Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die befreite Frau

Das wird das Verhältnis der Geschlechter revolutionieren: Frauen können ihre unbefruchteten Eizellen einfrieren lassen - und so selbst bestimmen, wann sie Kinder haben wollen. Damit ändert sich auch die Machtbalance in Beziehungen.

Meine Kollegin Nicola Abé hat sich in einer Klinik 16 Eizellen entnehmen lassen. Sie hat im neuen SPIEGEL darüber berichtet, deshalb kann ich das hier zum Thema machen, ohne indiskret zu sein. Die Zellen lagern bei minus 196 Grad in einer Münchner Klinik, bis sie sich dazu entschließt, sie auftauen zu lassen. Abé hat beschlossen, die Familienplanung in die eigene Hand zu nehmen, wie sie in einem Essay schreibt, den ich jedem zur Lektüre empfehle, der sich für Zukunftsfragen interessiert. Sie kann jetzt schwanger werden, wann es ihr passt, und nicht nur so lange, wie es die Natur erlaubt.

Abé steht an einer neuen Frontlinie der Reproduktionsmedizin. Das Verfahren, dessen sie sich bedient hat, ist noch relativ jung. Die Möglichkeit, Eizellen haltbar zu machen, indem man sie einfriert, gibt es schon länger, aber bislang bildeten sich dabei oft Kristalle, die die Zellmembran angriffen und die Zellen unbrauchbar machten. Erst seit die Mediziner eine Methode zur Schockgefrierung unbefruchteter Eizellen entwickelt haben, liegt die Überlebensrate so hoch, dass die Sache den Aufwand lohnt.

Es wäre ein Fehler, in der Entscheidung, bei der Fortpflanzung das biologische Enddatum aufzuhalten, eine Laune einiger überspannter Mittdreißigerinnen zu sehen, die sich von geschäftstüchtigen Ärzten das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Es geht um eine grundsätzliche Verschiebung im Geschlechterverhältnis. Wenn nicht alles täuscht, wird diese Technik mehr verändern als jede Debatte über Quote oder Pay Gap. Noch gilt das "social freezing", wie die Kryokonservierung auch genannt wird, als exotisch, aber das wird sich bald ändern.

Feministinnen wie Alice Schwarzer haben immer über die biologische Ungerechtigkeit geklagt, dass es Frauen anders als Männern verwehrt bleibt, im Alter noch Kinder zu bekommen. Dieser kleine Unterschied ist in Wahrheit ein gewaltiger, weil er die Machtbalance in Beziehungen betrifft. Frauen bleiben nach Aufnahme der Karriere nur wenige Jahre, um die Familiengründung in Angriff zu nehmen. Wenn sie auf den falschen Partner setzen oder zu lange an jemanden festhalten, der sich als Enttäuschung erweist, läuft ihnen die Zeit davon. Männer können bei der Planung nicht nur deutlich entspannter sein, sie sind auch bei einer Trennung im Vorteil: Selbst in einer zweiten oder dritten Ehe sind sie oft noch in der Lage, Kinder in die Welt zu setzen, vorausgesetzt natürlich, die neue Partnerin ist jung genug.

Die Befreiung der Frau kommt aus dem Labor

Wie immer, wenn in die natürliche Ordnung eingegriffen wird, regt sich Unbehagen. Manche finden die Entscheidung, seine Eizellen auf Eis legen zu lassen, egoistisch. Andere verweisen auf die Kosten. Aber was soll daran egoistisch sein, wenn man die Schwangerschaft ein paar Jahre nach hinten verlegt, fragt Abé zu Recht: Ist es besser die 3000 Euro, die eine Behandlung kostet, in einen Bausparvertrag oder einen Karibikurlaub zu stecken? Der medizinische Fortschritt ist noch nie an der Grenze der Natur stehen geblieben. Wer gegen die Kryokonservierung ist, muss, wenn er konsequent sein will, auch Pille oder künstliche Befruchtung ablehnen.

Der Feminismus hat immer mit der Biologie gehadert. Jede Befreiungsbewegung empfindet das, was man nicht durch Proklamationen ändern kann, als Skandal. Das Leben als Frau erfüllt sich nicht allein in der Mutterschaft, aber der Wunsch nach eigenen Kindern ist ein mächtiges Programm, das sich nicht mal eben außer Kraft setzen lässt, jedenfalls nicht ohne den Preis der Reue.

Wie eng der Zeitrahmen ist, den die Natur setzt, wird vielen Frauen erst bewusst, wenn sie sich dem Ende nähern. Ab 30 sinkt die Fertilität, ab 35 fällt sie in den Keller. Wer 40 oder älter ist, hat kaum noch Chancen, auf natürliche Weise Kinder zu bekommen. Weniger als ein Fünftel der Frauen, die heute keine Kinder haben, bleiben freiwillig kinderlos, wie man aus Umfragen weiß. Für die meisten Paare, die ohne Nachwuchs geblieben sind, ist Kinderlosigkeit keine Lebensentscheidung, sondern ein großes Unglück.

Der Feminismus hat sich die Befreiung der Frau durch die Kulturwissenschaft erhofft. Weil seine Vertreterinnen die Biologie als Kränkung empfanden, erklärten sie die Geschlechterunterschiede zu einer Frage sozialer Praxis. Was kulturell determiniert ist, lässt sich auch durch eine Aufhebung der Gewohnheiten ändern, das war die frohe Botschaft. So gesehen ist es eine schöne Pointe, dass die nächste Stufe in der Befreiung der Frau aus dem Labor kommt. In Wahrheit ist Biologie stärker als jede Ideologie, wie sich zeigt.

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