Gedenken an Auschwitz Ein schwerer Gang

Was bedeuten 70 Jahre Erinnerung an Auschwitz? Verantwortung, sagen die einen - Schlussstrich, die anderen. Im Bundestag und beim Gedenken in Polen macht Bundespräsident Gauck klar, dass es den niemals geben kann.

In den ersten Reihen des beheizten Zelts unweit des südpolnischen Städtchens Oswiecim sitzen an diesem grauen Januarnachmittag Frauen und Männer mit faltigen Gesichtern. Einer von ihnen ist Marian Turski, 88. Am Morgen war er im Bundestag auf der Ehrentribüne mit Applaus begrüßt worden bei der Auschwitz-Gedenkstunde, nun ist er mit rund 300 Überlebenden zurück am Ort des Grauens (Lesen Sie hier Berichte der Überlebenden).

Auschwitz steht wie kein anderer Ort auf der Welt für das Böse. Ein Symbol für die Unmenschlichkeit, zu der Menschen fähig sind. Und zwar Menschen aus Deutschland.

Deshalb sitzt Bundespräsident Joachim Gauck in diesem Zelt, das man auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers vor dem früheren Haupttor aufgebaut hat. Mehr als 1,1 Millionen Menschen - die Mehrheit davon Juden, aber auch andere Gruppen, die aus Sicht der Nazis minderwertig waren - wurden hier seit Sommer 1940 ermordet, bis am 27. Januar 1945 Soldaten der Roten Armee das Lager befreiten.

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Gedenken an Auschwitz: Die Trauer der Überlebenden

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Russlands Präsident Wladimir Putin ist nicht gekommen. Aber aus aller Welt sind Staatsoberhäupter und Regierungschefs angereist, um gemeinsam mit den Überlebenden der Befreiung vor 70 Jahren zu gedenken. Auch Steven Spielberg ist da, der mit "Schindlers Liste" einen der wichtigsten Filme über den Lager-Terror der Nazis schuf. Er hat einen neuen Dokumentarfilm für die Zeremonie mitproduziert.

Tränen auch am Rednerpult

Wer heute mit Überlebenden wie Marian Turski spricht, hört oft diesen Satz: "Mich hat Auschwitz nie verlassen." Einige von ihnen weinen während des bewegenden Gedenkens, auch am Rednerpult. Besonders während des später gemeinsam begangenen jüdischen Totengebets, des Kaddisch, bricht es aus vielen heraus. "Eine Minute in Auschwitz war wie ein ganzer Tag", erinnert sich ein Überlebender. Er berichtet von dem Wohlgefühl, das manche SS-Mörder ausstrahlten, wenn sie töteten und quälten. Wenn sie Kinder von ihren Müttern trennten, um die Jungen und Mädchen direkt in die Gaskammern zu schicken.

Der Bundespräsident trägt schwer an der Geschichte seines Landes an diesem Nachmittag, das sieht man ihm an. Er vertritt ein anderes Deutschland, ein demokratisches, freies, liberales Land. Aber man wird als Deutscher seine Geschichte nicht los.

Das war auch die Botschaft des Bundespräsidenten am Morgen im Berliner Reichstag bei seiner Gedenkrede. 58 Prozent der Deutschen, das ergab eine aktuelle Bertelsmann-Studie, möchten inzwischen einen Schlussstrich unter die Nazivergangenheit ziehen. Aber wie soll das gehen? Kann man als Träger eines deutschen Passes stolz sein auf Goethe, Beethoven, Mercedes und Fußball - aber vor dem die Augen verschließen, wozu dieses Land in Auschwitz fähig war? Gauck drückt das so aus: "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz." (Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut .)

"Wir alle in diesem Land tragen Verantwortung"

Es ist genau 9 Uhr, als Gauck und Kanzlerin Angela Merkel im Plenum des Bundestags Platz nehmen, vor den Abgeordnetenreihen, mit Blick auf drei weiße Blumengestecke. Wenn Merkel im Parlament nicht auf ihrem Kanzlersessel sitzt, deutet das immer auf einen besonderen Anlass hin.

Erst spricht Bundestagspräsident Norbert Lammert, der in seiner Begrüßung bereits klarmacht, warum dieses Gedenken 70 Jahre später so wichtig ist. "Für die schreckliche Vergangenheit unseres Landes sind die Nachgeborenen nicht verantwortlich. Für den Umgang damit hingegen schon", sagt der CDU-Politiker.

Dann tritt Gauck ans Rednerpult. Er wird manche der Parlamentarier an diesem Morgen zu Tränen rühren, so wie ihn selbst am Ende seiner Rede beinahe die Gefühle übermannen. Dabei hält sich Gauck, je länger er spricht, nicht mehr bei Empathie und Emotion auf. Statt in "hohlen Ritualen" zu verharren, will der Bundespräsident anregen, was aus dem Auschwitz-Gedenken entstehen kann.

"Nie wieder!" laute zu Recht die Parole, sagt Gauck. Aber angesichts neuen Massenmords auf der Welt, neuer Formen von Genozid, fragt er nun: "Sind wir denn befähigt, sind wir zur Prävention bereit?" Und mit Blick auf die vielen Flüchtlinge, die dieser Tage mit furchtbaren Erlebnissen im Gepäck nach Deutschland strömten, wozu sei die Gesellschaft da bereit an Zuwendung und Hilfe?

Gauck treibt noch etwas um: Auschwitz gehe jeden an, der Deutscher sein wolle. "Wir alle in diesem Land tragen Verantwortung", sagt der Bundespräsident. Er meint auch den Umgang mit Migranten, insbesondere mit Zuwanderern aus Ländern, wo Antisemitismus Allgemeingut ist. Wer zu Deutschland gehören wolle, müsse sich auch in Sachen Auschwitz zur "Verantwortungsgemeinschaft" bekennen.

In Oswiecim gedenken die Staatsoberhäupter und Regierungschefs am Ende noch mal im Freien. Sie gehen zum Mahnmal der Auschwitz-Opfer, jeder trägt eine Kerze in der Hand. Schneeflocken tanzen durch den von zig Scheinwerfern erleuchteten Abend. Hier ist Gauck alleine mit der deutschen Schuld. Ein schwerer Gang.