Gehälterdebatte BDI-Chef bläst zum Manageraufstand

Jürgen Thumann startet eine Ehrenrettungskampagne für Kollegen wie Porsche-Chef Wiedeking: Der BDI-Chef forderte laut "Bild"-Zeitung jetzt 15.000 Managerkollegen schriftlich auf, für ihren Ruf und ihre Gehälter zu kämpfen. Denn vor Weihnachten kocht der Streit um gerechte Bezahlung erneut hoch.


Hamburg - Jürgen Thumann sieht sich zu Unrecht verunglimpft: "Wir Unternehmer und Manager orientieren uns an klaren Werten. Moral lässt sich nicht in Zahlen gießen, aber wir folgen dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns", schreibt der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) in einem Brief, aus dem die "Bild"-Zeitung zitiert. "Die Große Koalition sollte sich von den Wahlkämpfen in den Bundesländern nicht auf den Holzweg führen lassen, Vorstandsvergütungen gesetzlich zu begrenzen."

Porsche-Großverdiener Wendelin Wiedeking beim "Nord-Süd-Dialog" der Bundesländer in Hannover: Leitbild des ehrbaren Kaufmanns?
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Porsche-Großverdiener Wendelin Wiedeking beim "Nord-Süd-Dialog" der Bundesländer in Hannover: Leitbild des ehrbaren Kaufmanns?

Das Schreiben sandte Thumann an 15.000 Manager, die er dringlich auffordert: "Lassen Sie uns gemeinsam klarmachen, wer in Deutschland Wohlstand und Wachstum erwirtschaftet: die vielen ausgezeichneten Unternehmen mit ihren hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern."

Der Appell wundert nicht. Kurz vor Weihnachten geraten er und seine Kollegen wegen ihrer hohen Bezüge erneut heftig unter Beschuss. Bundestagspräsident Norbert Lammert etwa warnt in der "Bild am Sonntag": "Das Problem besteht darin, dass die Proportionen aus dem Ruder geraten: Die Bezüge von Managern erhöhen sich spektakulär, während die Durchschnittsgehälter der Erwerbstätigen stagnieren". Man dürfe sich nicht wundern, "wenn das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen berührt ist."

Eine gesetzliche Begrenzung von Managerbezügen lehnt zwar auch Lammert ab: "Diese Frage kann von der Politik nicht überzeugend gelöst werden." Aber der Politiker erklärt: "Meine dringende Empfehlung richtet sich an die Wirtschaft selbst: Die Unternehmen sollten bei den Vorstandsbezügen mehr Fingerspitzengefühl zeigen."

Die Forderung nach einer gesetzlichen Begrenzung von Managerbezügen war einer der Höhepunkte der Debatte in den vergangenen Wochen. Ausgelöst hatte die Diskussion um überzogene Managergehälter die Veröffentlichung der Bezüge des Porsche-Vorstands. Insgesamt verdiente der Führungszirkel des Nobelautobauers in nur einem Jahr 112,7 Millionen Euro - allein Porsche-Chef Wendelin Wiedeking soll 60 bis 70 Millionen Euro kassieren. Einen Tag nach dieser Nachricht, hielt Bundespräsident Horst Köhler alarmiert eine Rede, in der er eine "Kultur der Mäßigung" anmahnte. Der soziale Frieden sei wegen der wachsenden Einkommenslücke in Gefahr.

Die Warnung vor der wachsenden Gerechtigkeitslücke ist keine Panikmache. Die Zahlen sprechen für sich. Dem sogenannten Sozioökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge sind die Einkommen der ärmeren Schichten in Deutschland gegenüber dem Jahr 1992 preisbereinigt um 13 Prozent gesunken. Die Bezüge der Spitzenverdiener legten im selben Zeitraum um fast ein Drittel zu. Und viele Experten warnen: Der Trend wird sich jetzt angesichts der steigenden Inflation noch verschärfen.

Mindestens genauso aufgeheizt wie der Streit um die Managerbezüge ist die Stimmung bei der Debatte um einen allgemeinverbindlichen Mindestlohn. Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff forderte jetzt die Wirtschaftsverbände offen zu mehr Unterstützung für die Bemühungen der Union auf, dessen Einführung zu verhindern. "Die Politik soll sich ja aus der Tarifpolitik heraushalten. Ich erlaube mir aber, darauf hinzuweisen, dass die Wirtschaft gelegentlich Rückgrat beweisen muss", sagte Wulff der "Welt". Er fügte hinzu: "Unter manchem, was die Verbände beklagen, stehen nicht die Unterschriften von Politikern, sondern nur die der beiden Tarifparteien. Bei einem gesetzlichen Mindestlohn bliebe die Verantwortung der Wirtschaft außen vor. Das geht meines Erachtens nach nicht."

Wenn einige Branchen Interesse an einem Mindestlohn hätten, könne man allerdings bei Vorliegen bestimmter Bedingungen über solche Lohnuntergrenzen diskutieren. "Das ist der Kompromiss der Großen Koalition, dazu stehe ich", sagte der Ministerpräsident. Die Deutschen könnten nicht ignorieren, wenn 22 von 27 Ländern in Europa einen Mindestlohn hätten. Wulff lehnte aber Pläne der SPD ab, Mindestlöhne zusätzlich über das Mindestarbeitsbedingungsgesetz einzuführen.

ase/AFP/ddp/dpa



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