Gefangenen-Berichte Verteidigungsministerium lehnt Interview-Verbot ab

Trotz des Verbotes hat eine Boulevardzeitung in Großbritannien den zweiten Teil des Interviews mit der Marinesoldatin Turney veröffentlicht. Auch Bundeswehrsoldaten könnten Erlebnisse aus Gefangenschaften zu Geld machen - wenn es das Verteidigungsministerium genehmigt.


Hamburg - "Wir entscheiden das im Einzelfall", so ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Da es bislang solche Fälle nicht gegeben habe, wolle man auch über mögliche Szenarien nicht spekulieren.

Prinzipiell müssen Interviewanfragen mit überregionaler Bedeutung mit dem Presse- und Informationsstab der Bundeswehr abgeklärt werden. Findet das Interview freiwillig statt und verstößt es nicht gegen dienstlichen Interessen, wird es genehmigt. Allerdings stehen bei dienstlichen Belangen gezahlte Honorare "grundsätzlich dem Dienstherrn zu" - reich würde ein Soldat durch seine Schilderungen also wahrscheinlich nicht werden.

In Großbritannien geht der Streit um die Vermarktung der Hafterlebnissen der Marinesoldaten weiter. Nachdem das Verteidigungsministerium Montagabend weitere bezahlte Interviews verboten hatte, veröffentlichte "The Sun" heute Teil zwei ihres Interviews mit der befreiten Soldatin Faye Turney. Der Grund: Das Verbot gilt nicht rückwirkend. In dem Gespräch erzählt Turney von der tränenreichen Wiedervereinigung mit ihrer Familie.

Verteidigungsminister Des Brown sieht sich inzwischen auch vermehrt Kritik aus den eigenen Reihen ausgesetzt: Der Labour-Abgeordnete und Ex-Verteidigungsminister Peter Kilfoyle verurteilte in der BBC das "schreckliche Durcheinander", das durch die Ausnahmegenehmigung entstanden sei. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie man diese Art von Dingen ursprünglich einmal akzeptabel finden konnte", erklärte Kilfoyle.

Die britische Regierung hatte den 15 Marinesoldaten nach der Entlassung aus iranischer Gefangenschaft zunächst erlaubt, ihre Erlebnisberichte an Medien zu verkaufen. Ihr Einverständnis zog das Verteidigungsministerium allerdings wieder zurück, nachdem die Veröffentlichung eines Interviews mit Faye Turney für heftige Kritik von Opposition, Militärs und Angehörigen gefallener britischer Soldaten gesorgt hatte. Gerüchten zufolge hatten britische Medien Turney einige hunderttausend Euro für das Interview geboten.

Die Bundeswehr will derweil ihre Soldaten durch gezieltes Training auf mögliche Gefangennahmen vorbereiten. Generalmajor Ernst Lutz betonte, die Geiselnahme britischer Soldaten in Iran zeige, dass ähnliches "jederzeit" auch auf deutsche Soldaten zukommen könne.

Mögliche Einschüchterungs-Methoden, mit denen Soldaten in Gefangenschaft rechnen müssten, seien Anbrüllen, Schlafentzug oder der Zwang zu sinnlosen Arbeiten. "Essen kann als Belohnung ausgesetzt werden", sagte Lutz, "Je besser jemand – im Rahmen unserer Gesetze und Vorschriften – mit diesen Dingen bekannt gemacht worden ist, desto eher wird er in diesen Situationen bestehen können."

joh/dpa



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