Gemeinsamer NRW-Wahlkampf Rot und Grün flüchten in Retro-Phantasie

Rot-Grün hat laut Umfragen kaum Chancen bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - aber SPD und Grüne machen plötzlich gemeinsam Wahlkampf. Die Show soll davon ablenken, dass beide zum Regieren wohl ganz andere Partner brauchen.
Schröder und Fischer (2002 vor dem Brandenburger Tor): Rot-Grünes Jubelfest

Schröder und Fischer (2002 vor dem Brandenburger Tor): Rot-Grünes Jubelfest

Foto: Tim_Brakemeier/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Berlin - Der Pariser Platz war gut gefüllt, die Stimmung vor dem Brandenburger Tor bestens. 20.000 Menschen jubelten dem SPD-Kanzler und seinem grünen Außenminister an jenem Septembernachmittag zu. Gerhard Schröder und Joschka Fischer warben nur eine Woche vor der Bundestagswahl 2002 für eine Neuauflage von Rot-Grün, dann rockte Wolfgang Niedecken mit seiner Band BAP.

Sigmar Gabriel

Cem Özdemir

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen

Acht Jahre später ist von rot-grüner Euphorie nichts mehr zu spüren - und trotzdem werben die Parteichefs und jetzt wieder für Rot-Grün. Am 19. April, drei Wochen vor der so wichtigen , wollen sie mit ihren NRW-Spitzenkandidaten gemeinsam vor die Kameras treten. Allerdings ohne Musik, ohne öffentliches Publikum. Auf einer Pressekonferenz in Berlin wollen sie ein schlichtes "Aufbruchsignal" gegen Schwarz-Gelb in Düsseldorf und die gleichfarbige Bundesregierung in Berlin setzen. Nach dem Motto: Vielleicht passiert ja ein Wunder, und zur einzigen rot-grünen Koalition im kleinsten Bundesland - Bremen - kommt eine zweite im größten. Gabriel gibt das jedenfalls als Ziel aus. "Wir kämpfen gemeinsam dafür, dass Hannelore Kraft Ministerpräsidentin einer rot-grünen Koalition wird", sagte er der "Rheinischen Post".

Die Hoffnung des SPD-Chefs entbehrt derzeit jeder Grundlage. In keiner aktuellen Umfrage hätte Rot-Grün eine Mehrheit. Generell gäbe es wohl nur dann eine kleine Chance, wenn die Linke an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde - und danach sieht es gerade nicht aus. Warum dann die neue Zweisamkeit?

Gemeinsames Ausweichmanöver

Der Flirt zwischen Sozialdemokraten und Ökobürgerlichen ist ein Zeichen der Verdrängung, ja der Angst. In Erinnerung zu schwelgen ist für beide Parteien ein Ausweg, sich nicht mit wahrscheinlicheren, aber womöglich unheilvollen Optionen auseinandersetzen zu müssen.

Die SPD umgeht so Spekulationen über eine Große Koalition. Und, wichtiger noch: Sie kann vielleicht zum letzten Mal so tun, als sei die Linke gar nicht da. Rot-Rot-Grün - was war das noch mal?

Gleiches gilt für die Grünen. Auch sie können sich mit rot-grünen Phantasien ihrer linken Milieus rückversichern, ohne eine Festlegung zu treffen, wie sie sich nach der Landtagswahl positionieren werden. Um die Dienstwagen nicht wieder nur von hinten zu sehen, gäbe es schließlich Schwarz-Grün - aber darüber schweigt man am besten.

So soll nun das alte Lagerdenken eine kleine Renaissance erleben, und natürlich wird auch die Wiederannäherung zweier einstiger Partner beschworen, die sich über die Jahre entfremdet haben. Aufbruch durch Nostalgie: SPD und Grüne starten eine Art Wohlfühl-Wahlkampf. Die Generalsekretärinnen Andrea Nahles und Steffi Lemke veröffentlichten kürzlich einen Gastbeitrag in der "Frankfurter Rundschau". Und der grüne Ex-Umweltminister Jürgen Trittin und Nahles kündigten einen gemeinsamen Protest gegen die Atompläne der Bundesregierung an.

Vorsichtige Distanz

Von einem "rot-grünen Projekt", wie es früher gerne hieß, will allerdings niemand sprechen. Gerade die Grünen sind sehr bemüht, zu viel Nähe zur anderen Seite von vornherein auszuschließen. "Die Zeiten eines rot-grünen Projekts sind seit 2005 vorbei", sagt Özdemir SPIEGEL ONLINE. "Wir kämpfen jeder auf eigene Rechnung."

Zu tief hat die Grünen das jähe Regierungsende im Herbst 2005 getroffen. Während sich die SPD damals in die Große Koalition rettete, saß ihr Ex-Partner plötzlich in der Opposition. Joschka Fischer stieg komplett aus der Politik aus, die Partei musste sich personell und inhaltlich neu aufstellen. Das dauerte Jahre.

2009 feierten die Grünen dann zwar ihr bestes Bundestagsergebnis der Geschichte - aber die SPD schrumpfte unter CDU-Kanzlerin Angela Merkel zur Mini-Volkspartei. Außer einzelnen Annäherungsversuchen in den Ländern ist in den vergangenen Jahren nicht viel passiert. In Hessen schien in den letzten Tagen vor der Landtagswahl Anfang 2008 ein Bündnis nahe, die Spitzenkandidaten Andrea Ypsilanti und Tarek al-Wazir traten zusammen in Frankfurt am Main auf und schalteten Kombi-Anzeigen. Vor der Landtagswahl im Saarland im August 2009 schienen SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas und Grünen-Vormann Hubert Ulrich eng miteinander über Bande zu spielen. Dachten jedenfalls SPD-Spitzenleute in Saarbrücken. Dass sich Ulrich und seine Grünen nach der Wahl für ein Bündnis mit CDU und FDP entschieden, war für die Sozialdemokraten eine bittere Erfahrung.

Wiederholung in NRW nicht ausgeschlossen.

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