Geheimnis der Machtmenschen Wieso Politiker nicht die Klügsten sind

Politik ist ein Geschäft für kaltschnäuzige, unsentimentale, knochenharte und listige Menschen - das liegt in der Natur des Systems. Nur Kraftnaturen kommen ganz nach oben, nicht die Schlausten. Franz Walter über das Geheimnis erfolgreicher Machtmenschen.

Zunächst: Ohne Geduld, langen Atem, zähe Ausdauer und belastungsfähiges Sitzfleisch geht nichts in der Politik. Personen mit einem ausgeprägten Schlafbedürfnis sind ohne Chance. Hochintelligente Menschen, denen Redundanzen in stundenlangen Kommissionen ein Greuel sind, sollten sich politische Karrierepläne aus dem Kopf schlagen.

Steinmeier, Merkel: Politische Führung ist nicht leichter geworden

Steinmeier, Merkel: Politische Führung ist nicht leichter geworden

Foto: DDP

Auch Intellektuelle, streng systematisch denkende Menschen werden es schwer haben, auf dem Gipfel zu bestehen. Weit wichtiger sind Intuition, Gefahreninstinkt, die Fähigkeit, unterschiedliche Informationen blitzschnell zu verknüpfen.

Und in der Regel erweist es sich überdies als Vorteil, nicht über die Maßen klug zu sein. Der Mangel an Zweifel am eigenen Tun erleichtert das politische Führungsleben, während Skrupel und Reflexionswut es erheblich beschweren.

Erfreuliche Momente für die Kraftnaturen der Macht sind Krisen und Katastrophen. Denn dann weitet sich für einen kurzen Zeitraum das politische Spielfeld. Die Vetomächte müssen ihre Routineeinwände unter dem Druck der aufgeschreckten Öffentlichkeit zurückstellen. Der Exekutive werden in den Zeiten des Notfalls außerordentliche Befugnisse eingeräumt. Die sonst sperrigen Institutionen dürfen zwischenzeitlich übergangen werden. Helmut Schmidt war ein großer Nutznießer solcher Konstellationen, auch Gerhard Schröder.

In der Außenpolitik gibt es ebenfalls historische Knotenpunkte, an denen die innenpolitischen Blockademächte nicht beteiligt sind und Spielräume sich öffnen. In einem solchen "Weltenmoment" kann man als politischer Anführer einer Nation dann Geschichte machen, wie Adenauer in den fünfziger, Brandt in den frühen siebziger Jahren und Kohl 1989/90. Ist der Moment vorüber, hat der Held erledigt, was er zu vollbringen hatte, dann wird die Geschichte ihn wegwerfen "wie leere Hülsen", um einmal den großen Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu zitieren.

Auch scheint es einen politischen Habitus und Regierungsstil zu geben, mit dem milieuübergreifend Resonanz zu erzielen ist, der Studienräte genauso beeindruckt wie diejenigen ihrer Angestellten, die ihnen das Haus sauber halten. In diesem Typus des vergleichsweise erfolgreichen Politikers paaren sich Härte, evidente Durchsetzungsfähigkeit, ein Stück souveräner Unabhängigkeit von der eignen Partei mit Biss, Witz, Schlagfertigkeit, oft auch mit einem Hauch lustvoller rebellischer Provokation.

Der Blick des politischen Aufsteigers ist illusionslos

Der erfolgreiche Politikertypus solcher Fasson verbindet politischen Instinkt, Populismus, Stimmungs- und Problemsensibilität, Konzentration auf das Wesentliche, virtuose Medienpräsenz und Pragmatismus miteinander. Er muss eine immens facettenreiche Gestalt sein, muss als Projektionsfläche für verschiedene Bedürfnisse, Einstellungen und Kulturen taugen, muss rochieren, sich neuen Verhältnissen blitzschnell anverwandeln, ohne dabei aber opportunistisch zu wirken. Er sollte ein umarmungsfähiger Integrator sein, aber auch ein konzeptioneller Scout mit Witterung für die Themen von morgen.

Es ist auffällig, dass oft der Typus des Aufsteigers viele dieser Eigenschaften in sich vereint. Er konnte sich auf seinem harten Weg nach oben überflüssige Sentimentalitäten und übermäßiges Fairplay nicht leisten; er hatte die Ellbogen rüde auszufahren, Mimikry zu üben gelernt, Rivalen früh wittern und ohne große Skrupel in den Orkus schicken müssen. Mit Tiefschwätzereien kann man ihm nicht kommen. Sein Blick ist illusionslos. Er schlägt hart zu, wenn ihm genommen werden soll, was er sich trotz der Widrigkeiten seiner inferioren Herkunft alles aufgebaut hat.

Oft sind sie, die nicht selten in ursprünglicher Gegnerschaft zur Gesellschaft angetreten sind, die rüden und robusten Verteidiger des Systems, in dem sich ihr Aufstieg schließlich vollzog. Jedenfalls: Aus diesem Holz scheinen die harten Führernaturen des politischen Establishments häufig geschnitzt zu sein.

Dabei ist unzweifelhaft, dass moderne Parteien nicht autoritär geführt werden können. Die Basis lässt sich durch zentralistische Dekrete nicht langfristig beeindrucken; Parteiversammlungen sind durch einen zackigen Befehlston nicht zu kujonieren. Politische Führung ist mittlerweile in der Tat auf kommunikative Fähigkeiten angewiesen. Wer politisch ausdifferenzierte Parteien erfolgreich führen will, muss koordinieren, vermitteln, ausgleichen, delegieren, einbinden, vernetzen, überzeugen können. So sind gleichsam sanfte Führungsformen gefragt.

In der Politik geht es nicht um Glaubwürdigkeit

Einerseits. Doch anderseits kann diese nur derjenige effektiv verwenden und durchsetzen, der durch Energie, Disziplin, Kaltschnäuzigkeit und Machtwillen auch Konkurrenten beeindruckt, ja einschüchtert, sie mit Härte in der Minderheit hält. Kommunikative Führung gelingt nur demjenigen, der über sehr viel Autorität, Zielstrebigkeit und Gefahreninstinkt verfügt. Wohl aus diesem Grund waren bisher die Künder der "soft skills" letztlich nicht allzu erfolgreich.

Dazu: Um ganz oben im Zentrum der Macht zu überleben, ist es ratsam, sich politisch nicht vorschnell präzise festzulegen. Der pointierte Ideenproduzent ist der Held nur des Moments. Der flexible politische Moderator mit grenzenloser Geduld garantiert Dauer. Man lässt politische Debatten lieber laufen, den Prozess sich entfalten, die Kräfteverhältnisse herauskristallisieren, bevor man sich auf eine Seite schlägt.

Das ist eine der Regeln der Machtpolitik: Man kann etliche glänzende Einfälle haben - sobald man dabei einen schweren Fehler begeht, wird man fortgejagt. Also versucht man das Risiko, das jeder Originalität innewohnt, zu vermeiden, um die Führungsposition zu erhalten.

Grundehrliche Typen? Eine Fehlbesetzung in der Politik

Denn schließlich: In der Politik geht es um Macht, nicht um Sinnstiftung, nicht um Identitätswahrung, nicht einmal um Glaubwürdigkeit. Und noch einen Schritt weiter: Ein Politiker, der ein "grundehrlicher Kerl" sein möchte, wäre eine katastrophale Fehlbesetzung. Irgendwann würden ihn die Bürger mit Spott und Häme verjagen. Denn regierende Eliten müssen dazu fähig sein, trotz und am Ende aller Konsensrunden Verbindlichkeit zu erzwingen. Sie haben den Zugriff auf das Gewaltmonopol. Man erwartet von ihnen den Schutz der elementaren Lebensinteressen und Güter - gegen mögliche Usurpatoren im Inneren und Äußeren, von denen nicht zu erwarten ist, dass sie ihre niederträchtigen Absichten offenherzig preisgeben.

Insofern müssen Politiker kaltschnäuzig, unsentimental, knochenhart, listig sein. Sie müssen als kühl kalkulierende Strategen überzeugen. Aber ein Stratege darf nicht auf dem offenen Markt Absichten ausplaudern. Ein Stratege hat die nächsten Züge nicht anzukündigen, gar zur Abstimmung zu stellen. Ein Stratege operiert geheim; er täuscht, legt falsche Spuren, hebt Fallgruben aus, lauert hinter Hecken. Er hat allerdings Vorsorge dafür zu treffen, dass dies alles zugleich als "authentisch" erscheint, also mit dem "Saum des Glaubens" ausgestattet wird. Seit jeher kümmert sich erfolgreiche Führung darum, ihr Tun moralisch zu verbrämen.

Aber insgesamt: Politische Führung ist in modernen Zeiten, nach dem Ende verbindlicher Doktrinen, Milieus und Loyalitäten, in der säkularisierten Verhandlungs- und Konkordanzdemokratie gewiss nicht leichter geworden. Daher: Die nächste Führungskrise wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.

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