Gelöbnis vor dem Reichstag Wie Merkel die Bundeswehr entdeckt

Einst fremdelte Angela Merkel selbst mit der Bundeswehr. Nun versucht die Kanzlerin, den Deutschen die Bedeutung ihrer Truppe nahezubringen. Ihr Auftritt beim Feierlichen Gelöbnis von Rekruten vor dem Reichstag ist eine symbolische Geste - Afghanistan ist an diesem Abend weit weg.

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Berlin - Als die Zeremonie ihren Höhepunkt erreicht, sind die Rufe doch wieder zu hören. "Mörder, Mörder", weht es leise von jenseits des Tiergartens herüber. Der ein oder andere Uniformierte am Rande des Platzes der Republik dreht sich kurz kopfschüttelnd um. Zu sehen ist aber nichts, weiträumig hat die Polizei das Regierungsviertel abgesperrt, und es sind auch nur 150 oder 200 Demonstranten, die das Gelöbnis an diesem Montagabend in Berlin stören wollen, zwei Dutzend versuchen auch trotz Verbots, näher an das Reichstagsgebäude heranzukommen.

Merkel, Jung beim Bundeswehrgelöbnis: "Vorbildlich und tapfer"
ddp

Merkel, Jung beim Bundeswehrgelöbnis: "Vorbildlich und tapfer"

Vor dem Parlamentssitz haben rund 400 junge Soldaten der 3. und 7. Kompanie des Wachbataillons beim Bundesverteidigungsministerium Aufstellung genommen, eine Abordnung mit der Truppenfahne ist in die Mitte des Platzes vorgetreten. Ob sie die Parolen der Demonstranten wahrnehmen, ist ungewiss. Wenn ja, dann brüllen die Rekruten sie im nächsten Moment nieder: "Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen."

Zum zweiten Mal in der über 50-jährigen Geschichte der Bundeswehr findet das Gelöbnis direkt vor dem Sitz des Deutschen Bundestages statt - traditionell am Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Die Widerstandskämpfer um den früheren Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg hätten den Grundstein gelegt für eine Bundeswehr, die für Frieden, Recht und Freiheit steht, sagt Angela Merkel. Sie hätten damit Deutschland "Würde und Ehre" bewahrt.

Die Bundeskanzlerin hält an diesem Montagabend die Gelöbnisansprache. Es ist eine Geste, ein weiterer Schritt in ihren Bemühungen, die Bundeswehr und die Gesellschaft einander ein wenig näher zu bringen. Die Kanzlerin weiß nur zu gut, dass viele Deutsche mit ihrer Truppe bisweilen auf Kriegsfuß stehen.

Dabei geht es nicht um die paar wenigen, die in Gelöbnissen überkommene militärische Rituale sehen und ihrer Abneigung mit "Mörder"-Rufen Luft machen. Es geht etwa um jene zwei Drittel der Bevölkerung, die laut Umfragen längst kein Verständnis mehr dafür haben, dass Deutschlands Freiheit und Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird. Und es geht um die konservative Klientel, denen die Bundeswehr eben nicht egal ist - es ist schließlich Wahlkampf.

Merkel hat einst selbst mit der Truppe gefremdelt. Nach Afghanistan flog sie als Kanzlerin 2007 erst, als ihre Kritiker diesen Trip schon als längst "überfällig" bezeichneten. Was militärisch war, mied Merkel möglichst, überließ es ihrem zuständigen Minister. Inzwischen jedoch hat sich die Haltung der Kanzlerin geändert.

Zum zweiten Mal besuchte sie in diesem Jahr die Soldaten in Afghanistan, sie verteidigt diesen Einsatz offensiv, lobt das Ehrenmal, das der Verteidigungsminister für im Einsatz gefallene Soldaten bauen lässt. Vor zwei Wochen ehrte Merkel vier Soldaten mit den neuen Tapferkeitsorden. Es war eine Feier in bescheidenem Rahmen, mit klassischer Musik im Kanzleramt - ganz ohne militärischen Pomp.

Mit dem geht Merkel an diesem Abend auf Tuchfühlung. Als sie die stramm stehenden Reihen der Rekruten abläuft, kann man in ihrem Gesicht erkennen, dass ihr das alles noch immer nicht ganz geheuer ist. Ein wenig unsicher schielt sie auf die Pflastersteine am Boden, um ja nicht ins Stolpern zu geraten. Ihre Begleiter, Verteidigungsminister Franz Josef Jung und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn, halten das Kinn standhaft oben, wenden den Blick nicht von den jungen Soldaten ab.

Sicher, vor einem Jahr war die Kanzlerin auch schon hier. Doch damals schien es, als müsse sie - wie im Übrigen auch viele andere der Berliner Polit-Prominenz - dazu gedrängt werden. Erst als Kritik laut wurde, dass zahlreiche Regierungs- und Parlamentsvertreter dem Gelöbnis fernbleiben wollten, sagte sie zu. Die Hauptrede hielt seinerzeit SPD-Altkanzler Helmut Schmidt, eine bewegende, sehr persönliche Rede, in der er beschrieb, was er einst als junger Wehrmachtssoldat während der Nazi-Zeit empfand. Schmidt war es auch, der 2008 anregte, die Zeremonie vor dem Parlament dauerhaft zu etablieren.

Persönliche Worte der Kanzlerin

Auch Merkel bemüht in ihrer Ansprache ihre Biografie. Sie erinnert daran, dass sie in jenem Alter, in dem nun die Rekruten vor ihr stehen, unter "Einengung und Bedrücktheit" im Unrechtsstaat DDR gelitten habe. "Ich habe mich zutiefst nach Freiheit gesehnt." Jeder, der nun Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten genieße, solle diejenigen schätzen, die die Freiheit schützen, sagt Merkel.

Es ist einmal mehr ein Appell an die Gesellschaft und ein Bekenntnis zur Wehrpflicht. Die Wehrpflicht sei eine "wichtige Klammer zwischen Gesellschaft und Streitkräften", so die Kanzlerin, und inzwischen gar ein "Markenzeichen unserer Streitkräfte, um die wir auch international beneidet werden". Der Dienst in der Bundeswehr zeige, dass "Freiheit nicht zum Nulltarif, ohne verantwortungsvolles Engagement aller Bürger" zu haben sei.

Merkel wirbt auch für die Auslandeinsätze der Bundeswehr. Die deutschen Soldaten würden ihren Dienst an vielen Orten der Welt leisten - "vorbildlich und auf tapfere Weise", sagt Merkel, "wenn es sein muss auch weit entfernt von Deutschland".

Lebensgefahr wird ausgeblendet

In ihrer Aufzählung der derzeitigen Einsatzorte im Ausland nennt sie auch Afghanistan, näher geht sie jedoch nicht darauf ein. Dabei ist es die größte und gefährlichste Mission, wie sich auch an diesem Montag wieder zeigt. Da wird bekannt, dass die Bundeswehr im Raum Kunduz einheimische Streitkräfte gerade bei einer Offensive gegen die Taliban unterstützt. "Marder"-Panzer kommen zum Einsatz, Soldaten liefern sich Feuergefechte mit islamistischen Kämpfern, das Bundeswehrlager geriet unter Raketenbeschuss.

Im Zuge der jetzigen Kampfhandlungen hatte es schon am Sonntag einen tragischen Zwischenfall an einem deutschen Checkpoint gegeben: Bundeswehrsoldaten erschossen einen Jugendlichen. Er soll in einem Fahrzeug gesessen haben, der sich der Stellung trotz Warnschüssen mit hoher Geschwindigkeit näherte. "Nach derzeit vorliegenden Informationen mussten die Soldaten von einem Angriff ausgehen", rechtfertigt das Verteidigungsministerium die Schüsse.

Die tödliche Gefahr für das eigene Leben junger Soldaten und das afghanischer Zivilisten blendet Merkel an diesem Abend aus, spricht lieber abstrakt von Einsätzen unter "schwierigen Bedingungen und hohen Risiken". Die Symbolik des Gelöbnisses ist ihr an diesem Tag wichtiger als die ganz konkreten Erfahrungen, die die Bundeswehr heute aushalten muss. Doch mit Symbolik allein wird die Kanzlerin die Distanz der Truppe zum Volk auf Dauer nicht verringern können.



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