Gentechnik Streit über angeblichen Stammzellenimport

Die Vereinbarung über den Import embryonaler Stammzellen aus Singapur nach Deutschland ist offenbar doch noch nicht zustande gekommen. Einem Zeitungsbericht zufolge hatte ein Kieler Uni-Professor die Zellen bei einer australischen Biotech-Firma vereinbart.


Wissenschaftler fordern mehr Freiheit in der Fortpflanzungsmedizin
DPA

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Hamburg - Er habe bei der australischen Biotechnologie-Firma ES Cell International lediglich angefragt, zu welchen Konditionen die Lieferung der Stammzellen möglich sei, sagte Professor Stefan Rose-John vom Zentrum für Biochemie der Kieler Universität heute.

Einen Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wonach es bereits einen Vertrag über die Lieferung gibt, bezeichnete Rose-John als falsch. SPD-Politiker warnten den Wissenschaftler vor einer Realisierung seines Vorhabens, bevor die Frage des Imports von Stammzellen politisch geklärt sei.

Er habe bislang noch keine Antwort von ES Cell International erhalten, betonte Rose-John. Vor dem Abschluss eines Vertrages über die Lieferung der Zellen müsse ohnehin zunächst die Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät der Kieler Universität eine Stellungnahme zu dem Vorhaben abgeben. Er wolle die Zellen zur Gewinnung von Ersatzgewebe für schwer kranke Menschen nutzen, sagte der Biochemie-Experte. Über die Kosten des Imports der Zellen und deren Herkunft hat Rose-John nach eigenen Angaben bislang keine Informationen. Nach dem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" stammen die Zellen aus Singapur. Dort seien sie aus Embryonen gewonnen worden, die bei künstlichen Befruchtungen übrig geblieben seien.

Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) reagierte verhalten auf die Rose-Johns Planungen. Im Berliner "DeutschlandRadio" sagte die Ministerin, der Import von embryonalen Stammzellen sei gesetzlich nicht verboten. Der Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion in der Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin", Wolfgang Wodarg, forderte dagegen die Ethik-Kommission der Kieler Universität auf, den Forschungsantrag von Professor Rose-John solange zurückzuweisen, bis die Fragen des Imports von Embryo-Zellen im Bundestag geklärt seien.

Die Ethik-Kommission der Universität könne "für Fragen, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen, keine Stellvertreterfunktion einnehmen", betonte Wodarg. Der Bundestag soll nach bisheriger Planung erst nach der Wahl 2002 über gentechnische Fragen entscheiden.

Die Kieler Forschungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) warnte Rose-John ebenfalls vor einer Realisierung seines Forschungsvorhabens, ohne eine Entscheidung des Parlaments abzuwarten. "Ich erwarte, dass auch schleswig-holsteinische Forscher keine Vorfestlegungen treffen und Forschung mit importierten embryonalen Stammzellen betreiben, die dem politisch-gesellschaftlichen Willenbildungsprozess vorgreifen", erklärte Erdsiek-Rave.

Die Forschung an embryonalen Stammzellen ist quer durch alle Parteien umstritten, weil dafür Embryos in der Größe weniger Zellen getötet werden müssen. Die Union will noch vor der Sommerpause im Bundestag mit einem Appell ein Moratorium gegen Import und Forschung an den Zellen bis zur Bundestagswahl durchsetzen. SPD und Grüne haben sich noch nicht auf eine gemeinsame Haltung zu der Frage geeinigt. Bonner Wissenschaftler hatten zuvor bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Fördergelder für den Import von embryonalen Stammzellen aus Israel beantragt. Die Entscheidung über den Antrag soll nach dem Willen der DFG-Spitze erst im Dezember getroffen werden.



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