Gabriel-Rede Kandidat fürs Herz

SPD-Chef Gabriel will es wissen. Mit seinem Auftritt beim Parteitag zeigt der Niedersachse, dass er sich selbst für einen guten Kanzlerkandidaten hält. Peer Steinbrück bekommt einen neuen Konkurrenten, der ihm noch gefährlich werden kann.

dapd

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In der Politik gibt es drei Arten, den Kampf mit einem Rivalen aufzunehmen. Man kann die direkte Feldschlacht suchen, zum Beispiel bei einer Kampfabstimmung. Die zweite Möglichkeit ist die hinterhältige Intrige: Mit allerlei Tricks, die den Gegner zu Fall bringen, sucht der Politiker den eigenen Vorteil. Die dritte Möglichkeit des Angriffs hat der SPD-Vorsitzende Gabriel aufgezeigt: Man hält eine Rede.

Sigmar Gabriels Auftritt beim SPD-Parteitag macht deutlich, wie offen das Rennen um die Kanzlerkandidatur der SPD ist. Wer glaubt, zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl sei die Sache schon entschieden, irrt. Peer Steinbrück hat derzeit die Nase vorn, auch Frank-Walter Steinmeier ist im Rennen, aber Sigmar Gabriel will auch. Das steht fest. Sein Auftritt war nichts anderes als eine mehr oder weniger offene Kampfansage an den früheren Finanzminister und den ehemaligen Außenminister.

Gabriel skizziert als Vorsitzender seiner Partei einen Bundestagswahlkampf 2013, zu dem als Kandidat weder Peer Steinbrück noch Frank-Walter Steinmeier passen, sondern nur er, der Vorsitzende. Gabriel will eine Richtungsentscheidung, er will mehr soziale Gerechtigkeit, weniger Pragmatismus, mehr Visionen, das alles sind seine Stichworte, mit den Hardcore-Realos Steinbrück und Steinmeier haben sie nichts zu tun.

Das Herz der SPD schlägt eben links

Gabriel zielt auf das Herz der Partei. Sein Hinweis, dass nicht die Medien bestimmen, sondern die Partei über die Kanzlerkandidatur der SPD entscheidet, muss in den Ohren Steinbrücks wie eine unheilvolle Drohung wirken. Wenn Steinbrück der Liebling der Medien ist, dann macht sich Gabriel als Kämpfer für die Armen und Entrechteten auf, Liebling seiner Partei zu werden. Sie kann ihm am Ende die Kandidatur auf dem silbernen Tablett servieren, und Steinmeier und Steinbrück sehen alt aus.

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SPD-Parteitag: "Kein normales Land"
Das Herz der SPD schlägt eben links, wer es erobern will, muss immer daran denken. Das 91-Prozent-Ergebnis für Gabriel spricht eine klare Sprache.

Gegenüber Steinbrück und Steinmeier hat Gabriel einen strukturellen Vorteil: Wenn er von einem Richtungswechsel spricht und den Lagerwahlkampf beschwört, erscheint er glaubwürdig. Steinbrück und Steinmeier müssen mit dem Manko leben, dass jeder Genosse weiß, dass sie zwar linke Reden halten können, aber in der Regierung immer für eine andere Politik eingetreten sind. Gabriel ist unbelastet - wie man so schön sagt.

Mehr K-Casting geht nicht

Natürlich spricht vieles für Steinbrück oder Steinmeier: Sie haben viel Erfahrung, sind Macher, als Pragmatiker können sie die breite Mitte der Wählerschaft ansprechen und im Lager der Wechselwähler wildern. Aber eins gilt auch: Die Jahre der Kanzlerschaft Gerhard Schröders haben sich in das kollektive Gedächtnis der SPD tief eingegraben. Kanzler, Partei und Programm passten damals nicht zusammen, das will die SPD nicht noch einmal erleben.

So ist ein interessantes Schauspiel bei der SPD zu besichtigen. Gabriel, Steinbrück und Steinmeier beschwören die Geschlossenheit und wollen von einem Kandidaten-Casting nichts wissen. Gleichzeitig tun sie aber genau das: Mehr K-Casting geht nicht.

Noch wirkt das alles fröhlich und heiter. Doch die Stimmung im lustigen Trio kann schnell kippen - in Misstrauen, Neid, Gegnerschaft. Darauf freut sich eine schon ganz besonders: Angela Merkel.

insgesamt 19 Beiträge
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einstein_ulm 05.12.2011
1. Der Euro-Bond Sigmar
hat nicht das Zeug zum Bundeskanzler. Kann sich ernsthaft jemand vorstellen, dass Sigmar die Bundesrepublik würdig und professionell vertreten kann?
der_helge 05.12.2011
2. Gabriel beweißt erneut: Er ist nicht gesellschaftsfähig
Kein Kandidat fürs Herz. Mit seiner Rede und seinen Gassenhauern hat Gabriel nur erneut unterstrichen, dass er nicht mehr ist als ein Polemiker. Wie schon Schröder in dem denkwürdigen Interview zusammen mit Angela Merkel jede Publikumsgunst verspielte als er abfällige machohafte Bemerkungen machte, so lernt auch Gabriel nichts. Er bleibt ein armer Marktschreier, von dem man nicht mal einen Blumentopf kaufen würde. Ich warte nur noch, das die SPD unter ihm (wie die unsäglichen Piraten) das "bedingungslose Grundeinkommen" fordert. Geld für alle. Kein Problem. Wer ständig gegen die staatstragende (weil für 80% des Steueraufkommens verantwortliche) Schicht agiert wird hoffentlich ernten und endlich in die lange überfällige politische Bedeutungslosigkeit abrutschen. Steinbrück hat nicht nur Übersicht, sondern auch Verstand genug, nicht nur auf den Pöbel als Wählerstimmengarant zu setzen.
Knackeule 05.12.2011
3. Gute Nacht, SPD
Schon merkwürdig, wie ernst der Spiegel und viele andere seriöse Publikationen diese Faschingsveranstaltung namens "SPD-Parteitag" in Berlin nehmen. Noch merkwürdiger ist allerdings, dass angeblich die SPD schon wieder bei ca. 30 % in den aktuellen Umfragen liegt. Offensichtlich hat die seit Jahren voranschreitende kollektive Verblödung im Lande schon beängstigende Ausmaße erreicht. Zur Erinnerung: unter dem SPD-Kanzler Schröder ("Kanzler der Bosse") und seiner rot-grünen Chaos-Regierung wurde de facto die bis dahin real existierende soziale Marktwirtschaft in D zugunsten eines Raubtier-Kapitalismus abgeschafft (Abschaffung Bankenregulierung, Agenda 2010-Gesetze, 1 Euro-Jobs, Geringverdiener-Arbeitsverhältnisse etc.). Die jetzige SPD-Führung denkt offensichtlich nicht daran, diesen Schröder-Scheißdreck wieder rückgängig zu machen. Vielmehr haben sie sich bei der SPD jetzt auf Europa fokkusiert und fordern vehemment die Einführung der Euro-Bonds, d.h. die Vergemeinschaftung aller Schulden der EU-Pleiteländer zu Lasten von D, was unweigerlich über kurz oder lang auch zum Staatsbankrott von D und damit zur Entwertung aller Sparguthaben in D führen würde. Und diese SPD soll jetzt also der Hoffnungsträger für D sein ? Wer das glaubt, dem haben doch die Spatzen ins Gehirn geschissen., sorry.
stanislaus2 05.12.2011
4. Sigi Pop
Die Lena der SPD. Nett ist er ja. Aber ein Parteiführer?
atticusfinch 05.12.2011
5. Nicht Kandidat, fürs Herz, sondern fdA - PoPo:
Populistischer Polemiker. Man stelle sich vor, dieser Mann wäre Kanzler. Ich habe keine Ahnung von Karneval, aber ich dachte, die Berichte kämen von einer solchen Veranstaltung. Steinmeier spricht und gestikuliert genau wie Schröder und Helmut Schmidt wird langsam peinlich. Sollte dieser Pseudovorwahlkampf etwas zeigen, dann dieses: den Hauch einer Chance gegen Merkel wird 2013 nur Peer Steinbrück haben.
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