Geheimbericht Bundeswehr wusste kurz nach Luftangriff von zivilen Opfern

Nur Stunden nach dem Bombardement bei Kunduz wusste die Bundeswehr von einer hohen Zahl ziviler Opfer - das enthüllt nach SPIEGEL-Informationen ein Geheimbericht. Kurz vor dem Luftangriff gab es außerdem Meinungsverschiedenheiten zwischen Oberst Klein und einem Offizier.
Fotostrecke

Afghanistan: Klein und der Befehl zum Bomben

Foto: A3806 Can Merey/ dpa

Hamburg - Die Bundeswehr ist durch einen geheimen Bericht früher als bislang bekannt über eine hohe Zahl ziviler Opfer durch den Bombenabwurf bei Kunduz informiert gewesen.

Taliban

Ein afghanischer Informant hat seinem deutschen Quellenführer in Kunduz nur Stunden nach dem Bombenabwurf berichtet, unter den Opfern seien "genauso wie Zivilisten". In dem mehrseitigen Bericht des Informanten ist vermerkt, die Taliban hätten den Treibstoff der Tanklaster verteilen wollen. "Dies war der Grund für die hohe Zahl an Zivilisten in der Umgebung." Durch den Luftschlag seien "mindestens hundert Menschen gestorben".

Bei der Quelle handelt es sich laut Bundeswehr um einen Afghanen "mit direktem Zugang zu Informationen über die Aktivitäten der Aufständischen im Distrikt Chahar Darreh", der in der Vergangenheit "relativ glaubwürdig berichtet" habe. Entsprechend hielt der Quellenführer die Angaben für seriös. Es erscheine "wahrscheinlich, dass auch Zivilisten bei dem Luftschlag getötet wurden", es sei wegen der Benzinabfüllung auch "vorstellbar", dass zu dem Zeitpunkt des Bombenabwurfs "eine große Zahl an Zivilisten anwesend war".

Trotz der internen Informationen blieben die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium allerdings zunächst bei ihrer Darstellung, es seien ausschließlich Taliban gestorben. Der vertrauliche Bericht aus Kunduz ist bis heute unter Verschluss.

Flugleitoffizier sah keine unmittelbare Bedrohung

Der geheime Nato-Untersuchungsbericht belegt außerdem, dass es kurz vor dem Bombenabwurf in einer wichtigen Frage zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Klein und seinem Fliegerleitoffizier mit dem Codenamen "Red Baron 20" gekommen ist.

Etwa gegen 0.48 Uhr in der Nacht zum 4. September hatte die US-Luftwaffe ihren B-1-Bomber zum Tanken abgezogen und mitgeteilt, nur bei einer unmittelbaren Bedrohung für Nato-Truppen könne ein Ersatzflugzeug geschickt werden. Nach kurzer Überlegung entschied sich der verantwortliche Kommandeur Oberst Georg Klein, gegenüber dem US-Militär wahrheitswidrig zu behaupten, es gebe Feindberührung.

Kleins deutscher Flugleitoffizier "Red Baron 20" gab bei seiner Befragung dagegen an, er habe in dieser Situation weder eine unmittelbare Bedrohung gesehen "noch die Notwendigkeit, Feindberührung anzugeben".

Auf die Frage des Nato-Untersuchungsteams, warum er kein Veto eingelegt habe, um Klein zu stoppen, antwortete der Fliegerleitoffizier: "Ich bin ein Soldat, und er ist mein Kommandeur."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.