Gaucks Ansprache "Ich bin noch nicht einmal gewaschen"

Der Anruf der Kanzlerin erreichte ihn im Taxi - und sofort ließ sich Joachim Gauck ins Kanzleramt fahren. Eine Stunde später wurde er als designierter Bundespräsident vorgestellt. SPIEGEL ONLINE dokumentiert seine erste Rede nach der Nominierung.   

dapd

"Frau Bundeskanzlerin, meine Damen und Herren, die Sie mich nominiert haben. Das ist natürlich für mich ein besonderer Tag, wie es in meinem Leben manche besondere Tage gegeben hat. Und am meisten bewegt es mich, dass ein Mensch, der noch geboren ist in diesem finsteren, dunklen Krieg und der 50 Jahre in der Diktatur aufgewachsen ist, und hier seine Arbeiten getan hat, nach der Wiedervereinigung, die Sie dankenswerterweise erwähnt haben, dass ein solcher Mensch jetzt an die Spitze des Staates gerufen wird.

Und natürlich könnte man mit seinen Defiziten jetzt ein bisschen hantieren und sagen, diese Vorschusslorbeeren, die ich jetzt gehört habe, die möchte ich erst mir verdienen. Aber was mir so unglaublich geholfen hat, ist, dass Sie sich zusammengefunden haben. Und Sie, Frau Bundeskanzlerin, haben mir auch versichert, dass Sie auch in anderen Zeiten beständig Hochachtung und Zuneigung zu mir empfunden haben. Und das Wichtige daran ist, dass Sie mir Vertrauen entgegengebracht haben.

Von all den Dingen, die Sie heute gesagt haben und in die Sie Ihre Wünsche und Glückwünsche gekleidet haben, ist mir am Wichtigsten, dass die Menschen in diesem Land wieder lernen, dass sie in einem guten Land leben, das sie lieben können. Weil es ihnen die wunderbaren Möglichkeiten gibt, in einem erfüllten Leben Freiheit zu etwas und für etwas zu leben. Und diese Haltung nennen wir Verantwortung. Und dass Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen beruflich oder politisch wieder neu Vertrauen gewinnen müssen darin, dass sie Kräfte haben, die wir bei unseren Vorfahren gesehen haben, die uns aus Krisen herausgeführt haben. Und die wir uns selber manchmal nicht mehr zutrauen. Das ist für mich mit Händen zu greifen.

Ich kann Ihnen jetzt in der Verwirrung meiner Gefühle keine Grundsatzrede abliefern. Das ist unmöglich. Ich komme aus dem Flieger und war im Taxi, als die Frau Bundeskanzlerin mich erreicht hat. Und ich bin noch nicht einmal gewaschen. (...) Das schadet auch nichts, dass Sie sehen, dass ich überwältigt und auch ein wenig verwirrt bin.

Aber eins weiß ich, dass die Nähe von Menschen, die Ja sagen zur Verantwortung, die es überall gibt in unserem Land, nicht nur auf der politischen Ebene, die wird meine Hauptaufgabe sein. Und dort will ich wirken, wo wir Menschen wieder neu einladen, diese Haltung von Verantwortung anzunehmen und nicht nur als Zuschauer und kritischer Begleiter der öffentlichen Dinge herumzustehen.

Also, insofern wird sich meine (...) Tätigkeit als reisender Politiklehrer nicht grundsätzlich verändern. Ich werde allerdings gestützt von einem Amt und einem Apparat und hoffentlich gestützt von Ihrer Hilfe weiter als ein solcher unterwegs sein. Und kann Sie nur bitten, die ersten Fehler gütig zu verzeihen und von mir nicht zu erwarten, dass ich ein Supermann und ein fehlerloser Mensch bin. Aber - wie wir alle wissen - kann man ganz gute Dinge auch machen, wenn man nicht von Engeln umgeben ist, sondern von Menschen.

So fühle ich mich eingeladen und geehrt und - ja irgendwann, ganz tief in der Nacht - werde ich vielleicht auch beglückt sein. Im Moment bin ich mehr verwirrt."

dpa

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adam68161 20.02.2012
1. Die nicht geschliffene Rede...
war schon genug Programm - und Hoffnung auf einen Neuanfang! Aber auch Angela ist zu danken, dass sie ihren Fehler erkannte und über ihren Schatten sprang. Das zeichnet sie als "Staatsmann" aus!
cassandros 20.02.2012
2. reinwaschen
Zitat von sysopAPDer Anruf der Kanzlerin erreichte ihn im Taxi - und sofort ließ sich Joachim Gauck ins Kanzleramt fahren. Eine Stunde später wurde er als designierter Bundespräsident vorgestellt. SPIEGEL ONLINE dokumentiert seine erste Rede nach der Nominierung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816364,00.html
Und ich bin naiverweise davon ausgegangen, daß in diesen Kreisen immer eine Hand die andere wäscht! Schon traurig, daß man für diesen Posten niemanden als einen 70-jährigen Opa finden konnte. Da ist dann in - spätestens! - fünf Jahren der nächste Superrentner fällig. Normalerweise müssen ja im öffentlichen Dienst auch Stellen öffentlich mit einer angemessenen Bewerbungsfrist ausgeschrieben werden.
SMOKEHEAD 20.02.2012
3. Aktuell ....
Aktuell die einzig richtige Besetzung für diesen Posten. Ich wünsche unserem zukünftigen Bundespräsidenten Gauck viel Geschick in diesem Amt.
La República 20.02.2012
4. Trau keinem unter 70
Zitat von cassandrosUnd ich bin naiverweise davon ausgegangen, daß in diesen Kreisen immer eine Hand die andere wäscht! Schon traurig, daß man für diesen Posten niemanden als einen 70-jährigen Opa finden konnte. Da ist dann in - spätestens! - fünf Jahren der nächste Superrentner fällig. Normalerweise müssen ja im öffentlichen Dienst auch Stellen öffentlich mit einer angemessenen Bewerbungsfrist ausgeschrieben werden.
Man hätte mit Sicherheit auch jüngere Kandidaten gefunden, die aber Gefahr laufen, wegen ihrer fehlenden Reife und Erfahrung, den Fehler der Jugend zu begehen und 70jährige für scheintot zu halten, während sie der Jugend an sich einen Wert zumessen. Ich finde, dass schon aus Ihrem Kommentar klar wird, warum besser "erwachsene" Menschen so verantwortungsvolle Ämter bekleiden.
virulent 20.02.2012
5.
Zitat von cassandrosUnd ich bin naiverweise davon ausgegangen, daß in diesen Kreisen immer eine Hand die andere wäscht! Schon traurig, daß man für diesen Posten niemanden als einen 70-jährigen Opa finden konnte. Da ist dann in - spätestens! - fünf Jahren der nächste Superrentner fällig. Normalerweise müssen ja im öffentlichen Dienst auch Stellen öffentlich mit einer angemessenen Bewerbungsfrist ausgeschrieben werden.
[QUOTE=cassandros;9672889] Schon traurig, daß man für diesen Posten niemanden als einen 70-jährigen Opa finden konnte. QUOTE] Gehen wir mal davon aus, dass seine erste Rede vor laufenden Kameras genauso unvorbereitet war (auss dem Flieger, ins Taxi, vor die Presse) wie Ihr Kommentar hier bei SPON, dann hat Sie dieser "70jährige Opa" zumindest in diesem Punkt um Längen geschlagen.
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