Gammelfleisch-Verdacht Bayerns Verbraucherschutzminister in Bedrängnis

Gammelfleisch-Verdacht in Bayern: Nach einem anonymen Hinweis hat die Staatsanwaltschaft tonnenweise abgelaufenes Tiefkühlfleisch gefunden. Das Verbraucherministerium hatte den per E-Mail eingegangenen Tipp zunächst ignoriert, die Opposition fordert nun den Rücktritt von Minister Schnappauf.


München/Memmingen - In Bayern gibt es möglicherweise einen neuen Fall von Gammelfeisch: Im Kühlraum einer Münchner Firma seien drei bis fünf Tonnen Tiefkühlfleisch mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum gefunden worden, sagte die Münchner Staatsanwaltschaft und bestätigte einen entsprechenden Bericht der "Süddeutschen Zeitung". Anhand von Proben werde nun der Zustand der Ware untersucht. Außerdem werde überprüft, ob das Fleisch umetikettiert worden sei.

Gammelfleisch-Verdacht in München: In einem Lagerraum einer Firma auf dem Schlachthof-Gelände wurde abgelaufenes Tiefkühlfleisch gefunden
DPA

Gammelfleisch-Verdacht in München: In einem Lagerraum einer Firma auf dem Schlachthof-Gelände wurde abgelaufenes Tiefkühlfleisch gefunden

Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) war durch einen anonymen Hinweis aufmerksam geworden, den das bayerische Verbraucherschutzministerium nach eigenen Angaben übersehen hatte. Die Oppositionsparteien im Landtag forderten deshalb den Rücktritt von Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU). "Der Minister hat sein Haus nicht im Griff", sagte der SPD-Abgeordnete Ludwig Wörner. Das Ministerium habe nun bereits zum dritten Mal nicht auf Hinweise auf Gammelfleisch reagiert. Auch die Grünen forderten den Rücktritt des Ministers. "Auch mehr als ein Jahr nach dem ersten großen Fleischskandal in Bayern gibt es im Verbraucherschutzministerium überhaupt kein Problembewusstsein", sagte Grünen-Agrarexperte Adi Sprinkart.

Dem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge weigerte sich das Ministerium des CSU-Politikers dem per E-Mail eingegangenen Hinweis auf mehrere Tonnen verdächtiger Fleischwaren eines Münchner Betriebs nachzugehen, weil der Tippgeber nicht seinen Namen und Adresse genannt habe.

Der anonyme Informant hatte am Sonntag unter dem Betreff "Gammelfleisch" eine E-Mail mit detaillierten Angaben an das bayerische Verbraucherschutzministerium geschickt. Darin hieß es mit genauen Ortsangaben, in einem illegalen Lagerraum würden seit Jahren problematische und umetikettierte Fleisch- und Wurstware gelagert. Das Ministerium antwortete dem E-Mail-Absender jedoch nur, dass auf Grund der Allgemeinen Geschäftsordnung der bayerischen Behörden Zuschriften ohne Absenderangaben grundsätzlich nicht bearbeitet würden.

Da der Absender gleichzeitig auch eine Kopie an das Münchner Umweltreferat sandte, landete die E-Mail am Dienstag beim zuständigen Kreisverwaltungsreferat der Stadt München. Das schaltete umgehend die staatliche Veterinäraufsicht eingeschaltet und setzte für den nächsten Tag eine Kontrolle an. Dabei stießen die Kontrolleure tatsächlich auf das verdächtige Tiefkühlfleisch in dem genannten Lagerraum, dessen Existenz der Firmenchef bei der Kontrolle zunächst abgestritten habe. Der Geschäftsführer nannte die Gammelfleischvorwürfe "grundsätzlich falsch und an den Haaren herbeigezogen".

Die Staatsanwaltschaft München stellte in dem Fleischgroßhandel am Münchner Schlachthof seit Mittwoch rund fünf Tonnen Tiefkühlfleisch teils mit abgelaufenen Haltbarkeitsdaten sicher. Ob es sich tatsächlich um Gammelfleisch handele, werde erst in der kommenden Woche nach Laboruntersuchungen feststehen, sagte Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld.

Schnappauf sagte im Bayerischen Rundfunk, der anonyme Hinweis sei am Montag zusammen mit 600 anderen E-Mails in der Ministeriumspoststelle bearbeitet worden und nur versehentlich an den anonymen Absender zurückgeschickt worden. Eine Ministeriumssprecherin sprach "von einem bedauerlichen Fehler eines einzelnen Mitarbeiters". Dieser habe offenbar nicht erkannt, dass die E-Mail einen Hinweis auf einen neuen Gammelfleisch-Verdacht enthielt. Der Hinweis sei deshalb innerhalb des Ministeriums oder an andere Behörden nicht weitergeleitet worden.

phw/AP/dpa



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