Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Unsere deutschen Kreationisten

Viel ist von der menschlichen Hybris die Rede, die den Planeten zerstöre, wenn man ihr nicht Einhalt gebiete. Aber dass die Natur dem Menschen Grenzen setzen könnte, ist uns in Wahrheit sehr unangenehm. Ein gutes Beispiel dafür ist die Gender-Debatte.
"Hart aber fair"-Sendung zu Gender-Debatte

"Hart aber fair"-Sendung zu Gender-Debatte

Foto: WDR/ Oliver Ziebe

Wie alt ist die Erde? Zwischen 4,5 und 4,6 Milliarden Jahre schätzt die Geologie, aber das ist, wie einem jeder Kreationist darlegen kann, das Ergebnis blinder Wissenschaftsgläubigkeit. Wer die Heilige Schrift kennt, weiß, dass die Erde vor 6000 Jahren entstanden ist. Im Ussher-Lightfoot-Kalender, der das Erdalter anhand biblischer Stammbäume berechnet, fällt der Schöpfungstag auf den 23. Oktober 4004 vor Christus.

In Deutschland hat der Kreationismus nie wirklich Fuß fassen können. Aber das heißt nicht, dass uns der Okkultismus fremd wäre, er findet bei uns nur andere Ausdrucksformen. Auch bei uns genießen die Naturwissenschaften einen eher zweifelhaften Ruf, wie jede Diskussion zur Vererbungslehre, der Intelligenzforschung oder der derzeit an den Universitäten modischen Gender-Theorie zeigt. Wer an der Überzeugung festhält, dass die Natur den Menschen sehr viel stärker im Griff hat, als es die Kulturwissenschaften für wünschenswert halten, gilt schnell als "Biologist".

Nicht seriös genug zu sein, war der Vorwurf, der die ARD so mitnahm, dass sie ihre "hart aber fair"-Sendung zur Gender-Debatte aus den Archivbeständen entfernte. Als Beweis für die Unseriosität galt neben ein paar flapsigen Bemerkungen des Moderators der Umstand, dass es die Redaktion versäumt hatte, "Fachfrauen bzw. Fachmänner aus Wissenschaft und Verwaltung" zum Thema einzuladen, wie die nordrhein-westfälische Gleichstellungsbeauftragte monierte. Der Fehler wurde nun korrigiert. Als Fachfrau respektive Fachmann aus Wissenschaft und Verwaltung saß in der Wiederholung am Montag Sybille Mattfeldt-Kloth, die stellvertretende Vorsitzende des Landesfrauenrats Niedersachsens.

Selbstredend war niemand auf die Idee gekommen, einen Evolutionsbiologen einzuladen, der über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern hätte aufklären können. Oder einen Genomforscher, der über die Macht der Gene Bescheid weiß. Dass der als Mitdiskutant geladene grüne Fraktionschef Anton Hofreiter in einem anderen Leben Biologie studiert hat, darf man in diesem Zusammenhang getrost vergessen. Seine Ausbildung merkt man Hofreiter nur noch an, wenn er über den Schachtelhalm doziert. Wer bei den Grünen Karriere machen will, sollte schleunigst vergessen, was nicht zwischen zwei Blätter aus dem anthroposophischen Seelenkalender passt.

Die Naturwissenschaft hält Enttäuschungen bereit

Das Misstrauen gegen alle, die lieber der Empirie als ideologischen Vorgaben vertrauen, hat Tradition. Die Naturwissenschaft hält ja seit Langem ziemlich fundamentale Enttäuschungen bereit: Die Sonne kreist nicht um die Erde, der Mensch ist mit dem Affen verwandt, und unsere Gene bestimmen unser Leben mehr, als sich die Vertreter der Gender-Forschung das träumen lassen. Nicht einmal die Homöopathie hält nach wissenschaftlicher Erkenntnis, was sie verspricht. Über die weißen Kügelchen, deren Wirkung sich angeblich mit der Verdünnung verstärkt, kann der Mediziner nur den Kopf schütteln.

Viel ist von der menschlichen Hybris die Rede, die den Planeten zerstöre, wenn man ihr nicht Einhalt gebiete. Aber die Vorstellung, dass die Natur dem Menschen Grenzen setzt, die er nur schwer überwinden kann, ist uns in Wahrheit sehr unangenehm. Die Schicksalhaftigkeit von Herkunft und Klasse gebrochen zu haben, gilt als große Emanzipationsleistung - dass die Biologie unsere Freiheit wieder beschränken soll, ist ein Gedanke, der so reaktionär anmutet, dass er eigentlich verboten gehört.

Wenn es um das genetische Erbe von Männern und Frauen geht, ist die Wissenschaft ziemlich eindeutig. Schon im Mutterleib unterscheiden sich die Geschlechter, wie man bei dem Evolutionsbiologen Axel Meyer nachlesen kann, der gerade ein sehr lesenswertes Buch zum Thema veröffentlicht hat ("Adams Apfel und Evas Erbe"). Männliche Föten sind deutlich anspruchsvoller als weibliche. Weil sie mehr Nahrung fordern (und auch erhalten) wiegen Jungen bei der Geburt etwa 3 bis 5 Prozent mehr als Mädchen.

Neugeborene Jungen blicken weitaus häufiger auf ein Mobile oder andere bewegliche Objekte über ihrer Wiege, während Mädchen stärker auf Gesichter reagieren. Jungen sind aggressiver und neigen eher zu Spielen, bei denen es um Körperstärke und Teamzusammenhalt geht. Wem es ein Trost ist: Unter Autisten finden sich mehr Männer als Frauen.

Allerdings sind Frauen häufiger schizophren als Männer und neigen öfter zu Depressionen. "Als Resümee der meisten Studien kann man festhalten", schreibt Meyer, "dass sich Geschlechterunterschiede eher biologisch als kulturell erklären lassen." Wenn ein Merkmal bei den Geschlechtern unterschiedlich ausgeprägt sei, egal in welcher kulturellen Umgebung, spreche vieles für eine von der Evolution hervorgebrachte Differenz.

Wissenschaftler wie Meyer lassen keinen Zweifel, wie wenig sie von dem Satz halten, man werde nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht. "Viele Aspekte der Genderstudies erscheinen geradezu absurd, irrational und antiwissenschaftlich", schreibt der mehrfach ausgezeichnete Genomforscher, der in Berkeley und Stanford gelehrt hat, bevor er einen Lehrstuhl für Zoologie in Konstanz annahm. Sein Vorschlag, den Austausch über die Fachgrenzen hinaus zu fördern, ist denkbar einfach und deshalb natürlich illusorisch: "Es wäre zu begrüßen, wenn für Kulturwissenschaftler im Grundstudium einige Semester Naturwissenschaften obligatorisch wären, auch für die Studenten der zahlreichen 'Gender-Lehrstühle'."

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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