Deutsch-Türken in Gelsenkirchen "Vielleicht muss eine leichte Diktatur herrschen"

Was halten Deutsch-Türken von Erdogan? Er hat die Wirtschaft angekurbelt, sagen die einen - und er sorgt für Ordnung. Er ist gefährlich, sagen die anderen. Ein Ortsbesuch in Gelsenkirchen.

Am Hauptbahnhof in Gelsenkirchen
Jann Hoefer

Am Hauptbahnhof in Gelsenkirchen

Von und Jann Höfer (Fotos)


Die Fenster sind mit Brettern vernagelt, die Räume verwaist. Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan haben die Scheiben des Jugendklubs im Gelsenkirchener Stadtteil Hassel zertrümmert. Der Grund: Die Einrichtung steht der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen nahe, den Erdogan für den Putschversuch am 15. Juli verantwortlich macht.

Drei Wochen sind die Ausschreitungen her, ein Gewaltausbruch, der von den Spannungen zeugte, die sich seit dem gescheiterten Aufstand durch die gesamte deutsch-türkische Gemeinde in Deutschland ziehen. Während die einen sich zu Erdogan und seiner Politik bekennen, sorgen sich die anderen um die Zukunft der Türkei unter der autoritären AKP-Regierung.

Dass sich diese Spannungen gerade in Gelsenkirchen entladen haben, ist wenig überraschend. Die Stadt im Herzen des Ruhrgebiets gehört zu den Orten mit dem höchsten Anteil türkischstämmiger Bevölkerung in Deutschland. Mehr als 20.000 Menschen mit türkischen Wurzeln leben in der Stadt, die fast 260.000 Einwohner zählt.

Nahe dem Hauptbahnhof auf der Bochumer Straße und um den Neustadtplatz reiht sich ein türkisches Geschäft an das nächste, Cafés, Imbisse, Shops. Hier wird rege diskutiert: über Erdogan, über deutsche und türkische Politik - und über die Medien.

Ertan
Jann Hoefer

Ertan

Ertan, 36, betreibt mit seiner Frau ein Café direkt am Hauptbahnhof. In der Debatte um Erdogan bemüht er sich um Neutralität. "Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe meine Stimme auch der AKP gegeben, obwohl ich nicht unbedingt Anhänger von Erdogan bin. Aber ich kann mich noch gut an die alten Zeiten in der Türkei erinnern. Es gab regelmäßig Preiserhöhungen: Strom, Brot, alles war teuer.

Seit Erdogan regiert, hat sich viel geändert. Mehr Menschen in meiner Verwandtschaft arbeiten, die Preise sind stabiler. Der Lebensstandard hat sich verbessert. Für mich spielt es also keine Rolle, ob an der Spitze Erdogan, Ali oder Mehmet steht, wichtig ist, dass es den Leuten im Land gut geht.

Das Problem der Türkei ist: Es geht nicht anders als mit harten Maßnahmen. So viele Meinungen, Kulturen. Das mag jetzt etwas zu hart klingen, aber vielleicht muss in der Türkei eine leichte Diktatur herrschen, damit Dinge funktionieren. Natürlich muss das mit der Demokratie verbunden sein. Aber mit anderen Ländern in Europa kann man das nicht vergleichen.

Letztlich ist Erdogan unser Präsident. Es gibt genug Länder, in denen täglich Hunderte Menschen ermordet werden. Ob ich nun für oder gegen Erdogan bin: Die Tatsache, dass er in den deutschen Medien jeden Tag an oberster Stelle steht, greift mich auch persönlich an. Es fühlt sich an, als versuche man, unser Land schlecht zu machen."

Sevcan
Jann Hoefer

Sevcan

Sevcan, 32, unterstützt ihre Mutter in einer kleinen Änderungsschneiderei ein paar Meter von Ertans Café entfernt. Auch sie befürwortet eine härtere Gangart in der Türkei: "Ich finde es schade, dass das deutsche Volk so extrem auf die Türkei reagiert. Als Beispiel: Auch in den USA gibt es die Todesstrafe, trotzdem fliegen alle dorthin, fast niemand sagt etwas. Kaum wird es in der Türkei Thema, schreien alle auf. Aber man muss Menschen nun mal mit Konsequenzen drohen.

Hierzulande hat niemand mehr Angst vor dem Gesetz, die Menschen trauen sich ein bisschen zu viel, gerade hier in Nordrhein-Westfalen. Wenn man auf der Straße dumm angemacht wird und droht, die Polizei zu rufen, sagen sie nur: 'Mach doch. Was sollen die denn machen?' Ich komme aus Duisburg-Marxloh. Hier in Gelsenkirchen ist es teils schlimmer als dort. Ich kenne viele, die nur noch mit Pfefferspray rumlaufen.

Viele Türken in Deutschland beschweren sich über Flüchtlinge. Das liegt daran, dass sich die Türken damals angepasst haben, als sie hierherkamen. Jetzt sehen sie Menschen, die sich nicht integrieren wollen, die nicht arbeiten, und das macht sie sauer.

Demokratie und Meinungsfreiheit: Klingt gut, hat eine Zeit lang gut funktioniert, aber jetzt muss man auch mal wieder ein bisschen härter werden, zumindest bis es wieder besser läuft."

Sevgi
Jann Hoefer

Sevgi

Sevcans Mutter Sevgi, 56, ist genervt von den Diskussionen und Konflikten: "Ich bin seit 45 Jahren in Deutschland. Damals wurde ich auf der Straße mit Respekt und Freundlichkeit behandelt. Menschen waren ordentlich, die Städte waren sauber. Wenn ich das heute sehe, hat sich das komplett geändert, deshalb gehen auch viele unserer Landsleute aus Deutschland wieder in die Türkei zurück.

In den Medien wird so viel gesagt und diskutiert, was in Deutschland oder der Türkei falsch läuft und warum. Doch wie Menschen politisch denken oder an was sie glauben, ist doch eigentlich egal.

Ob in meinen Laden Nazis reinkommen oder andere, solange sie sich vernünftig benehmen, sind sie einfach Kunden. Und Religion hat damit auch nichts zu tun, Christen, Muslime, das spielt keine Rolle. Wenn Menschen einfach ehrlich und freundlich miteinander umgehen würden, hätten wir viele dieser Probleme heute nicht. Vernünftige Menschen kommen miteinander zurecht."

Ali
Jann Hoefer

Ali

Ali, 58, Verkäufer in einem Bekleidungsgeschäft, spricht sich deutlich für den türkischen Präsidenten aus: "Ich habe Erdogan gewählt. Vor ihm war unsere Wirtschaft am Boden, und es gab zahlreiche Konflikte im Land, zwischen Kurden, Türken, Aleviten, Sunniten, Muslimen, Christen. Heute muss niemand mehr Angst haben, jeder kann seine Meinung sagen und sich bekennen.

Ich bin zum Beispiel Türke, meine Frau ist Kurdin, und wir können beide stolz sein und dazu stehen. Ich bin seit 43 Jahren in Deutschland, meine Kinder sind hier geboren, meine Enkelkinder sind schon groß, ich zahle meine Steuern. Mein Herz gehört beiden Ländern.

Aber Deutschland sollte sich mehr aus der türkischen Politik raushalten. Deutschland und die Türkei haben eine lange freundschaftliche Geschichte. Es macht mich traurig, dass plötzlich so viele Menschen meinen, die Türkei angreifen zu müssen. Natürlich nehmen Menschen es persönlich, wenn man den Mann angreift, den sie gewählt haben."

Kurdischer Geschäftsmann
Jann Hoefer

Kurdischer Geschäftsmann

Ein kurdischer Geschäftsmann, der ein paar Häuser weiter arbeitet, sieht von der Meinungsfreiheit, die Ali beschwört, nicht viel. Er möchte sich weder mit Foto noch mit Namen zu erkennen geben, aus Sorge vor möglichen Folgen. Daher müsse sein Terminordner als Motiv reichen: "Ich bin kurdischer Alevit und obendrein links eingestellt. Rechtsradikale Türken und Fundamentalisten haben damit ein Problem. Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland. Wo ich lebe, dahin gehöre ich, da integriere ich mich.

Viele Türken leben hier, sind aber immer noch türkische Nationalisten und schimpfen auf Deutschland, und das in der dritten oder vierten Generation, dafür habe ich kein Verständnis. Wenn sie die Türkei als ihr Land sehen, sollen sie sich dort dafür einsetzen. Ich wünsche mir für die Türkei Frieden, Freiheit für alle Glaubensrichtungen und Nationalitäten, Pressefreiheit und Menschenrechte.

Klar, Erdogan wurde gewählt. Aber Hitler wurde auch demokratisch gewählt. Natürlich können Menschen Erdogan-Anhänger sein, aber man sollte trennen können, wo Politik stinkt und wo nicht."

Recep
Jann Hoefer

Recep

Recep, 52, Leiter eines Reisebüros, hat keine Angst davor, sich offen kritisch zu äußern: "Ich bin deutscher Staatsbürger mit türkischer Abstammung. Nach dem großen Putsch 1980 bin ich nach Deutschland gekommen. Seit Atatürk hat sich die Türkei Richtung Westen orientiert, nun wollen uns sowohl Erdogan als auch Gülen wieder zurück in den Sumpf ziehen. Beide wollen herrschen, beide sind gefährlich, beide machen gute Propaganda.

In Deutschland schmeißen die Leute uns Türken nun alle in einen Topf, aber es gibt auch demokratische Türken, die andere Ansichten haben. Wir sind nicht alle gleich. Erdogan baut seine Alleinherrschaft auf, und Deutschland sollte als demokratisches Land nicht so viele Kompromisse eingehen. Wem es hier nicht gefällt, der kann ja gehen.

Islamische Konservative und Demokratie passen nicht zusammen. Die Türkei stand einst mit einem Bein in der Demokratie, nun ist auch das Bein weg. Die Türkei ist nicht mehr zu retten."

Sevban
Jann Hoefer

Sevban

Ein 19-jähriger Schüler, der seinen echten Namen nicht nennen und lieber Sevban genannt werden möchte, will mit der türkischen Politik nichts zu tun haben: "Ich hab von dem Putschversuch ein bisschen mitbekommen, aber ich kenne mich da gar nicht aus. Ich bin weder für noch gegen Erdogan. Mit Freunden reden wir da nicht wirklich drüber.

In der Türkei bin ich nur ab und zu mal in den Ferien, die meisten Verwandten und Bekannten wohnen hier. Ich fühle mich schon als Türke, warum, kann ich gar nicht genau sagen. Vielleicht, weil ich türkisch spreche und türkisch aussehe.

Ausgegrenzt fühle ich mich hier nicht. Nur ab und an mal, wenn ich im Internet Hasskommentare lese, aber nicht im echten Leben. Die Politik in der Türkei und die Diskussionen hier betreffen mich einfach nicht."

Mehmet
Jann Hoefer

Mehmet

Auch Sevbans Freund, 19, will unerkannt bleiben, er lässt sich Mehmet nennen. Was in der Türkei passiert, sieht er kritischer als sein Kumpel: "In der Nacht des Putschversuchs ist mein Vater nervös geworden. Er hat alles andere ignoriert und erst einmal den Fernseher eingeschaltet.

Mich selbst hat das, was da passiert ist, nicht berührt. Nicht weil mir die Türkei egal ist, aber so einen Versuch kann man doch nicht ernst nehmen. Wie soll denn nach so einem Putsch regiert werden?

Ich bin auch nicht für Erdogan, aber wenn ihm die Macht entrissen wird, dann sollte das auf legale Weise passieren. Er hat zwar diktatorische Züge, aber ihn durch einen Putsch stoppen zu wollen, das ist Doppelmoral."

SPIEGEL TV über die Spannungen zwischen Deutsch-Türken in Gelsenkirchen:

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SK3112 10.08.2016
1. Bemerkenswert.
Ob für oder gegen RTE, in den Kommentaren, die sich nicht aus Angst oder Desinteresse bedeckt halten, klingt überraschend stark der Wunsch nach law-and-order durch, und zwar sowohl in der Türkei, als auch bei uns. Eine schallende Ohrfeige für alle diejenigen, die unsere Polizei kaputtsparen und der Justiz immer laxere Rechtsprechung abfordern. Nur schwierig, die Quelle dieser Fehlentwicklung zu verorten. Musste man den Blick früher nur in Richtung Rot-Grün blicken, übt sich in der Ära Merkel auch die CDU darin, unseren Rechtstaat zu schleifen.
Lische 10.08.2016
2. Lieber Ertan
Ich respektiere Ihre Meinung und Ihre Ansichten und finde es gut, dass Sie diese auch in beachtlicher Klarheit äußern. Ich möchte aber aus meiner Irritation kein Geheimnis machen. So wie Sie sprechen, ist die Türkei wohl der Ort, an dem es den Menschen zusehens besser geht und dem Sie sich sehr verbunden fühlen. Sie sprechen von "meinem Land" und davon, dass Sie sich durch die Menge und die Inhalte der Berichterstattung in den deutschen Medien persönlich angegriffen fühlen und dass Erdogan "unser Präsident" ist. Vermutlich fragen Sie sich dann auch, ob Deutschland wirklich der richtige Lebensmittelpunkt für Sie ist. Oder? Ich würde das wohl tun an Ihrer Stelle und ich verstehe nicht, was Sie in Deutschland festhält. Damit Sie mich nicht falsch verstehen - ich will keineswegs, dass Sie Deutschland verlassen. Ich finde die Meinungsvielfalt gut und sicher tragen Sie mit Ihrem Cafe zur Vielfalt in Deutschland bei. Ich freue mich daher über Sie als Mitbürger - verstehen tue ich allerdings nicht, warum Sie wirklich hier leben wollen. Und noch eine Anmerkung: ich glaube nicht, dass es so etwas wie eine "leichte Diktatur" gibt. Diktatoren sind nicht "leichtgewichtig". Sie wollen die ganze Macht und die ganze Kontrolle - nicht nur ein wenig. Damit möchte ich nicht Herrn Erdogan als Diktator bezeichnen, wohl aber Ihren Wunsch nach "leichter Diktatur" als absurd einstufen.
rostigen 10.08.2016
3. Liebe türkische MitbürgerInnen
Sehr geehrte TürkenInnen, Sie haben das Gefühl, dass viele Deutschen Ihr Land schlecht machen? Viele von Ihnen sprechen von der Türkei als "unser" Land, dass zeigt mir, dass Sie nicht in Deutschland angekommen sind. Sie beschweren sich, dass die Städte schmutziger geworden sind, auch das kein Respekt vor dem Gesetz herrscht. Ihnen ist sicherlich bewusst, wer am wenigsten Respekt vor dem Gesetz hat. Ich kann verstehen wie man sich in einem fremden Land fühlt, ich habe das 1990 im Oktober auch erfahren. Nun ich hatte es leichter, ich bin Deutscher, Atheist habe eine gute Bildung und wirtschaftlich geht es mir sehr gut. Vielleicht ist es besser, da Sie von "Ihren" Land sprechen auch dort zu leben. Da wo Sie sich scheinbar wohler fühlen. Ich könnte nicht mehr zurück in mein Land, es wurde am 3. Oktober abgeschafft.
Atheist_Crusader 10.08.2016
4.
"Letztlich ist Erdogan unser Präsident. Es gibt genug Länder, in denen täglich Hunderte Menschen ermordet werden. Ob ich nun für oder gegen Erdogan bin: Die Tatsache, dass er in den deutschen Medien jeden Tag an oberster Stelle steht, greift mich auch persönlich an. Es fühlt sich an, als versuche man, unser Land schlecht zu machen." Ähem... wenn ein Land einen Diktator wählt, duldet und mit immer mehr Macht versorgt, obwohl der tausende Leute entlässt oder wegsperrt und nebenbei einen Krieg gegen die Minderheiten im Land führt, dann wirft das eben ein schlechtes Licht auf das Land und Volk. Die Deutschen können davon ein Lied singen. Und da wo die Integration geklappt hat, verstehen die Leute das auch.
joG 10.08.2016
5. Die Theorie des guten...
....Diktators ist in der Antike bereits thematisiert worden. Neuere politische Wissenschaften können zumindest theoretisch sogar bestimmen, unter welchen Bedingungen eine reine Demokratie nicht mehr funktionieren kann und andere Regierungsformen eher einem Wohlfahrtsoptimum entsprächen. Diese Dinge werden allerdings meist nicht diskutiert hier. Das ist schade, weil man erst dann beginnt das Problem zu verstehen.
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