Beschimpfungen der Linken Die Schrill-Partei

Eine Beschimpfung des Bundespräsidenten als "Kriegshetzer" sorgt für Wirbel. Sie kommt natürlich von den Linken. Die eigene Führung versucht nun gegenzusteuern - doch die Verbalausfälle haben in der Partei Methode.

Linken-Politikerin Dagdelen: Ausfälle mit Methode
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Linken-Politikerin Dagdelen: Ausfälle mit Methode


Berlin - Der Mann, der den Bundespräsidenten einen "widerlichen Kriegshetzer" nannte und damit einen Eklat im Bundestag auslöste, schwieg zwei Tage lang. Am Donnerstagnachmittag meldete sich Norbert Müller, Linken-Vize und Landtagsabgeordneter in Brandenburg, zu Wort: Er wollte die Debatte um Krieg und Frieden "in der nötigen Schärfe" weiterführen, aber "nicht weiter durch forsche Polemik behindern, die es den Verfechtern einer fortschreitenden Militarisierung erleichtert, von der Sache abzulenken".

Eine Entschuldigung klingt anders. Man darf annehmen, dass der 28-jährige Müller auch kein schlechtes Gewissen hat. Im Gegenteil: Er darf sich ermutigt fühlen - nicht nur erhielt er Solidaritätsbekundungen und Unterstützung aus der Bundestagsfraktion. Vor allem bekommt Müller das Stilmittel der politischen Beschimpfung in Regelmäßigkeit von den Genossen vorgelebt.

Die Linke ist in Deutschland die Partei der schrillen Töne. Mit Regelmäßigkeit werden Regierungsmitglieder, Politiker anderer Parteien, aber auch die eigenen Genossen persönlich beleidigt. Gregor Gysi, der Müllers Äußerung im Bundestag ausbaden musste, sagte: Es könne schon sein, "dass der ein oder andere bei uns mal über das Ziel hinaus schießt". Eine Untertreibung. "Der Linke neigt zum Verbalradikalismus", sagt einer, der die Skandale manchmal wieder einfangen muss. Und diese folgen einer ganz eigenen Logik.

Fruchtbarer Boden für Beschimpfungen

Die Gauck-Beschimpfung aus Brandenburg erwuchs auf fruchtbarem Boden. Schon die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen hatte den Bundespräsidenten im Frühjahr einen Kriegstreiber und "säbelrasselnd" genannt. Gauck ist ein beliebtes Ziel für linke Giftpfeile. In den Monaten der Ukraine-Krise zogen auch grüne Politiker verstärkten Beschuss auf sich. Und dann gibt es noch die üblichen persönlichen Schmähungen. Eine Auswahl:

  • Unerträglich diese verwelkten Grünen, die die Faschisten in der #Ukraine verharmlosen, die antisemitische Übergriffe begehen. Ein Tabubruch! (Sevim Dagdelen auf Twitter, 20. Februar 2014 - später legte sie mehrfach nach.)

  • "Im Bundestag sind die Grünen im Moment der rechte Rand. Sie sind Bellizisten." (Fraktionsvize Wolfgang Gehrcke, im März 2014 im ZDF - später sagte er: "Ich liebe zugespitzte Formulierungen. Ich habe überhaupt keine Veranlassung, das zurückzunehmen.")

  • "Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl hätten zwischen Stalin und Hitler? Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen Pest und Cholera haben?" (Der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm über die Präsidentenwahl zwischen Christian Wulff und Joachim Gauck im Juni 2010 - später freundete sich Dehm mit Wulff an.)

  • "Die Frau ist geboren, um grenzdebil zu lächeln." (Potsdams Linken-Chef Sascha Krämer über die CDU-Chefin und Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche, März 2014 - später sagte er: "Wer so oft wie Frau Reiche die verbale Streitaxt schwingt, sollte sich nicht wundern, wenn sie ihr auch mal entgegenkommt.")

  • "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer die Wahrheit kennt und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher." (Wieder Dagdelen, im Bundestag zu Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, Juni 2014.)

Die letzte Äußerung war nun auch der Linken-Spitze zu viel. Zuvor herrschte bei solchen Äußerungen der berühmt-berüchtigten Dagdelen betretenes Schweigen. Dieses Mal distanzierten sich die Vorsitzenden von Partei und Fraktion offiziell.

In der Fraktionssitzung am Montag war dieser Schritt noch einmal Thema. Die Genossen aus Dagdelens linker Ecke sammelten Unterschriften dagegen, andere Abgeordnete machten deutlich, dass sie sich wegen Dagdelens Auftritten im Bundestag mittlerweile "schämen" würden.

Ausfälle mit Methode

Die routinierte Empörung hat Methode. Die linken Linken setzen mit den schrillen Angriffen Ausrufezeichen - nach innen und außen. Den Pragmatikern zeigen sie, dass sie bei absolutem Pazifismus, unbedingter Opposition nicht zurückweichen. Ein schriller Schrei gegen angebliche Militaristen, Lobbyisten - das geht immer in der Linkspartei.

Und es treibt die Linken und anderen Parteien immer wieder auseinander. Die Konkurrenz nutzt die persönlichen Angriffe zur willkommenen Distanzierung. Zu beobachten war das auch in Causa Gauck - nämlich bei der scharfen Reaktion von SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann im Bundestag.

Auch die Grüne Katrin Göring-Eckardt nutzt Dagdelens Angriffe zur Distanzgewinnung: "Das war einfach nur unanständig", sagt sie und spricht von einer Gruppe in der Linken, "die überhaupt kein Interesse an einer Zusammenarbeit hat". Der Linken-Führung wirft sie in puncto Beschimpfungen "ein doppeltes Spiel vor", so sei die Partei im Bund schlichtweg "nicht koalitions- und regierungsfähig".

Das alles stärkt die Linken-Fundis gegenüber den Pragmatikern. Sie machen Machtpolitik mit Hilfe der Beschimpfung. Die nächste Entgleisung wird nicht lange auf sich warten lassen.

insgesamt 386 Beiträge
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Seite 1
Skoma 26.06.2014
1. Die Linken...
.... beschimpfen mit ihren Verbalausfällen ab und zu mal einzelne Personen, die Bundesregierung beleidigt mit ihrer Politik ein ganzes Volk!
radostinsommerwald 26.06.2014
2. der schrillste BP
Zitat von sysopDPAEine Beschimpfung des Bundespräsidenten als "Kriegshetzer" sorgt für Wirbel. Sie kommt natürlich von den Linken. Die eigene Führung versucht nun gegenzusteuern - doch die Verbalausfälle haben in der Partei Methode. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-beschimpfung-der-linken-die-schrillste-partei-deutschlands-a-977700.html
Guter Ansatz - aber andersherum wird der Schuh draus: Wir hatten nie einen extremeren BP als Gauck. Mit einer Unterschuldsmiene verkündet er Kriegseinsätze oder stichelt zum Hass auf. Das ist schrill.
unixv 26.06.2014
3. Beschimpfung des Bundespräsidenten ?
Schrill sind diejenigen, die laut nach der neuen Rolle Deutschlands schreien! Unsere Gründerväter waren kluge weise Männer : Es sollte niemals wieder ein Deutscher Soldat Krieg und Elend auf der Welt verbreiten, wir haben eine Verteidigungsarmee! Was eigentlich jeden mit etwas Hirn im Kopf einleuchten sollte! Nur unsere Politiker brechen das Grundgesetz wie es ihnen in den Kram passt! Es ist gut das Gauck, Steinmeier und die VdL bei den meisten Bürgern abblitzen mit ihren Geschrei nach mehr Militär Präsenz und einsetze im Ausland! Das Gauck als Pfaffe da mehr Toleranz fordert, ist der blanke Hohn!
zynik 26.06.2014
4. "Der Kaiser ist nackt..."
Schon lustig, dass in der sedierten Schildbürger-Republik a la Merkel ein bisschen Klartext schon ausreicht um als "schrill" gebrandmarkt zu werden. Gibt es eigentlich etwas neues in Sachen NSA/BND-"Aufklärung" durch unsere Bundesregierung? http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-06/bnd-datenweiterleitung-nsa-seit-2004 Jetzt zurück zur WM. Vielleicht gibts ja wieder Selfies mit Kanzlerin.
matz-bam 26.06.2014
5. Ist es
Zitat von sysopDPAEine Beschimpfung des Bundespräsidenten als "Kriegshetzer" sorgt für Wirbel. Sie kommt natürlich von den Linken. Die eigene Führung versucht nun gegenzusteuern - doch die Verbalausfälle haben in der Partei Methode. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-beschimpfung-der-linken-die-schrillste-partei-deutschlands-a-977700.html
...wirklich so tragisch, Kriegshetze widerlich zu finden?
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