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Gedenkfeier zum Kriegsende Köhler spricht von Scham und Stolz

Am 60. Jahrestag des Kriegsendes hat Bundespräsident Köhler mit Stolz den Weg beschrieben, "den wir seit 1945 zurückgelegt haben". Deutschland sei wieder "in der Welt geachtet". Zugleich mahnte er, den Schrecken des Nationalsozialismus und seine Opfer niemals zu vergessen.

Berlin - "Wir haben die Verantwortung, die Erinnerung an all das Leid und seine Ursachen wachzuhalten, und wir müssen dafür sorgen, dass es nie wieder kommt. Es gibt keinen Schlussstrich", sagte Horst Köhler heute bei der Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Kriegsendes im Reichstagsgebäude in Berlin.

Das Unglück, das Deutschland über die Welt gebracht habe, wirke bis heute fort. Noch immer weinten Söhne und Töchter um ihre getöteten Eltern, noch immer litten Menschen unter ihren damaligen Erlebnissen, noch immer trauerten ungezählte Menschen um den Verlust ihrer Heimat. "Wir Deutsche blicken mit Schrecken und Scham zurück auf den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und auf den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch Holocaust. Wir gedenken der sechs Millionen Juden, die mit teuflischer Energie ermordet wurden", sagte Köhler vor den Vertretern des Bundestages und des Bundesrates.

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Kriegsende vor 60 Jahren: Gedenken und Demonstrationen in Berlin

Foto: REUTERS

Er äußerte "Abscheu und Verachtung gegenüber denen, die durch diese Verbrechen an der Menschheit schuldig geworden sind und unser Land entehrten".

Der Bundespräsident bescheinigte den Deutschen aber auch, jetzt "in der Welt geachtet und gebraucht" zu werden. "Wir haben heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein", sagte er. Das Erreichte sei jedoch "undenkbar ohne die Lehren, die wir gezogen haben", und es sei Ergebnis ständiger Anstrengung. "Wenn wir den Weg sehen, den wir seit 1945 zurückgelegt haben, dann erkennen wir auch die Kraft, die wir aufbringen können. Das macht uns Mut für die Zukunft."

Lob der wehrhaften Demokratie

Köhler lobte unter anderem das Miteinander aller demokratischen Kräfte des Landes im Kampf gegen Intoleranz, Ausländerfeindlichkeit und neonazistische Umtriebe. "Es gibt bei uns leider auch Unbelehrbare, die zurück wollen zu Rassismus und Rechtsextremismus. Aber sie haben keine Chance." Diese Aussage bedachten die Anwesenden mit besonders lang anhaltendem Applaus.

Auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse äußerte sich in diesem Sinne. Er verwies auf das aktuellste Beispiel einen Steinwurf vom Parlamentsgebäude entfernt. Mit Blick auf das "Fest für Demokratie" sagte der Sozialdemokrat: "Ich grüße und begrüße die Menschen am Brandenburger Tor auch stellvertretend für alle, die mithelfen, dass weder unsere Straßen und Plätze noch unsere Sprache und unser Denken noch einmal Feinden der Demokratie, dumpfen Nationalisten und Rassisten überlassen bleiben."

Humanität und Demokratie seien aber immer gefährdet, mahnte Thierse. "Deshalb sind sie kostbar, bedürfen sie des bürgerschaftlichen, engagierten Schutzes." Das Gedenken an die Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg verpflichte "zur Verteidigung der Demokratie heute und zu aktiver Friedenspolitik".

Trauer um die Opfer

Nicht direkt ging Köhler auf die Frage ein, ob die Deutschen sich durch das Kriegsende befreit gefühlt hätten. "Die meisten Deutschen waren erleichtert darüber", sagte er. Er verwies auf die millionenfachen Morde in deutschem Namen an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Behinderten genauso wie an die Opfer deutschen Wütens vor allem in Polen und der Sowjetunion. Köhler sprach aber auch das Leid der zivilen Opfer des Bombenkrieges gegen Deutschland, der Vertriebenen und der massenhaft vergewaltigten deutschen Frauen an. "Wir trauern um alle Opfer, weil wir gerecht gegen alle Völker sein wollen, auch gegen unser eigenes."

Er bezeichnete es zugleich als "Grund zur Freude und Dankbarkeit", dass Deutschland sich in den vergangenen 60 Jahren nicht nur äußerlich, sondern auch "von seinem Inneren her verändert" habe. "Diesen Dank schulden wir an erster Stelle den Völkern, die Deutschland besiegt und vom Nationalsozialismus befreit haben", unterstrich Köhler. Sie hätten "den Deutschen nach dem Krieg eine Chance gegeben".

Im geteilten Europa wie im geteilten Deutschland hätten die Menschen jedoch "völlig getrennte Erfahrungen" gemacht, sagte der Bundespräsident weiter. Nur in einem Teil Europas hätten sie ungehindert an den Aufbau freiheitlicher Gesellschaften gehen können, während sie im anderen Teil erst um ihre Freiheit hätten kämpfen müssen.

"Überall in Mitteleuropa hat sich 1989 der Wille zur Freiheit durchgesetzt: friedfertig, klug und entschlossen. Die Ostdeutschen haben eines der besten Kapitel der deutschen Geschichte geschrieben", sagte Köhler weiter. Heute sei Europa von Freiheit, Demokratie und der Geltung der Menschenrechte geprägt und Deutschland rundum von Freunden und Partnern umgeben.

"Tag der Befreiung"

Zuvor hatten die Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in einem ökumenischen Gottesdienst den Charakter des 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung" hervorgehoben.

Mit dem Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Kurfürstendamm hatten die offiziellen Gedenkfeierlichkeiten begonnen.

Anschließend gedachten die Repräsentanten der deutschen Verfassungsorgane mit einer Kranzniederlegung in der Berliner Neuen Wache der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. An der Zeremonie in der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik nahmen neben Köhler und Thierse auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sowie die Präsidenten des Bundesrates und des Bundesverfassungsgerichts Matthias Platzeck und Hans-Jürgen Papier, teil.

Huber mahnte im Gedenkgottesdienst, um der Zukunft willen dürfe die Vergangenheit nicht verdrängt werden. "Befreit wurden wir zur Achtung vor der unantastbaren Würde jedes Menschen und deshalb zur Hinwendung zu denen, die missachtet oder misshandelt werden", so Huber.

Lehmann sagte in seiner Predigt, der 8. Mai 1945 sei nicht nur das "Ende einer furchtbaren Gewaltherrschaft" gewesen, sondern auch "das Datum eines Neubeginns". Dabei habe die Geschichte jedoch insbesondere die Westdeutschen privilegiert, während die Menschen im Osten "viel mehr die schwere Last der Katastrophe" getragen hätten. Lehmann betonte: "Die Verbrechen Hitlers schlugen vor allem auch in der Vertreibung furchtbar auf die Deutschen im Osten zurück. Dies sehen wir heute noch zu wenig. Die Lasten waren ungleich verteilt."

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