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Rede des Bundespräsidenten Gauck wünscht sich europäischen Patriotismus

Bundespräsident Gauck beschwört in einer mit Spannung erwarteten Rede die "gemeinsame Identität" Europas. Im Schloss Bellevue spricht er aber auch von Fehlern bei der Erweiterung der EU und der Einführung des Euro.

Berlin - Es ist seine erste große Rede überhaupt. Ohne große Umschweife begann Bundespräsident Joachim Gauck um 11 Uhr seine Rede im Schloss Bellevue. Er betrat den Raum mit den 200 Gästen mit einem schlichten "Guten Morgen", um sofort mit seiner Ansprache zu beginnen. Sie steht unter der Überschrift: "Perspektiven der europäischen Idee". Eine Grundsatzrede über Europapolitik.

Gauck räumte zu Beginn seiner Rede ein, dass viele Bürger heute mit Europa vor allem die Euro-Krise und Bürokratie verbinden, viele fühlten sich macht- und einflusslos. Es seien auch Fehler gemacht worden in der Vergangenheit. Bei der Vergrößerung der Europäischen Union etwa nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Lagers. Auch bei der Einführung des Euro. Doch das Gesamtprojekt Europa stehe für ihn nicht in Frage.

"Wir reisen von der Memel bis zum Atlantik und von Finnland bis nach Sizilien, ohne an irgendeiner Grenze den Reisepass zu zücken. Wir zahlen in großen Teilen Europas mit einer gemeinsamen Währung und kaufen Schuhe aus Spanien und Autos aus Tschechien ohne Zollaufschläge." Mehr Europa sei auf erfreuliche Weise Alltag geworden. Es fehle allerdings nach wie vor eine gemeinsame europäische Identität. "Was uns als Europäer allerdings auszeichnet, was europäische Identität bedeutet, bleibt schwer zu umreißen", so Gauck.

Er erinnerte daran, dass der Ursprung Europas auf dem Wunsch basierte, dass es nie wieder Krieg geben möge. Später, beim Zusammenbruch des Ostblocks, ging es um Freiheit. Die heutige Jugend lebe Europa ganz anders. "Ihr habt euer erstes Taschengeld in Euro erhalten, ihr lernt mindestens zwei Fremdsprachen, ihr fahrt zur Klassenreise nach Paris, London, Madrid, vielleicht auch nach Warschau, Prag oder Budapest." Die Jungen lernen miteinander in Europa, statt nur übereinander. "Ihr erlebt tatsächlich mehr Europa als alle Generationen vor euch!"

Den 500 Millionen EU-Bürgern fehle eine gemeinsame Erzählung für ihre europäische Identität, räumte der Bundespräsident ein. "Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte." Europa bilde sich auf einen Wertekanon: Frieden und Freiheit. Andere Kontinente wüssten das Kostbare daran besonders zu schätzen.

"Europa steht vor weiteren Herausforderungen"

Europa stehe mitten in der Diskussion, wie es sich entwickeln solle. "Wir werden uns leichter über den institutionellen Rahmen einigen, wenn wir gemeinsam und in aller Ausführlichkeit die grundlegenden Fragen zur Zukunft des europäischen Projekts diskutiert haben." Notwendige Anpassungen im wirtschafts- und finanzpolitischen Bereich im Euro-Raum habe die Politik jetzt glücklicherweise unter erheblichem Druck vorgenommen. "Wir alle wissen aber, dass Europa vor weiteren Herausforderungen steht."

Europa sei politisch und wirtschaftlich zu wenig auf seine Rolle als Global Player vorbereitet. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, seien noch substantielle Veränderungen nötig.

Ausdrücklich appellierte Gauck an die Briten, in der EU zu bleiben. "Liebe Engländer, Schotten, Waliser, Nordiren und britische Neubürger! Wir möchten euch weiter dabei haben", sagte er. "Ihr habt mit eurem Einsatz im Zweiten Weltkrieg geholfen, unser Europa zu retten - es ist auch euer Europa." An dieser Stelle erhielt das Staatsoberhaupt erstmals Applaus für seine Rede.

Gauck wies Ängste der EU-Partner vor einer Vormachtstellung Deutschlands in Europa zurück. "Ich versichere allen Bürgerinnen und Bürgern in Europa: Ich sehe unter den politischen Gestaltern in Deutschland niemanden, der ein deutsches Diktat anstreben würde." Aus tiefer innerer Überzeugung könne er sagen: "Mehr Europa heißt in Deutschland nicht: deutsches Europa."

Er verlangte mehr Engagement für Europa. "Mehr Europa fordert: mehr Mut bei allen! Europa braucht jetzt nicht Bedenkenträger, sondern Bannerträger, nicht Zauderer, sondern Zupacker, nicht Getriebene, sondern Gestalter."

"Europa braucht eine gemeinsame Sprache"

Für mehr Gemeinsamkeit brauche Europa eine gemeinsame Sprache. "Nicht nur Mehrsprachigkeit für die Eliten, sondern Mehrsprachigkeit für immer größere Bevölkerungsgruppen, für immer mehr Menschen, für alle! Ich bin überzeugt, dass in Europa beides nebeneinander leben kann: Beheimatung in der Muttersprache und ihrer Poesie und ein praktikables Englisch für alle Lebenslagen und Lebensalter."

Jeder Einzelne habe in Europa die Möglichkeit, etwas zu gestalten. "Wer etwas anstoßen oder verhindern will, der nutzt die Europäische Bürgerinitiative. Wer etwas gründen oder bauen will, der kann einen Förderantrag stellen. Und wer Gutes tun und seine Nachbarn kennenlernen will, der bewirbt sich beim Europäischen Freiwilligendienst. Jede und jeder kann einen Grund finden für den Satz: Ja, ich will Europa!"

Er ging in seiner Rede auch auf Skepsis gegenüber Deutschland ein. Die Bundesrepublik sei auf ganz besondere Weise mit Europa verbunden. "War es doch unser Land, von dem aus alles Europäische, alle universellen Werte zunichtegemacht werden sollten. War es doch unser Land, dem die westlichen Siegermächte trotzdem gleich nach dem Krieg Hilfe und Solidarität zuteilwerden ließen." Deutschland sei die Existenz als verstoßener Fremdling außerhalb der Völkerfamilie erspart geblieben. "Stattdessen wurden wir - was erst recht aus der heutigen Perspektive unerwartet und wunderbar erscheint - Eingeladene, Empfangene, Aufgenommene. Partner!"

Am Ende seiner gut 50 Minuten lange Rede erhielt er vom Publikum Standing Ovations. Auf dem Gesicht des erfahrenen Redners war Erleichterung zu sehen. Er nahm den Applaus entgegen und verließ ohne ein weiteres Wort den Saal.

Die Rede in Schloss Bellevue bildet den Auftakt für eine Serie von Diskussionsforen, Symposien und Redeauftritten, die künftig unter dem Titel "Bellevue Forum" stattfinden sollen. Sie lösen die Tradition der "Berliner Rede" ab, die 1997 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog begründet worden war.

ler