Gabriel und Nahles SPD-Spitzenduo rechnet mit Schröder und Müntefering ab

Sie haben früher ein Nicht-Verhältnis gepflegt, jetzt demonstrieren der künftige SPD-Chef Gabriel und seine designierte Generalin Nahles Geschlossenheit. Im SPIEGEL-Interview keilt das Duo gegen die Vorgänger: Unter Schröder und Müntefering habe die SPD "ihr Herz" verloren.
Künftige SPD-Vorderleute Gabriel, Nahles: Einig auch in der Kritik an ihren Vorgängern

Künftige SPD-Vorderleute Gabriel, Nahles: Einig auch in der Kritik an ihren Vorgängern

Foto: A3803 Jochen Lübke/ dpa

Hamburg/Berlin - Er hatte jahrelang noch nicht einmal ihre aktuelle Handynummer - was Sigmar Gabriel auffiel, als er Andrea Nahles nach der Pleite bei der Bundestagswahl zu kontaktieren versuchte. O-Ton Nahles im Interview mit dem SPIEGEL: Man habe ein "Nicht-Verhältnis" gepflegt.

Doch nun sollen die beiden die SPD aus der Krise führen - und der designierte Parteichef und seine künftige Generalsekretärin scheinen sich in den wenigen Wochen seit dem verheerenden Wahlabend bereits trefflich zusammengerauft zu haben. Gabriel sagt im SPIEGEL-Doppelinterview, es sei zwar noch nicht so weit, dass Nahles ihn "Hase" nenne, doch hätten sich viele Vorurteile übereinander nicht bestätigt. Seine designierte Generalsekretärin wiederum zeigte sich überrascht von den Uhrzeiten, zu denen Gabriel ihr SMS schicke: "Entweder ganz früh oder ganz spät nachts."

Eng beieinander ist das künftige Spitzenduo, das kommende Woche bei dem SPD-Bundesparteitag in Dresden gewählt werden soll, auch in der Abgrenzung zur alten Führung. Gabriel und Nahles kritisieren sowohl die sozialdemokratische Politik der vergangenen Jahre als auch den Führungsstil ihrer Vorgänger an der Parteispitze. "Der Wähler hat einfach kein klares Bild mehr davon, wofür wir stehen", sagte Gabriel. Man dürfe "nicht sagen, es war alles richtig, was wir gemacht haben, die Leute waren nur zu dumm, es zu verstehen."

Er kritisierte insbesondere, dass die SPD in der Regierung die Finanzmärkte dereguliert und "die Hürden für Heuschrecken gesenkt" habe. Zudem habe die Partei mit der Agenda 2010 zwar die Arbeitslosigkeit gesenkt. "Aber wir können nicht stolz darauf sein, dass es immer mehr Beschäftigungsverhältnisse gibt, von denen man nicht leben kann."

Nahles bemängelte, in den Augen der Wähler habe die SPD ihr "Herz verloren". "In unserer Regierungsrhetorik haben wir uns ständig gerechtfertigt, statt mehr auf die Menschen einzugehen", sagte sie. Die künftige Generalsekretärin kritisierte indirekt auch den ehemaligen Parteichef Gerhard Schröder und den scheidenden Vorsitzenden Franz Müntefering: "In den vergangenen Jahren hat es bei uns eine Art Kündigungskultur gegeben. Wenn einem an der Spitze etwas nicht gepasst hat, hat er eben gekündigt oder damit gedroht. Damit muss Schluss sein."

Scharfe Kritik an Schwarz-Gelb

Noch viel schärfer fallen natürlich die Attacken auf den politischen Gegner aus. Gabriel warf Bundeskanzlerin Angela Merkel "Tatenlosigkeit" vor. Sie habe "den größten Unsinn in der Koalitionsvereinbarung zugelassen". Nahles attackierte insbesondere die Gesundheitspolitik der Regierung. "Da wird mit Philipp Rösler der Bock zum Gärtner gemacht", sagte sie. "Es wird mehr Zwei-Klassen-Medizin geben statt weniger. 2011 soll die Kopfpauschale eingeführt werden. Eine Sekretärin wird dann genauso viel zahlen wie ihr Chef."

Zu künftigen rot-roten Bündnissen sagte Gabriel: "Es gibt keinen prinzipiellen Grund, nicht mit der Linkspartei zu koalieren. Es gibt aber auch keinen prinzipiellen Grund, es immer zu tun."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der in Dresden zum stellvertretenden SPD-Vorsitzenden gewählt werden soll, wirbt unterdessen für eine Rückkehr ehemaliger Mitglieder von der Linken zur SPD. "Die SPD hat keinen Aufnahmestopp. Auch ehemalige SPD-Mitglieder, die jetzt bei der Linken sind und zur SPD zurückfinden wollen, sind uns willkommen. Denn wir freuen uns über jedes neue Mitglied ", sagte er der "Bild am Sonntag".

Wowereit kritisiert Linke

Kritik übte Wowereit am Zustand der Linken: "Die Linkspartei hat viele Entscheidungen über ihren künftigen Kurs vertagt. Der Richtungsstreit zwischen den Pragmatikern und den Ideologen muss geführt werden." Eine Auflösung der Partei hält Wowereit der Zeitung zufolge nicht für realistisch. "Ich bin aber nicht so optimistisch, zu erwarten, dass die Linkspartei schnell von der politischen Landkarte verschwindet. Demzufolge steht auch eine mögliche Fusion von SPD und Linkspartei für Wowereit nicht auf der Tagesordnung: "Diese Frage beschäftigt mich nicht."

Prominente CDU-Politiker attackieren die SPD erneut wegen ihres Verhältnisses zur Linken - vor allem wegen des in dieser Woche gestarteten rot-roten Bündnisses in Brandenburg. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bezeichnete die Koalitionsentscheidung von Ministerpräsident Matthias Platzeck gegenüber der "Bild am Sonntag" als "nachträglichen Ritterschlag für ehemalige Stasi-Leute". Unionsfraktionschef Volker Kauder sprach in der "BZ am Sonntag" von einer unerträglichen Zumutung.

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