demonstranten den Weg in die G7-Region als erwartet. Und sie trafen auf einen übermächtigen Sicherheitsapparat. Mehr als 20.000 Kräfte waren rund um den Gipfel im Einsatz, in den Orten rund um den ohnehin weiträumig abgeriegelten Tagungsort kamen gefühlt fünf Polizisten auf einen Gipfelgegner. Die Polizeiwagendichte auf den Straßen und Parkplätzen war so hoch, dass man den Eindruck bekommen musste, dass für die Zeit des Gipfels sämtliche Einsatzfahrzeuge der Republik in Oberbayern zusammengezogen wurden.

Polizeikräfte um Elmau: Noch Einsatzfahrzeuge im Rest der Republik?
AP/dpa

Polizeikräfte um Elmau: Noch Einsatzfahrzeuge im Rest der Republik?

Der Polizei half allerdings auch ein kräftiges Unwetter am Samstagabend, das beinahe eine Evakuierung des umstrittenen Protestcamps zur Folge hatte. Und auch das bergige Gelände machte den Demonstranten zu schaffen. Am Montag sagten die wenigen verbliebenen Gipfelgegner sogar ihren letzten Protestmarsch durch Garmisch ab - zu erschöpft.

  • Hat sich der ganze Aufwand nun gelohnt?

Na ja. Checkpoints, Ausweiskontrollen, Sperrzonen, Uniformierte überall - schön ist das nicht, wenn man sich wegen eines Politikertreffens zeitweise vorkommt wie in einem Polizeistaat. Die Sicherheit der prominenten Gäste in allen Ehren, die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen sollte gewahrt werden. Auch, dass sich Menschen in normalerweise beschauliche Orte aus Angst vor Krawall verschanzen, kann nicht im Sinne des Erfinders sein.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind für alle Betroffenen nicht nur belastend, sie sind auch extrem teuer. 130 Millionen Euro soll das ganze Spektakel kosten, heißt es offiziell. Der Steuerzahlerbund in Bayern sprach sogar von 360 Millionen.

Und der Ertrag? Keine Frage, es ist wichtig, dass einflussreiche Staatenlenker miteinander über die Probleme der Welt reden, im kleinen Kreis, von Angesicht zu Angesicht. Aber rechtfertigt das diesen gigantischen Aufwand? Oder lässt gerade dieser Aufwand die Distanz zwischen Volk und Politik größer werden? Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Diese Fragen müssen nach den Erfahrungen von Elmau einmal mehr erlaubt sein.


Zusammengefasst: Der G7-Gipfel in Elmau ist vorbei - es war ein gewaltiges Spektakel: Teuer, aufwendig, straff durchgeplant. Kanzlerin Merkel hat ihre Hochglanzbilder bekommen. Die Mächtigen der Welt haben zwar viele Themen angeschnitten, einzig beim Klima kam es zu einem Beschluss, der selbst von Kritikern positiv aufgenommen wird.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
fritzyoski 08.06.2015
1. Der Westen muss lernen
Der Westen (die USA und ihre Vasallen) sind zwar sehr maechtig, aber eben nicht maechtig genug um die gesamte Welt zu beherrschen. Es wird immer Gegenspieler geben die sich dem Willen des Westen wiedersetzen. Ob Iran, Russland oder China. Der Westen sollte freiwillig seinen imperilistischen Herrschaftsanspruch ueber den gesamten Planeten aufgeben und lernen mit anderen Laendern und deren Interessen zusammen zu leben. Falls es dem Westen nicht gelingen sollte seinen Herrschaftsanspruch freiwillig aufzugeben wird dies eines Tages unter weitaus unguenstigeren Umstaenden passieren. Der Rest der Welt laesst sich nicht fuer ewig von diesen Imperialisten auf der Nase rumtanzen. Erschwerend kommt noch dazu das einige Laender, allen voran China, ihre eigenen imperialistischen Ziele verfolgen.
abc. 08.06.2015
2. Am Montag sagten die wenigen verbliebenen Gipfelgegner sogar ihren letzten Protestmarsch durch Garmisch ab - zu erschöpft.
Ist halt doch etwas anderes, als mal eben mit den Öffentlichen 4 Haltestellen weit zur friedlichen Blockade gefahren zu werden. Eine unbezahlbare Ironie der Geschichte bleibt auf jeden Fall die Evakuierung des Lagers wegen Überschwemmung - wo doch jeder weiß, dass das Lagerverbot aufgrund Überschwemmungsgefahr bloß eine Verschwörung der Staatsmacht war.
dborrmann 08.06.2015
3. Der Aufwand ist okay....
Das ist eine Meisterleistung an Organisation. Da ein solcher Gipfel auch repräsentativen Charakter hat, darf er auch ordentlich was kosten. Man mag über die Höhe der Kosten streiten, aber es war deutlich billiger als das, was wir der doofen FIFA für WM-Übertragungen im Fernsehen bezahlen müssen. Und da ist so ein Gipfel doch wirklich wichtiger als so eine Fußball-WM.
Partieller Augentinnitus 08.06.2015
4.
Erschreckend, wie subtil und konsequent Merkel das Seppl-Image der Deutschen in der Welt bestätigt!11!! Selbst das bayerische Sanitär-Kulturerbe, der Alpen-Donnerbalken, muss zum Gruppenfoto herhalten: https://www.spiegel.de/images/image-858730-panoV9free-cmqg.jpg Mein Mitgefühl gilt den Scherpas in der zweiten Reihe!!!!!1!!!1
stapsiponti 08.06.2015
5. Ein Jahr danach
Lieber Spiegel, darf ich die Bitte äussern, die Funktion der 4. Gewalt wahrzunehmen und in einem Jahr die erste Zwischenbilanz zu ziehen, mit Fakten eben, wie wir es gewohnt sind vom Spiegel. Nachdem bei uns Opposition heisst, Geschenke zu versprechen, um aus dem Wählertief zu kommen, muss ja jemand die Funktion der checks and balances erfüllen. Und bis zum Ende des Jahrhunderts zu warten (was für ein Ziel!) werden wohl nur jene können, die noch nicht im Kindergarten sind. Und da nicht zu erwarten ist, dass die Öl-und Gaslobby klein beigibt, und ggfls. die Republikaner dieser Frau Clinton das Wasser abgraben, müssen wir hier dann einen eigenen Weg gehen, gemessen an dem, was hier nun in Elmau verkündet wurde.
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