Gemeinsame Erklärung Deutsche Muslime distanzieren sich von islamistischem Terror

"Nicht in unserem Namen!" - unter diesem Titel haben sich die muslimischen Organisationen in Deutschland deutlich von islamistischem Terror distanziert. Politiker aus Union und SPD forderten die Verbände auf aktiver gegen eine Radikalisierung in den eigenen Reihen vorzugehen.


Köln - In einer von 16 Organisationen, darunter dem Zentralrat der Muslime in Deutschland, dem Islamrat, der dem türkischen Staat nahe stehenden DITIB sowie der vom Verfassungsschutz beobachteten Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs unterzeichneten Erklärung heißt es, die versuchten Bombenanschläge auf zwei Regionalzüge hätten unter den Muslimen "Entsetzen und Abscheu" ausgelöst.

Die Verbände verwahrten sich nachdrücklich dagegen, "dass diese Handlungen mit dem Islam gerechtfertigt werden sollten". Die mutmaßlichen Täter fänden im Islam keine Rechtfertigung für solche Taten. "Der Terror ist eine Bedrohung und ein Verbrechen gegen die gesamte Menschheit".

Die deutschen Muslime sähen sich von den Ereignissen doppelt betroffen, heißt es in der Erklärung mit der Überschrift: "Nicht in unserem Namen!". Einerseits seien Muslime als Teil der Gesellschaft ebenso potenzielles Ziel von Anschlägen wie andere Mitbürger auch, "andererseits müssen wir verstärkt darunter leiden, von vielen als 'Mitschuldige' bezeichnet zu werden".

Die Organisationen mahnten zu einer sachlichen Auseinandersetzung in der öffentlichen Diskussion, damit sich der Eindruck eines Generalverdachts nicht verfestigte. Die Verbände appellierten zugleich an Politik und Gesellschaft, Kräften eine Absage zu erteilen, die angesichts der Bedrohungslage Freiheitsrechte beschneiden wollten. Alle gesellschaftlichen Kräfte unter Einschluss der Muslime müssten Konzepte entwickeln, um die Ursachen des Terrorismus an ihrer Wurzel zu bekämpfen. "Vorhandenes Unrecht kann eine Erklärung, jedoch niemals eine Rechtfertigung für solche menschenverachtenden Taten sein", betonten sie.

Sprecher der Organisationen beklagten allerdings auch, dass es immer noch keine vernünftigen Integrationskonzepte gebe. Den Muslimen in Deutschland fehle Anerkennung. Sie wünschten sich die Aussage, dass sie Teil der Gesellschaft seien.

"Bekämpfung von Fanatismus nicht nur Sache des Staates"

Unterdessen mahnte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, die in Deutschland lebenden Muslime, aktiv gegen eine Radikalisierung in den eigenen Reihen vorzugehen. Laut "Bild"-Zeitung sagte die CDU-Politikerin: "Auch für die Muslime ist es eine Bürgerpflicht, Terror und Extremismus mit allen Mitteln zu bekämpfen." Die muslimischen Verbände seien gefordert, "gefährdete junge Muslime nicht fundamentalistischen Verführern zu überlassen".

Ähnlich hatte sich zuvor der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz geäußert. "Die Muslime sollten deutlich artikulieren, dass sie mit Terrorismus und Extremismus nichts zu tun haben", forderte er.

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach, rief die Muslime in Deutschland zu erhöhter Kooperation bei der Abwehr terroristischer Gefahren auf. "Wir brauchen die Zusammenarbeit auch mit muslimischen Gruppen und Vereinen" sagte er der "Leipziger Volkszeitung". Die Muslime dürften "nicht die Haltung einnehmen, es sei allein Sache des Staates, religiösen gewaltbereiten Fanatismus zu bekämpfen, oder wegschauen, wenn in ihrer Umgebung Hass gepredigt und zu Gewalt aufgerufen wird".

phw/AP



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