Armin Himmelrath

Ganztagsschule Netter ist besser

Ganztagsschulen machen Schüler netter, aber nicht besser. Das zeigt eine neue Studie - und das ist auch gar nicht weiter schlimm. Denn schon ohne Ganztag ist der Leistungsdruck absurd hoch.
Deutschunterricht in Laichingen (Baden-Württemberg)

Deutschunterricht in Laichingen (Baden-Württemberg)

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Am Anfang war eine Vision. Was wäre, dachten sich die Bildungspolitiker kurz nach der Jahrtausendwende im kollektiven Pisa-Schock, wenn wir das deutsche Schulsystem komplett umkrempeln und aus der preußischen Bildungsanstalt einen Ort machen, in dem die Schüler den ganzen Tag unter optimalen Bedingungen lernen können?

Klingt gut, war auch gut gemeint, wurde aber irgendwie nicht so richtig gut gemacht. Ja, es stimmt, die vier Milliarden Euro, die in den ersten Jahren ins Ganztagsschulprogramm flossen, klingen nach ganz schön viel Geld. Aber dieses finanzielle Sonderprogramm endete 2007, seither tröpfelt es nur noch aus der Geldleitung. Die nachhaltige Finanzierung von Visionen geht anders.

Und, noch schlimmer: Die Idee von der besseren Schule wurde schnell überfrachtet von der Vision einer effektiveren Schule. Bessere Noten, messbare Leistungssteigerungen, optimal funktionierende Lernprozesse - nicht selten klingen schulpolitische Debatten in den vergangenen Jahren eher nach Managementberatung als nach pädagogischen Diskussionen auf der Suche nach guten, kindgerechten Lernwegen.

Weil dann noch in etlichen Bundesländern die Schulzeitverkürzung obendrauf gepackt wurde, stehen Schüler, Lehrer und Eltern seither unter einem absurden Leistungsdruck: In möglichst kurzer Zeit soll möglichst viel Bildungsoutput erzeugt werden. Gute Schule aber geht anders, Qualität im Unterricht lässt sich nicht auf Erfolgsparameter reduzieren.

Wenn die neue Begleitstudie zum bundesweiten Ganztagsschulprogramm jetzt bescheinigt, dass die Schüler zwar sozial kompetenter und umgänglicher geworden seien, dass sie vom Nachmittagsunterricht aber nicht schlauer werden, dann ist das vor allem eins: beruhigend. Offenbar haben es die Beteiligten - bewusst oder unbewusst - geschafft, dem Leistungsdruck zumindest ein bisschen etwas entgegenzusetzen. Das jedenfalls wäre zu hoffen.

Vielleicht aber liegt dieses Studienergebnis auch am föderalen Kuddelmuddel in der Schulpolitik. Weil Ganztagsschule in jedem Bundesland, in jeder Kommune anders verstanden und umgesetzt wird, muss man die Aussagen der Vergleichsstudie sehr genau analysieren: Offene und gebundene Ganztagsschulen, Einrichtungen mit umfassendem Konzept und solche, die Ganztagsschule wider Willen sind, weil sie sonst ihren Stundenplan nicht unterbringen können, werden hier gleichermaßen untersucht.

Dabei sollte es in einer guten Schule in erster Linie um nachhaltige Lernprozesse gehen und um Chancengleichheit. Denn das ist die ungleich größere Herausforderung: dem steigenden Anteil von Kindern in Armut eine Chance zu geben, aus der häufig familiär vererbten Bildungsnot auszubrechen. Mit freiwilligen Nachmittagsangeboten allein geht das nicht - auch wenn auf ihnen ein "Ganztag"-Aufkleber pappt.

Wenn diese Angebote aber helfen, dass die Schüler sozial besser zurechtkommen - dann ist das tatsächlich ein großer Erfolg des Ganztagsschulprogramms. Noch besser wäre es allerdings, wir würden endlich Qualitätskriterien für gute Schulen entwickeln. Und damit die Chance eröffnen, dass auch die Schulleistungen besser werden. Ganz ohne zusätzlichen Leistungsdruck.

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Foto: Jessica Meyer

Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist, Buchautor und dreifacher Vater. Als Erziehungsberechtigter kommt er bisher auf insgesamt 32 Jahre Schulzeit-Erfahrung - mit (fast) allen Höhen und Tiefen. Einer seiner Söhne hat das Abitur bereits erfolgreich bestanden, die beiden anderen streben es noch an.

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