Genscher contra Möllemann "Es reicht, Jürgen!"

Der Ehrenvorsitzende redete Tacheles. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher soll FDP-Vize Jürgen Möllemann am Telefon zusammengestaucht haben. Mit seinen Ausfällen gegen Israel und den Zentralrat der Juden mache Möllemann 50 Jahre liberale Aussöhnungspolitik zunichte.


Möllemanns Ziehvater: Genscher
DPA

Möllemanns Ziehvater: Genscher

Berlin - Genscher habe Möllemann in mehreren Telefonaten scharf gerügt und zurecht gewiesen, behauptet die "Bild"-Zeitung. Der frühere Außenminister habe Möllemann regelrecht zusammengestaucht und ihn mit den Worten angebrüllt: "Es reicht, Jürgen!" Genscher, der als Ziehvater Möllemanns gilt, habe wörtlich oder sinngemäß gesagt, Möllemann lasse es "an Weitsicht fehlen". Die FDP habe nicht 50 Jahre lang für die Aussöhnung mit Israel gekämpft, "damit Du jetzt mit unbedachten Äußerungen alles zunichte machst", soll Genscher den stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden ermahnt haben. Das Blatt beruft sich auf einen Vertrauten Genschers.

Ein Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion bestätigte unterdessen, dass Parteichef Guido Westerwelle nach einem Vermittler in dem Streit mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland sucht. Er dementierte aber einen Bericht der Zeitung "Die Welt", wonach der Vorsitzende des World Jewish Congress, Israel Singer, eingeschaltet werden solle. "Eine Vermittlungstätigkeit Singers ist weder erbeten noch vereinbart worden."

In der SPD wird inzwischen erwogen, eine Koalition im Bund mit der FDP auszuschließen. Dies könnte auf dem SPD-Wahlparteitag an diesem Sonntag in Berlin geschehen. Bisher ist ein solcher Beschluss nur für die PDS vorgesehen. Die Wahlprogramme von SPD und FDP seien unvereinbar, sagte Generalsekretär Franz Müntefering. Auch wegen der Antisemitismus-Debatte werde eine Zusammenarbeit immer unwahrscheinlicher. In einer Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der "Zeit" antworteten 29 Prozent der Befragten, dass ihre Bereitschaft zur Wahl der FDP nach den Äußerungen Möllemanns gesunken sei. Auch nach einer Umfrage des Bielefelder TNS-Emnid-Instituts im Auftrag der "Wirtschaftswoche" rechnen 27 Prozent der Bundesbürger damit, dass die FDP durch Möllemanns Kritik an Israel und Michel Friedman vom Vorstand des Zentralrats der Juden Wählerstimmen verliert. 19 Prozent gingen hingegen davon aus, dass die FDP dadurch Stimmen gewinnt.



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