G8-Gipfel in Heiligendamm Anti-G8-Aktivist kündigt Krawalle an

Die Aktionen gegen den G8-Gipfel im Juni sollen friedlich verlaufen - da waren sich die Organisatoren des Protests bisher einig. Nun kokettiert der Sprecher einer linksextremen Gruppe mit Gewalt. Platzt das Demonstrations-Bündnis?

Von Ingo Arzt


Eigentlich sollte es um eine friedliche Demonstration am 2. Juni gegen die Politik der G8 gehen - pünktlich zum jährlichen Treffen der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industriestaaten plus Russland in Heiligendamm. Eigentlich.

Sitzen oder stehen? G8-Gegner beim Probe-demonstrieren.
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Sitzen oder stehen? G8-Gegner beim Probe-demonstrieren.

Denn zum dem Bündnis von Globalisierungskritikern, das heute in Berlin vor die Presse trat, gehört auch die "Interventionistische Linke" - eine lose Gruppierung von extremen Linken. "Wir glauben, dass alle Aktionsformen passieren können, und distanzieren uns nicht davon", sagte ihr Vertreter Benjamin Laumeyer auf mehrfache Nachfrage, ob denn während der Proteste am Rande des G8-Gipfels in Heiligendamm vom 6. bis zum 8. Juni gewalttätige Ausschreitungen zu erwarten sind.

Sichtlich irritiert entgegnete Werner Rätz von Attac Deutschland, es gebe zwischen den verschiedenen Gruppierungen eine "konkrete und belastbare Vereinbarung, dass die Demonstration prinzipiell einen friedlichen Charakter haben soll".

Die Demonstration am 2. Juni soll der Auftakt zum diesjährigen G8-Protest werden. Die Veranstalter hoffen auf bis zu 100.000 Teilnehmer vorwiegend aus Deutschland, Dänemark und Polen. Bunt und friedlich soll es zugehen. Selbst die Polizei hat keine konkreten Hinweise auf geplante Ausschreitungen am Rande. Doch Benjamin Laumeyer will sich nur für den 2. Juni an die Vereinbarungen des Bündnisses gebunden wissen.

Die Vereinbarungen lauten im Detail: Gewaltfreiheit und passiver Widerstand - gerade auch bei den Blockaden, die von "Block G8" organisiert werden. Das Bündnis aus kirchlichen Gruppen, Autonomen, radikalen Linken, Mitglieder von Attac, Greenpeace oder Partei- und Gewerkschaftsjugend will die Zufahrsttraßen zum Seebad Heiligendamm abriegeln, um die Infrastruktur des G8-Gipfels lahmzulegen.

Keine Schlacht, sondern Inhalt

Das Bündnis gilt als am besten organisierte Protestbewegung seit Jahren. Die Polizei reagiert darauf mit ihrem größten Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik: 16.000 Polizisten aus verschiedenen Bundesländern werden kommen, dazu 2000 der Bundespolizei, 1000 des Bundeskriminalamtes, eine Staffel Polizeihubschrauber, und Bundeswehr und Marine sichern den See- und Luftraum.

Die Protestbewegung will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, man setze auf eine Art Mutter aller Schlachten. Deshalb sind Aussagen verheerend, die auf mögliche Ausschreitungen schließen lassen. Für Organsiationen wie Greenpeace, Attac oder die Mecklenburgische Landeskirche ist Gewaltfreiheit Voraussetzung für ein Bündnis.

Das Feinbild G8 schweißte bisher selbst Kommunisten und Christen zusammen. Der Konsens: Auf dem jährlichen Treffen der G8 würden Entscheidungen gefällt, die demokratisch nicht legitimiert seien. Außerdem trügen sie vornehmlich Schuld an Klimawandel, Kriegen, Armut und Hunger. Zum Anti-G8-Repertoire gehört neben der Demonstration am 2. Juni auch ein Alternativgipfel, auf dem Politikkonzepte diskutiert werden.

"Wir nehmen das sehr ernst"

Künstler von Jan Delay über "Wir sind Helden" bis zu Herbert Grönemeyer geben Konzerte. Die Evangelische Landeskirche Mecklenburg will einen "Heiligen Damm des Gebets" mit 100 Gemeinden rund um Heiligendamm bilden – schließlich hat der Lutherische Weltbund schon im Jahr 2003 die "neoliberale Globalisierung" als "Götzendienst" bezeichnet.

Die Polizei sieht selbst den angekündigten gewaltlosen Widerstand von "Block G8" mit gemischten Gefühlen. "Wir haben zwar keine Hinweise auf gewalttätige Ausschreitungen. Ankündigungen zur Überwindung von Polizeisperren seitens 'Block G8' haben für uns aber nichts mit friedlicher Demonstration zu tun, wir nehmen das sehr ernst", sagt der Sprecher der "Besonderen Aufbau-Organisation" (BAO) Kavala, Axel Falkenberg. Die Kavala (benannt nach einem griechischen Ort, der wie Heiligendamm den Spitznamen "weiße Stadt am Meer" trägt) organisiert den Einsatz zum Schutz des G8-Gipfels. Das eigens für den Einsatz eingerichtete Lagezentrum in Waldeck ist von Stacheldraht umzäunt und wurde von der Fassade bis zu den Toiletten extra für den Gipfel saniert.

Auch die Aktivisten von "Block G8" haben ihr Hauptquartier: eine alte Plattenbau-Schule in Rostock-Evershagen, so grau, dass sie eigentlich hätte abgerissen werden sollen. Die Stadt hat das Gebäude den Protestlern kostenlos zur Verfügung gestellt, allerdings komplett leer.

Sitzen oder stehen

Schon seit dem Frühjahr 2006 bereiten sich die Aktivisten auf die Blockaden vor. Auf ihrem letzten großen Treffen Mitte April in Rostock habe sie ihre Strategie bereitwillig zur Schau gestellt: Auf einer Zufahrtstraße nach Heiligendamm schleiften und zerrten sich Demonstranten gegenseitig über die Straße und brüllten Polizeibefehle.

Auf der angemeldeten Show für die Pressevertreter spielten ein paar Aktivisten die Staatsmacht und versuchen erfolglos, eine zweireihige Phalanx aus Blockierern von der Straße zu zerren. Vorn saßen Demonstranten, dahinter standen sie untergehakt in einer Reihe.

Sitzen oder stehen ist einer alter Konflikt für die Aktivisten: jene von der Antifa standen in der Vergangenheit lieber, wenn sie sich etwa Aufmärschen der NPD in den Weg stellten. Atomkraftgegner dagegen bevorzugten es, den anrollenden Castor-Transporten sitzend zu begegnen. Und zusammen? Wenn nicht alle sitzen, dann stolpern die von der Antifa womöglich über die Atomkraftgegner. Und wer von der Polizei seit zehn Jahren im sitzend weggetragen wird, der fühlt sich unsicher, wenn er auf einmal stehen muss.

Damit sich die Aktivisten bei so viel Protest-Vereinigung tatsächlich nur wegtragen lassen und nicht aktiv zur Wehr setzen, dazu gibt es innerhalb von "Block G8" eine Vereinbarung, versichert Werner Rätz von Attac. "Wir können aber nicht abstellen, dass andere in ihrem eigenen Namen irgend etwas anderes machen", ergänzt er.



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