Gedenktag in Dresden Tausende marschieren gegen braune Brut

Es ist ein deutliches Signal gegen Geschichtsverfälschung und Rechtsextremismus. Mehr als 12.000 Menschen demonstrierten in Dresden - um den Neonazis nicht die Straße und die Deutungshoheit über die Bombardierung der Stadt vor 64 Jahren zu überlassen.


Dresden - Elisabeth Koch war fünf Jahre alt, als Dresden brannte. Dieses Bild hat die heute 69-Jährige niemals vergessen. Am Samstag gedachte sie wie viele andere Dresdner der mehr als 25.000 Menschen, die bei den Luftangriffen alliierter Bomber am 13. und 14. Februar 1945 ums Leben kamen.

Die Dresdner wollten aber auch ein deutliches Signal setzen gegen Rechtsextremismus und Geschichtsverfälschung - und sie wollten die Erinnerung nicht den braunen Marschierern überlassen, die den Jahrestag der Bombardierung einmal mehr als Bühne für ihre Propaganda nutzten.

So demonstrierten mehr als 10.000 Menschen mit Sternmärschen und Kundgebungen gegen die rund 6000 Neonazis, die extra aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland angereist waren. Der Jahrestag der Bombardierung Dresdens wird jedes Jahr von Rechtsextremen instrumentalisiert. Auch dieses Mal nahm die Führungsriege der NPD an vorderster Front am Nazi-Aufmarsch teil.

Ein Großaufgebot der Polizei versuchte die verschiedenen Gruppen von Demonstranten voneinander fernzuhalten. Am Rande kam es kurzzeitig zu Ausschreitungen, es gab mehrere Verletzte.

In der Innenstadt rund um den weltberühmten Zwinger und die Semperoper wimmelte es regelrecht vor Polizisten. Tausende Beamte aus mehreren Bundesländern waren im Einsatz, um die zahlreichen Demonstrationen abzusichern und Zusammenstöße zwischen Rechtsextremen und Gegendemonstranten zu verhindern.

Demonstranten wurden verletzt, einige kamen in Gewahrsam

Menschen aus ganz Deutschland waren dem Aufruf des Bündnisses "Geh denken" aus Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und anderen Initiativen gefolgt, das bundesweit für den Protest gegen den Naziaufmarsch mobil gemacht hatte. Laut Polizei beteiligten sich mehr als 6000 Menschen an einem Sternenmarsch durch die Stadt. Die Veranstalter sprachen von bis zu 12.500 Teilnehmern.

Mit Luftballons, Friedensfahnen und Transparenten mit Aufschriften wie "Die Welt ist bunt" setzten sie ein ganz deutliches - auch optisches - Zeichen gegen den schwarzen Pulk der Rechtsextremen, die auf ihrem so genannten "Trauermarsch" durch die Stadt von Hunderten Polizisten abgeschirmt wurden.

Einige Demonstranten versuchten, den Marsch der Neonazis mit Sitzblockaden aufzuhalten. Die Polizei trug sie von der Straße. Am Kulturpalast kam es später zu Auseinandersetzungen, als ein Zug eines linken Aktionsbündnisses von Polizisten aufgehalten wurde. Einige Menschen erlitten Platz- und Schnittwunden, die Polizei nahm mehrere Demonstranten in Gewahrsam. Zusammenstöße mit der linken Szene, die rund 3500 Anhänger mobilisiert hatte, konnte die Polizei bis zum frühen Abend ansonsten weitgehend verhindern.

"Keine Toleranz gegenüber Intoleranten"

Die politische Prominenz war - anders als in den Vorjahren - außergewöhnlich stark präsent. Vor allem SPD, Grüne und Linkspartei hatten den "Geh denken"-Aufruf maßgeblich unterstützt. So warnte SPD-Chef Franz Müntefering auf der Abschlusskundgebung vor der Semperoper eindringlich, die "braune Soße" dürfe in Deutschland "nie wieder eine Chance haben". Er erinnerte an die Schuld der Nazis am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. "Keine Toleranz gegenüber Intoleranten. Das gehört zur wehrhaften Demokratie auch mit dazu."

DGB-Chef Michael Sommer forderte eine "breite Front gegen die braune Brut". Grünen-Chefin Claudia Roth warf den Rechtsextremen vor, sie versuchten mit ihren Parolen vom "Bombenholocaust" die Verbrechen der Nationalsozialisten zu relativieren. Von Dresden müsse ein "ganz lautes Signal" in alle Welt ausgehen: "Wir geben die Straßen und Plätze nicht frei für Rechtsextremisten", rief Roth in die Menge.

Bundesminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagte zum Auftakt: "Es ist gut, dass hier so viele Menschen stehen und Flagge zeigen. Wir müssen die Antidemokraten heute und an jedem anderen Tag in die Schranken weisen." Gregor Gysi forderte ein Verbot der rechtsextremen NPD.

Seit Samstag erinnert eine Inschrift auf dem Altmarkt an die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg. Die Inschrift gibt auch Auskunft darüber, was geschah: "Hier wurden die Leichname Tausender Opfer der Luftangriffe des 13. und 14. Februar 1945 verbrannt. Damals kehrte der Schrecken des Krieges, von Deutschland aus in alle Welt getragen, auch in unsere Stadt zurück."

Bereits am Freitag hatten in Dresden rund 1100 Rechtsextremisten einen Fackelzug veranstaltet und rund 500 Antifa-Anhänger in der Stadt demonstriert. Bei der Antifa-Kundgebung seien neun Personen in Gewahrsam genommen worden. Aus der Menge waren Flaschen auf Beamte geworfen worden. Zudem wurden Auflagen nicht eingehalten. Am Freitag waren den Angaben zufolge etwa 2500 Polizisten im Einsatz.

jjc/ddp/dpa/AP/AFP



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