Buchautorin Gabriele Pauli Latex und Kuhfladen

Sie hat Stoiber mitgestürzt, sie hat sich in Latex gezwängt, sie hat keine Partei mehr. Die scheidende Abgeordnete Gabriele Pauli präsentiert mitten im bayerischen Landtagswahlkampf ihr Werk "Die rote Rebellin". Das Buch erzählt die Geschichte von der sündigen CSU und steckt voller Poesiealbum-Sätze.

DPA

Von , München


Die CSU will sie nicht mehr zurück, die Freien Wähler auch nicht, das Projekt mit der Freien Union scheiterte: Für Gabriele Pauli ist nicht viel übriggeblieben, rein parteipolitisch sozusagen. Zuletzt saß die über Jahre populäre und erfolgreiche Fürther Landrätin, die zum Sturz von Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Edmund Stoiber beitrug, als fraktionslose Abgeordnete im bayerischen Landtag. Damit ist es jetzt auch vorbei. Für die Landtagswahl am 15. September kandidiert die 56-Jährige nicht mehr. Dafür hätte sie eine Partei gebraucht, die sie nicht hat.

Auch die SPD scheidet dafür wohl künftig aus: Es gebe eine "natürliche Distanz" zwischen Gabriele Pauli und den Sozialdemokraten, sagt Markus Rinderspacher, SPD-Fraktionschef im bayerischen Landtag, am Donnerstag. Er ist in den Presseclub München gekommen, um zusammen mit Pauli das Buch der scheidenden Abgeordneten zu präsentieren. "Die rote Rebellin - Fortschritt braucht Provokation". 255 Seiten sind es geworden, auf denen erzählt wird, wie Pauli im Freistaat zur schillerndsten Politikerin der vergangenen Jahre wurde.

Noch einmal also geht es um Paulis Auseinandersetzung mit Edmund Stoiber, um ein feuerrotes Motorrad der Marke Ducati - und natürlich: um ellbogenlange, schwarze Latexhandschuhe.

Mit dem Buch beende sie ein "Kapitel ihres Lebens", sagt Pauli im Presseclub. Sie habe jetzt "so etwas wie einen Neustart" vor sich. Rinderspacher verleiht dem Buch ein drolliges Prädikat: "konsumentenfreundlich geschrieben". Der Termin ist für ihn natürlich auch Wahlkampf gegen die CSU, die Umfragen zufolge wieder auf eine absolute Mehrheit hoffen darf. Rinderspacher zitiert Passagen, in denen Pauli die einst massiven Anfeindungen von Christsozialen schildert ("Die moderne Hexe trägt rot, sieht gut aus und ist Mitglied der CSU"). Und natürlich teilt er ihre Meinung, dass Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) Menschen als "Schachfiguren und Statisten" sieht. In dieser Frage ähnele er Stoiber, schreibt Pauli.

C wie chaotisch, S wie sündig, U wie unbelehrbar

Ausgerechnet am Tag seiner Rücktrittsankündigung im Januar 2007 hatte Pauli einen Gesprächstermin mit Stoiber ("Monolog eines Mannes, der die Welt nicht mehr verstand"). Dieser habe sie zuvor wochenlang "wie eine nervige wilde Hummel abgewimmelt", schreibt Pauli. Dabei war sie es, die als CSU-Vorstandsmitglied Ende 2006 ein Internetforum für Stoiber-Kritiker freigeschaltet, der Staatskanzlei Spitzelei vorgeworfen und damit den schrittweisen politischen Niedergang Stoibers eingeleitet hatte.

Triumphierte sie, als Stoibers Rückzug bekannt wurde? Ihr war nicht danach. "Da war auch Tragik", schreibt sie. Dass der "Politdino" jetzt in der CSU "längst wieder rehabilitiert" sei und auf Parteiveranstaltungen auftritt, wertet Pauli allerdings als Zeichen der Schwäche: Die CSU, der sie Ende 2007 den Rücken kehrte, müsse "mangels profilierter Nachwuchskräfte auf ihn bauen". Die Bedeutung der drei Parteibuchstaben? "Chaotisch, sündig, unbelehrbar".

Ihr Kampf in der CSU hat offenbar ein paar Wunden hinterlassen: Mit Stoiber, der 2005 einen Ministerposten in Berlin ausschlug, rechnet sie ab. Er hatte "zu viele Schwächen" und hätte in Berlin "auch mit seinen mangelhaften Englischkenntnissen" Schwierigkeiten bekommen.

"Domina der Nation"

Und dann, ja, diese Sache mit den Latexhandschuhen. Sie machten sie plötzlich zur "Domina der Nation, die Sadomaso-Utensilien trug" (Pauli über Pauli). Dabei war sie im März 2007 doch nur einer Einladung der Zeitschrift "Park Avenue" gefolgt, die ihr "eine seriöse Story mit hochwertigen Fotos" versprochen hatte.

Ist ja nicht verwunderlich, wenn man bei dem Termin ein goldenes Stretch-Minikleid anprobieren, sich eine Perücke und "eine neckische Augenmaske" anziehen und diese Handschuhe überstreifen soll. Völlig normal, schon klar. "Latex ist doch nur ein Material, dachte ich", schreibt Pauli, die das Buch zusammen mit einem Co-Autor verfasst hat. Überhaupt: "Das Ambiente war ästhetisch, der Rollentausch spannend." Außerdem hatte man ihr angeblich mündlich zugesichert, dass sie die Fotos freigeben könne. Aber das Magazin druckte sie einfach ab. Was für ein "Trick-Journalismus, dem die Menschenwürde egal ist".

Wirklich Überraschendes aus dem politischen Leben Paulis ist in dem Buch nicht zu finden. Stattdessen gibt es mit viel Weichzeichner die Bilanz einer Frau, die "nicht brav in der Herde blieb". Dazu Empfehlungen fürs Leben wie diese: "Alle paar Jahrzehnte sollte man Marx mal wieder lesen, denn das Lebensalter verändert bekanntlich auch das Bewusstsein." Außerdem Schilderungen über ihre Leidenschaft für das Motorradfahren, ihre rote Ducati hatte sie auch in Wahlkämpfen eingesetzt: "In der Toskana machte mir die Übung, vor den Kuhfladen auszuweichen, zu schaffen."

Und dann gibt es Sätze, über die sich jeder Esoterik-Verlag freuen würde: "In uns allen stecken so viele Schätze, die wir nicht zu heben wagen." Oder: "Wir müssen vor nichts Angst haben, auch nicht vor unseren Abgründen." Oder: "Es kann eine elementare Lehre sein, die Leere in sich zu spüren."

Sie werde künftig Vorträge und Seminare halten, sagt Pauli am Donnerstag, außerdem will sie bald einen eigenen Kräutertee anbieten. Vielleicht komme sie irgendwann in die Politik zurück. Ein paar "Visionen einer besseren Welt" liefert sie in ihrem Buch gleich mit. Sie reichen vom bedingungslosen Grundeinkommen über eine bessere Kinderbetreuung bis zur "Ehe auf Zeit".

Alles im Leben habe "seinen Sinn und Charme", schreibt Pauli und beendet ihr Buch mit dem Satz: "Unter dem Geröll liegt das Gold." Man kann ihr nur weiter viel Glück beim Graben wünschen.

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kumi-ori 29.08.2013
1. Das war Gabriele Pauli.
So eine tolle Frau und dann so ein Ende. Es ist ein Jammer. Dabei kritisiere ich nicht einmal die bösen Handschuhe. Der Fehler war, dass sie am Ende doch den Schwanz eingezogen hat. Die Handschuh-Geschichte hätte sie mit erhobenem Haupt und selbstbewusst bis zum Ende durchziehen müssen, dann wäre sie heute Ministerpräsidentin. Was dann folgte war die Spirale abwärts. Die peinliche Anbiederung bei den Freien Wählern, die katastrophale Parteiengründung, blöde Sprüche und Esoterikgeschwätz. Und jetzt auch noch ein Buch. Und noch schlimmer: eine Buchpräsentation. Spießiger gehts nimmer. Ihr eigener Nachruf.
christian simons 29.08.2013
2.
Zitat von sysopDPASie hat Stoiber mitgestürzt, sie hat sich in Latex gezwängt, sie hat keine Partei mehr. Die scheidende Abgeordnete Gabriele Pauli präsentiert mitten im bayerischen Landtagwahlkampf ihr Werk "Die rote Rebellin". Das Buch erzählt die Geschichte von der sündigen CSU und steckt voller Poesiealbum-Sätze. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gabriele-pauli-stellt-ihr-buch-die-rote-rebellin-vor-a-919238.html
"Die rote Rebellin"? Lahmer Titel. Wie wäre es mit "Shades Of White-Blue"?
leidenfeuer 29.08.2013
3. Sankt Pauli sieht rot.
Zitat von sysopDPASie hat Stoiber mitgestürzt, sie hat sich in Latex gezwängt, sie hat keine Partei mehr. Die scheidende Abgeordnete Gabriele Pauli präsentiert mitten im bayerischen Landtagwahlkampf ihr Werk "Die rote Rebellin". Das Buch erzählt die Geschichte von der sündigen CSU und steckt voller Poesiealbum-Sätze. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gabriele-pauli-stellt-ihr-buch-die-rote-rebellin-vor-a-919238.html
Racheengel Gabriele verteufelt seine Vergangenheit und liest der alten Partei die Leviten.
kleverle 29.08.2013
4. Gabriele Pauli
Jedenfall hat sie zumindest den Mut gehabt, dem verkrusteten Altmännerclub CSU, der er meiner Meinung nach ist, den Spiegel vorzuhalten. Schon das alleine ist zu bewundern. Ich kann mich an niemand erinnern, der das bisher gewagt hätte, obwohl es dringend notwendig wäre. Ich wäre froh, wenn wir mehr solche Politiker(innen) hätten, die Ihr persönliches Wohl hinten an stellen.
33goodyear 29.08.2013
5. ....pauli .........
...... Wir bitten Dich komm zurück in die Politik, räum auf !!!
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