Gefährdete afghanische Ortskräfte »Unsere Arbeit geht so lange weiter, bis alle in Sicherheit sind«

Nach dem Ende der Bundeswehr-Luftbrücke soll eine zweite Phase zur Rettung von gefährdeten Afghanen beginnen. Außenminister Maas sagt, das deutsche Schutzversprechen für etwa 70.000 Menschen gelte weiter. Wie aber kann deren Ausreise gelingen?
Aus Taschkent berichtet Matthias Gebauer
Heiko Maas (SPD): Beim ersten Stopp der dreitägigen Reise sprach er mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu

Heiko Maas (SPD): Beim ersten Stopp der dreitägigen Reise sprach er mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu

Foto: Felix Zahn / photothek / imago images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Zum Start einer eilig geplanten Krisenmission in die Nachbarländer Afghanistans hat Außenminister Heiko Maas weitreichende Zusagen für die am Hindukusch zurückgelassenen afghanischen Ortskräfte der Bundeswehr sowie für gefährdete Menschenrechtler, Aktivisten und Journalisten gemacht. Im Namen der Bundesregierung versprach er allen, die es nicht auf die Rettunsgflüge der Bundeswehr geschafft haben, man werde sie nicht im Stich lassen.

Beim ersten Stopp der dreitägigen Reise unterstrich Maas in der Türkei, Deutschland werde sein Schutzversprechen einlösen, bis zu 70.000 gefährdete Afghanen wolle man deswegen so schnell wie möglich in die Bundesrepublik holen. Die deutsche Rettungsmission sei mit der Einstellung der militärischen Evakuierung noch lange nicht vorbei. »Wir wollen die Hilfsaktion fortsetzen«, so Maas, »sie tritt jetzt aber in eine zweite Phase.«

Das Hilfsangebot für rund 10.000 Afghanen, die bei der Bundeswehr oder bei Entwicklungsprojekten tätig waren, gelte weiterhin. Hinzu kommen etwa 1600 Aktivisten und Journalisten, die die Rache der Taliban fürchten müssen. Rechnet man jeweils die engste Familie dazu, wären das etwa 70.000 Personen. »Unsere Arbeit geht so lange weiter, bis alle in Sicherheit sind, für die wir in Afghanistan Verantwortung tragen«, sagte Maas.

Maas verhandelt zwei Optionen für schnelle Ausreisen

Auf seiner Reise will Maas nun über zwei Optionen zur schnellen Ausreise von gefährdeten Afghanen verhandeln. In der Türkei ging es vor allem darum, den weitgehend zerstörten zivilen Flughafen der Hauptstadt so herzurichten, dass hier zumindest wieder Charterjets landen könnten. Derzeit betreiben die Amerikaner den Flugverkehr in Kabul mit militärischen Mitteln. Da der Tower stark beschädigt wurde, war ständig ein sogenannter Awacs-Jet der USA in der Luft, die fliegende Radaranlage koordinierte den Luftraum über Afghanistan.

DER SPIEGEL

Die Türkei verhandelt bereits mit den Taliban über die Wiederaufnahme von zivilen Flügen von Kabul aus. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu sprach von einer »Anfrage nach technischer Unterstützung«, es seien bereits türkische Fachleute vor Ort. Die erste Bilanz aber sei düster. »Es gibt sehr große Schäden, an der Piste, am Radarturm und an allen Gebäuden«, so Çavuşoğlu. Er nannte keinen Zeitraum, wie lange die nötigen Reparaturen dauern könnten, sehr hoffnungsvoll aber wirkte er nicht.

Ziemlich lange sinnierte Çavuşoğlu dann an der Seite von Maas über die Sicherheit am Flughafen. Klar ist schon jetzt, dass die Taliban keine ausländischen Truppen im Land mehr akzeptieren werden, die den Airport wie derzeit die Amerikaner absichern. Niemand aber sei bereit, so der türkische Minister, ziviles Personal für den Flughafen »in ein Risikogebiet« zu schicken. Hinter den Kulissen wird deswegen bereits mit einem Sicherheitsunternehmen gesprochen, das Schutz und Betrieb organisieren könnte.

Ohne den guten Willen der Taliban wird die Mission Charterflug nicht funktionieren. Bisher hat zumindest der politische Arm der Islamisten die Ausreise von Ortskräften auch nach dem Ende der US-Mission zugesichert. Ob die Kräfte am Boden, die schon jetzt den zivilen Teil des Airports kontrollieren, diese Zusagen auch einhalten, ist kaum vorauszusagen. Hinzu kommt, dass es bei jedem der Flüge zu einem neuerlichen Sturm von Tausenden Ausreisewilligen, die gar nicht für Deutschland tätig waren, auf den Airport kommen würde.

Unsicherheiten bei Ausreise über Drittländer

Auch die zweite Ausreiseoption ist noch mit vielen Fragezeichen versehen. So will Maas mit den Nachbarländern Afghanistans verhandeln, dass sie Ortskräfte, die auf deutschen Schutzlisten stehen, einreisen lassen und diese dann von Usbekistan oder Pakistan nach Deutschland fliegen können. Schon jetzt haben die Botschaften ihr Personal verstärkt, da bereits erste Ortskräfte und Menschenrechtsaktivisten dort nach Visa fragen.

Auf dem Papier hört sich die Option gut an. So überlegt man im Außenamt, Mitarbeiter an die Grenzposten zu Afghanistan zu schicken, um dort die Einreise von bereits gelisteten Afghanen zu erleichtern. Über Hilfszusagen will man den Nachbarn schmackhaft machen, sich nicht gegen die Einreise zu sperren. In Staaten wie Pakistan wird das nicht einfach. Seit Jahren klagt die Regierung über mehr als zwei Millionen afghanische Flüchtlinge im Land. Dort sorgt man sich, dass ein neuer Flüchtlingsstrom auf die Nachbarn zukommt.

Fraglich ist aber vor allem, wie die Schutzsuchenden überhaupt an die Grenzen kommen sollen. Möglich wäre dies nur, wenn man mit den Taliban konkrete Sicherheitsgarantien verhandelt, die dann am Boden auch eingehalten werden. Im Auswärtigen Amt hofft man, dass dies gelingt, weil auch die Taliban auf die millionenschweren Hilfszahlungen aus dem Ausland angewiesen seien. Trotzdem wirkt die Idee surreal, dass die Ortskräfte letztlich durch Dutzende Checkpoints der Taliban sollen, deren Rache sie fürchten.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Um die Kooperation mit den Taliban wird es auf dem letzten Stopp gehen. Im Golfemirat Katar will Maas mit der dortigen Regierung reden, sie hat die besten Drähte zu den Taliban. Jahrelang war Doha Gastgeber für das Politbüro der Islamisten, hier redet auch der deutsche Diplomat Markus Potzel immer wieder mit deren Anführern. Dass Maas direkt mit den wenigen noch verbliebenen Taliban in Doha redet, gilt aber als ausgeschlossen. Stattdessen soll die Regierung des Emirats als Vermittler dienen.

Für Maas geht es auch um den eigenen Ruf

Die Hektik auf der Reise illustriert, wie sehr Maas derzeit im Feuer steht. Die sogenannte »Phase zwei« ist für ihn weit mehr als nur ein Projekt, es geht auch um seinen Ruf. Die vielen Fehler beim Thema Afghanistan, die Fehleinschätzungen über den Vormarsch der Taliban und das arg langsame Krisenmanagement, all das klebt seit Tagen wie ein lästiges Kaugummi am Außenminister. Die »Süddeutsche Zeitung« titelte kürzlich ziemlich giftig, der SPD-Mann gebe dem krassen Versagen der Bundesregierung ein Gesicht.

Maas steht derzeit ziemlich allein am öffentlichen Pranger. Seine Ministerkollegin Annegret Kramp-Karrenbauer kann sich für den Erfolg ihrer Truppe bei der Luftbrücke aus Kabul heraus feiern lassen. Immerhin konnten die A400M-Flieger der Luftwaffe in nur ein paar Tagen noch gut 5000 Menschen ausfliegen. Das beschert der Ministerin schöne Bilder und den Ruf, schnell agiert zu haben. Maas indes muss sich fragen lassen, ob er fahrlässig spät reagierte, da er die deutschen Diplomaten erst nach dem Fall Kabuls evakuieren ließ.

Folglich geht es für den Außenminister bei der vielleicht wichtigsten Mission seiner endenden Amtszeit neben den Ortskräften auch viel um seine eigene Reputation. Kann der Minister tatsächlich eine Art Deal für die geordnete Ausreise von Tausenden Ortskräften und anderen gefährdeten Afghanen schmieden, gewönne er zumindest ein bisschen Profil zurück. Dafür aber, das weiß keiner besser als Maas selbst, muss er nun sehr schnell konkrete Ergebnisse präsentieren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.