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Super-Gedenkjahr: Zwei Kriege und ein Mauerfall

Foto: Maurizio Gambarini/ picture alliance / dpa

Weltkriege und Mauerfall Gauck muss das Super-Gedenkjahr retten

2014 wird das Gedenkjahr der Superlative: Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der Zweite, und die Mauer fiel vor 25 Jahren. Die Bundesregierung hat bei den Planungen für die Feierlichkeiten getrödelt. Nun ruht die Hoffnung auf Präsident Joachim Gauck.

Berlin - Der Bundespräsident darf weder Minister berufen noch Gesetze vorbereiten oder die Bundeswehr in Marsch setzen. Er soll vielmehr mit stiller Würde das Ganze verkörpern. Und da ihm jeder unbefangen zuhören kann, gerade weil er am Spiel mit der Macht nicht teilnimmt, hat sein Wort besonderes Gewicht. Die Rede ist seine wichtigste Ressource, auch in geschichtspolitischen Fragen.

Theodor Heuss (1949-1959) etwa bekannte sich zum Widerstand gegen Hitler, als viele in den Männern vom 20. Juli noch Verräter sahen. Richard von Weizsäcker (1984-1994) akzeptierte die Schuld der Deutschen im "Dritten Reich", indem er den 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung" bezeichnete.

Im nächsten Jahr könnte es wieder zu einem historischen Auftritt kommen, dann durch den jetzigen Amtsinhaber Joachim Gauck. Denn 2014 wird ein Gedenkjahr der Superlative:

  • Vor 100 Jahren brach nach dem Attentat von Sarajevo der Erste Weltkrieg aus
  • vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg mit dem Angriff auf Polen
  • vor 25 Jahren fiel die Mauer - der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums in Osteuropa nahm seinen Lauf.

Bislang sind nur Gaucks Auftritte zum Gedenken an 1914 festgelegt. Ende Juni will er mit einer Veranstaltung im Schloss Bellevue in Berlin an das Attentat von Sarajevo erinnern. Serbische Nationalisten hatten dort den österreichischen Thronfolger erschossen, was zur Julikrise führte, die dann eskalierte.

Am 3. August wird der Rostocker voraussichtlich Frankreichs Präsident François Hollande am Hartmannswillerkopf treffen, einer zwischen Deutschen und Franzosen schwer umkämpften Bergkuppe im Elsass. Mehrere zehntausend Soldaten fielen dort. Auch mit Belgiens König Philippe ist ein Auftritt Anfang August geplant. Dieser soll an den völkerrechtswidrigen Einmarsch der Deutschen ins neutrale Belgien bei Kriegsbeginn erinnern. Einige Wochen später wird Gauck schließlich auf dem Historikertag in Göttingen sprechen.

"Grundsätzliches Desinteresse" am Gedenken

Schon jetzt ist absehbar, dass der Präsident die vielen Gelegenheiten zur großen Erzählung nutzen möchte. Der Bogen soll von der "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, bis zur "Wiedervereinigung Europas" 2004 reichen. Gemeint ist damit der Beitritt von Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei und den baltischen Staaten zur Europäischen Union.

An dem Konzept arbeiten Gaucks Mitarbeiter schon seit vorigem Jahr. Die Bekanntgabe seiner Auftritte durch eine Sprecherin erfolgt allerdings nicht zufällig. Seit Monaten beklagen Experten wie der Historiker Gerd Krumeich das "grundsätzliche Desinteresse" der deutschen Seite am Gedenken des Ersten Weltkrieges.

Krumeich ist der einzige Deutsche in einem Kreis von Historikern, die das Pariser Ministerium für Verteidigung und Veteranen bei der Vorbereitung der französischen Gedenkfeiern beraten. Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy hatte die Feiern schon 2011 zur Chefsache erklärt und dabei auch gleich die Deutung vorgegeben. 1914 sei ein "Zeitpunkt der nationalen Einheit und des nationalen Zusammenhalts" gewesen, den die französische Bevölkerung nicht vergessen habe.

In Deutschland hingegen, so Krumeich, bekomme man keine Antwort auf die Frage: "Was bedeutet uns der Erste Weltkrieg?" Krumeich spricht vom "Das-geht-uns-nichts an-Schweigen", das in Frankreich zunehmend für Irritationen sorge.

In der Bundesregierung ist das Auswärtige Amt federführend. Und das beschränkte sich in der Tat in den vergangenen Monaten auf die technische Koordination, also das Erfassen von Veranstaltungen, die von Museen oder anderen Institutionen irgendwo in der Republik geplant werden.

"Die Bundesregierung kann sich zu nichts durchringen"

Zwar wurde der Diplomat Andreas Meitzner zum "Sonderbeauftragten des Auswärtigen Amtes für die Gedenkveranstaltungen zum Beginn des Ersten Weltkriegs" ernannt, doch ein Treffen Meitzners mit Experten aus den Ministerien und Historikern im April blieb ohne Folgen. Meitzner ließ Journalisten den Sommer über ausrichten, man habe noch kein Konzept. Inzwischen wartet man im Auswärtigen Amt auf den neuen Minister.

Die Bundesregierung könne sich "zu nichts durchringen", schimpft denn auch Michael Epkenhans, Leiter der Forschungsabteilung im Potsdamer "Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr". Inzwischen räumen hochrangige Diplomaten intern ein, dass sie die Bedeutung des Weltkriegs in anderen europäischen Ländern unterschätzt haben.

Als im August ein britischer Journalist aus einem Gespräch mit dem Presseattaché an der Deutschen Botschaft in London den Eindruck gewann, dass Berlin keine eigenen Veranstaltungen plane und lieber unter dem Stichwort Versöhnung an den Feiern der Nachbarländer teilnehmen wolle, gab es einen Aufschrei in der britischen Presse: Die Deutschen wollten den Briten verbieten, den Sieg im Ersten Weltkrieg zu feiern.

Die Bekanntgabe der Termine Gaucks nimmt nun ein bisschen Druck von der Bundesregierung. Wer immer auch das Auswärtige Amt demnächst leitet, wird sich dennoch ganz schnell mit dem Thema beschäftigen müssen.

Ein Mitarbeiter des AA hat diese Entwicklung kommen sehen. Schon vor Monaten prophezeite er, dass die Spitze seines Ministeriums erst im Januar 2014 begreifen werde, dass da ein Supergedenkjahr auf sie zukomme.

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