Geheimdienste Aufstand der Unsichtbaren

Der Bundesnachrichtendienst soll eine neue Zentrale in Berlin bekommen. Die Agenten rebellieren gegen die kostspielige Umsiedlung. Sie hoffen auf eine Expertise des Bundesrechnungshofs, der die Umzugskosten überprüfen soll.

Berlin - Es war eine Bescherung der besonderen Art, am Nikolausabend, im Auditorium der Katholischen Akademie zu Berlin: Unter den skeptischen Blicken von gut hundert Hauptstädtern warb Claudia Nitz, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Bundesnachrichtendienst (BND), um "zukünftig gute Nachbarschaft".

Der geplante Umzug der BND-Zentrale vom bayerischen Pullach ins Herz der deutschen Hauptstadt, mitten in ein Wohngebiet des Bezirks Mitte, sei kein Grund zur Sorge: "Wir hören Sie nicht ab, wir spionieren Ihnen nicht nach, wir sind ein Auslandsgeheimdienst - keine Angst." Zur Bekräftigung ihrer friedvollen Absichten offerierte Nitz' Agentur dann Weihnachtsplätzchen mit BND-Logo sowie geheimdienstliche Adventskalender mit Widmung ("Ein frohes Fest wünscht der Bundesnachrichtendienst").

So friedlich wie in Berlin geht es in der bayerischen BND-Heimat derzeit nicht zu: Erstmals in der deutschen Spionage-Geschichte proben Tausende BND-Mitarbeiter den Aufstand. Ähnlich wie die notorischen Berlin-Gegner in Bonn vor dem Hauptstadt-Umzug 1999 kämpfen die Herren von der unsichtbaren Front gegen die geplante Umsiedlung von rund 2500 Kollegen von der Isar an die Spree. Und sie haben gewichtige Verbündete: Beistand erhalten die Geheimen vor allem von der CSU, die den Dienst gerne im Freistaat behalten würde und sich auf die drohenden Kosten des Umzuges einschießt - womöglich mehr als eine Milliarde Euro.

Widerstand gegen den "Gulag Berlin"

Die Revolte der Geheimdienstler, die in milieutypisch diskreter Manier kämpfen, hat durchaus kuriose Züge. Da die Agenten, Analytiker und Angestellten ihren Umzugs-Ärger nicht auf die Straße tragen wollen (Dienst-Spott: "Da müssten wir ja unsere Transparente schwärzen"), entlädt sich ihr Zorn bisher vor allem im BND-internen Computernetzwerk. Vom "Gulag Berlin" ist da die Rede, von vermeintlichen Ghettos und dem niedrigen Lebensstandard. Selbst absurdeste Argumente diskutieren die sonst so nüchternen Beamten: Al-Qaida werde es in Berlin leicht haben, den BND zu treffen, schließlich hockten bald alle Mitarbeiter weithin sichtbar auf einem Fleck.

Rund 2200 BND-Kollegen haben bereits eine Petition unterzeichnet, die den Umzug verhindern soll. Am vergangenen Freitagvormittag trafen sie sich zu einer außerordentlichen Personalversammlung - der Andrang war so groß, dass nicht alle auf einmal in die BND-Messe passten. Eine Mitarbeiterbefragung durch den Personalrat soll den Protest jetzt offiziell machen.

Zudem kämpfen Helfer auch auf offener Bühne. So hat das so genannte "Vertrauensgremium", im Bundestag zuständig für die Finanzen der Nachrichtendienste, den Bundesrechnungshof beauftragt, die bisher auf 720 Millionen Euro berechneten Kosten für Neubau, Umzug und Ausstattung zu überprüfen.

Am 27. Januar sollen die Controller ihr Gutachten vorlegen. Die BND-Angestellten hoffen, dass es zu dem Ergebnis kommt, alles werde viel teurer als gedacht. Weil der Rechnungshof zum Vergleich auch die Renovierungskosten für Pullach ermitteln soll, könnte das Gutachten den Kritikern des Umzugs tatsächlich Argumente bescheren.

CSU erwartet Kostenexplosion

Hinzu kommen praktische Probleme: Der Bund konnte sich bislang noch nicht das Grundstück für die neue Zentrale sichern, einen etwa zehn Hektar großen Acker an der Berliner Chausseestraße. Das finanziell angeschlagene Land Berlin, dem die Fläche gehört, verlangt rund 55 Millionen Euro - die bislang in der Kostenkalkulation des Bundes ebenso wenig vorgesehen sind wie Ausgaben für die Inneneinrichtung des Neubaus. Unerwartete Schwierigkeiten bereitet auch eine Tankstelle am Rande des Geländes. Sie soll weichen, da der BND Explosionsgefahr fürchtet. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Uhl, von der Union mit der Überprüfung des Umzugs beauftragt und als Bayer natürlich strikter Gegner des Vorhabens, hält deshalb sogar Kosten von 1,3 Milliarden Euro für möglich.

Die Attacken gefährden den von Experten gelobten Plan des Sicherheitskabinetts, das den Umzug im April 2003 beschlossen hat. Die Geheimen sollten als "Dienstleister für die Regierung" (BND-Chef August Hanning) nahe dem Machtzentrum arbeiten - und sich dabei eng mit den bereits in Berlin ansässigen Terror-Abwehr-Dienstellen des Bundeskriminalamtes abstimmen. Zudem müsse der Dienst endlich raus aus dem beschaulichen Bayern und "dahin, wo die Musik spielt", heißt es in der BND-Spitze.

Die allerdings dürfte - wenn überhaupt - erst in ferner Zukunft zu hören sein: Selbst die BND-Oberen rechnen inzwischen mit einer Einweihungsfeier frühestens im Jahr 2011.

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