Generationengespräch "Das ist ganz erstaunlich"

Sie ist weiblich, aus dem Westen und mit 17 Jahren die jüngste Delegierte auf dem CDU-Parteitag. Er kommt aus dem Osten und ist Bundesvorsitzender der CDA. Julia Linse aus Rheinland Pfalz und Rainer Eppelmann aus Brandenburg diskutierten mit SPIEGEL ONLINE in Essen über die neue CDU.


SPIEGEL ONLINE:

Angela Merkel sagte in ihrer Rede, die CDU sei wegen der Wiedervereinigung der Sieger der Geschichte. Frau Linse, als die Deutsche Einheit vollendet wurde, waren Sie sieben Jahre alt. Sie, Herr Eppelmann, haben die Wende mitgestaltet. Was verbindet Sie?

Linse: Ich habe die Einheit nicht bewusst erlebt, was ich heute sehr schade finde. Mir fehlt das Gefühl dafür, was es heißt in einem geteilten Land zu leben. Für mich sind das Erzählungen aus einer fernen Zeit, wie eine Geschichtsstunde.

Eppelmann: Es freut mich, dass Angela Merkel heute der Verlockung widerstanden hat, in ihrer Rede nur die Medien zu bedienen, nachdem sich die Öffentlichkeit sich darauf fokussiert hatte, ihr Inhaltslosigkeit vorzuwerfen. Sie hat eine sehr gute, grundsätzliche und auch konkrete Rede gehalten. Sie hat es geschafft, Aufbruchstimmung und Sachpolitik zu vermitteln. Das war ihr bisher beste Rede, in der wir uns alle wiederfinden, Ost und West, jung und alt.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von Ihrer neuen Vorsitzenden?

Linse: Ich hoffe, dass sie uns in die politische Auseinandersetzung zurückführt und wir wieder Akzeptanz und Vertrauen finden. Sie ist für mich das Symbol für den Neuanfang.

Eppelmann: Ich erwarte weniger von Angela Merkel und mehr von uns. Das war ja der große Fehler, dass die Bundes-CDU zu lange zu viel von Helmut Kohl erwartet hatte. Ich bin froh darüber, dass Angela Merkel noch nicht so lange in der CDU ist, dass sie nicht wie Kohl ein dickes Telefonbuch hat mit lauter Nummern vermeintlich wichtiger Menschen hat. Wenn sie ein vergleichbares Gewicht bekommen möchte, wird sie in einer ganz anderen Weise als Kohl auf Teamarbeit und Loyalität setzen. Das wird auch den Geist in der Union positiv verändern.

SPIEGEL ONLINE: Sie, Frau Linse, als Neuling in der Politik und Sie, Herr Eppelmann, als Politik-Profi: Hatten Sie in den vergangenen Monaten daran gezweifelt, in der richtigen Partei zu sein?

Linse: Nicht richtig. Ich habe einiges aushalten müssen. In der Schule wurde gespottet, Freunde schütteln den Kopf darüber, dass man in der Skandalpartei ist. Aber für mich waren immer die Werte im Mittelpunkt, für die die CDU steht.

Eppelmann: Für mich stand nicht die CDU in Frage. Diese Partei hat über 600.000 Mitglieder. Für das, was passiert ist, sind vielleicht rund ein Dutzend Menschen verantwortlich. Das wollte ich nie gleichsetzen. Aber ich hatte mir eine Zeit lang Sorgen gemacht, dass die CDU so stark beschädigt, wird, dass es in Deutschland zu italienischen Verhältnissen kommt. Ich hatte richtig Angst, dass die CDU nie wieder zu alter Kraft und Bedeutung zurückfinden würde. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Krise hat die Partei zusammengeschweißt.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie Helmut Kohl auf dem Parteitag?

Linse: Es ist schade, dass er nicht hier ist. Er ist ein Symbol. Aber ich kann gut verstehen, dass er in dieser Situation nicht kommen wollte. Er hätte zu viel Häme ertragen müssen.

Eppelmann: Es war sicher schwer für ihn. Aber ich bin ihm fast dankbar dafür. Wäre Helmut Kohl hier, die ganze Aufmerksamkeit der Medien hätte sich fast ausschließlich auf ihn konzentriert. Seine Anwesenheit hätte von unserem Neuanfang abgelenkt.

SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel ist mit über 95 Prozent zur Vorsitzenden gewählt worden. Ist die neue Union auch reif für eine Kanzlerkandidatin Merkel?

Linse: Ich traue ihr alles zu.

Eppelmann: Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Wenn das heute entschieden werden müsste, hätte sie die überragende Mehrheit der Partei hinter sich. Aber es ist gut, dass wir für diese Frage noch viel Zeit haben. Dann werden wir auch schlauer sein, was das neue Mannschaftsspiel in der CDU angeht. Für heute gilt festzuhalten: Die westlich geprägte und von Männer dominierte CDU hat eine Frau aus dem Osten zur Vorsitzenden gewählt. Das ist doch ganz erstaunlich

Das Gespräch moderierte Markus Deggerich



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