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Hausmitteilung Gaskrise, Tod im Krankenhaus, Documenta, Ausgezeichneter Journalismus

aus DER SPIEGEL 26/2022

Gaskrise

Als sich ein SPIEGEL-Team um Frank Dohmen auf die Suche nach den Ursachen der deutschen Gasabhängigkeit von Russland machte, meldeten sich die journalistischen Reflexe: Wer sind die Schuldigen? Wer hat versagt, wer sich geirrt? Zwar war das russische Risiko schon nach der Krim-Annexion 2014 offenkundig. Aber dann kamen die Flüchtlingskrise, die Klimakrise, die Coronakrise. Dass Putin die Ukraine angreifen und den Westen mit dem Zudrehen des Gashahns erpressen könnte, war da nur noch eine von vielen möglichen Katastrophen. »Es gab aus heutiger Sicht gravierende Fehler in der deutschen Energiepolitik«, sagt Titelautor Jürgen Dahlkamp. »Aber als die Entscheidungen fielen, erschienen viele davon noch vernünftig«, so Co-Autor Klaus Wiegrefe. Die einst guten Absichten könnten nun teuer bezahlt werden. Wie leidensfähig sind die Deutschen? Das wollten die Redakteure Markus Feldenkirchen und Gerald Traufetter (r.) angesichts der dramatischen Lage von Robert Habeck wissen. Sie trafen einen sehr nachdenklichen Vizekanzler, der dann jedoch sogar über seine Duschgewohnheiten sprach. »Habeck ist sich bewusst, dass seine große Beliebtheit verpufft, wenn es in diesem Winter hart für die Deutschen werden könnte«, sagt Traufetter.

Tod im Krankenhaus

Im September 2020 wandte sich der Hamburger Anwalt Joachim Greuner an den SPIEGEL. Er hatte im Jahr zuvor seine hochschwangere Frau Silja und das Kind in ihrem Bauch verloren. Sie starben am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Diagnose: Sepsis, Blutvergiftung. Silja Greuners Patientenakte zeigt, dass die Ärztinnen im Kreißsaal diese Sepsis erst spät erkannten, bei der Aufnahme war ein Assistenzarzt von einer Grippe ausgegangen. Redakteur Timofey Neshitov hat das außergewöhnliche und außergewöhnlich traurige Geschehen rekonstruiert. Er traf den Witwer, sprach mit Silja Greuners Eltern, mit ihrer besten Freundin. Das UKE hat Joachim Greuner nicht entschädigt, nun zieht er vor Gericht. »Deutsche Krankenhäuser gehören zur Weltspitze«, sagt Neshitov, »aber wenn etwas schiefläuft, sieht das System keine Reue vor.«

Die Documenta in Kassel liefert in diesem Jahr das perfekte Kunstdebakel: Auf dem Kasseler Friedrichsplatz wurde ein riesiges Bild mit antisemitischer Bildsprache erst gezeigt, dann verhüllt und schließlich abgebaut. Nun ducken sich alle Verantwortlichen aus Politik und Kunstbetrieb weg, niemand will das Bild vor seiner Installation gekannt haben. Tobias Rapp, Ulrike Knöfel und Carola Padtberg gingen der Sache nach. Als Padtberg die Künstler besuchte, die das Werk »People’s Justice« vor zwanzig Jahren gemalt hatten, sah sie Irritation, Enttäuschung und Angst in den Gesichtern. Niemand des indonesischen Kollektivs schien sich der Bildsprache bewusst gewesen zu sein. Trotzdem blieb Verwunderung über den Mangel an politischer Bildung und kultureller Weitsicht zurück. »Die Documenta hat die Dinge mit unglaublicher Leichtfertigkeit eskalieren lassen«, sagt Padtberg.

Auszeichnung für SPIEGEL-Journalismus

Preisträger (SPIEGEL und andere Medien)

Preisträger (SPIEGEL und andere Medien)

Foto: Alexander Körner / G+J / Getty Images

Der Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage geht in diesem Jahr an Timofey Neshitov und Özlem Gezer für ihren Text über die Folgen des rassistischen Anschlags von Hanau 2020. Die »Geschichte des Jahres« wiederum ist die Recherche zu der Frage, warum »Bild«-Chef Julian Reichelt 2021 gehen musste. Marcus Engert, Daniel Drepper, Isabell Hülsen, Alexander Kühn, Juliane Löffler, Martin U. Müller, Anton Rainer und Katrin Langhans erhielten dafür den »Stern-Preis«.

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