Mutmaßliche Terrorzelle in NRW Gescheiterte Gotteskrieger

Sie sollen Attentate auf Pro-NRW-Kader und einen Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof geplant haben: Die islamistische Zelle um den Konvertiten Marco G. wird sich demnächst vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen zeigen, wie aus jungen Männern hassende Fanatiker wurden.

SPIEGEL ONLINE

Von und , Düsseldorf


Es war am letzten Tag des Jahres 2010, als der Konvertit Marco René G. erstmals seinen Fanatismus erkennen ließ. In einer E-Mail an einen Gesinnungsgenossen empörte er sich über das Silvesterfest der ahnungslosen Ungläubigen, die nicht wüssten, was ihnen widerfahren werde. "Sie werden so leiden", drohte der Salafist, "sie werden bluten." Nach Auffassung der Ermittler wollte G. seinen markigen Worten später auch furchtbare Taten folgen lassen.

Die Bundesanwaltschaft hat inzwischen Anklage gegen den 26-Jährigen erhoben - unter anderem wegen versuchten Mordes und des Versuchs, eine Sprengstoffexplosion herbeizuführen. Demnach stellte G. am 10. Dezember 2012 gegen 13 Uhr eine zündfähige Bombe am Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs ab, die jedoch aus Zufall nicht detonierte. Zudem soll der Arbeitslose zusammen mit seinen Komplizen Enea B., 43, Koray D., 25, und Tayfun S., 24, geplant haben, führende Kader der rechtsextremen Splitterpartei Pro NRW zu erschießen. Die Polizei vereitelte dieses Vorhaben. Die Anwälte der Angeschuldigten ließen eine aktuelle Bitte um Stellungnahme bislang unbeantwortet.

Den Hass entdeckt

Eine Frage, die der 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf in dem voraussichtlich im Frühsommer beginnenden Verfahren wird beantworten müssen, lautet: Wie konnte es dazu kommen? Wie wurden drei offenbar wenig gläubige Christen und ein gemäßigter Muslim zu islamistischen Gotteskriegern, die in Nordrhein-Westfalen ein Blutbad anrichten wollten? Vertrauliche Ermittlungsunterlagen geben darauf erste Antworten. Sie zeichnen das Bild von Männern, die erst den Halt im Leben verloren und dann den Hass für sich entdeckten.

Da ist zum Beispiel Marco G., der den Staatsschützern als Rädelsführer der Zelle gilt. Vaterlos aufgewachsen in Oldenburg gerät der Hauptschüler schon früh mit dem Gesetz in Konflikt. Er überfällt mehrfach einen Supermarkt, konsumiert Drogen, muss mit 19 Jahren zum ersten Mal ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung aus der Haft konvertiert G. zum Islam. Zugleich beginnt er eine Ausbildung zum Tiefbaufacharbeiter, die er jedoch abbricht. Seit Juli 2011 lebt G., der drei Kinder mit zwei Frauen hat, von Sozialleistungen.

So ungeordnet sein Leben ist, so rigoros wird seine Auslegung der Religion. Marco G. sammelt Veröffentlichungen einschlägiger Hetzer wie Mohamed Mahmoud und Videobotschaften des Bonner Dschihadisten Yassin Chouka. Letzterer ruft im Frühjahr 2012 dazu auf, Politiker von Pro NRW umzubringen, weil sie mit dem Zeigen von Mohammed-Karikaturen im Wahlkampf den Propheten beleidigt hätten. Wohl weil er in seiner Moschee in Oldenburg keine Komplizen für den Dschihad finden kann, zieht G. Anfang 2011 nach Bonn-Tannenbusch. Hier trifft er schließlich auf Koray D.

Merkwürdiger Einzelgänger

Der im nordrhein-westfälischen Wülfrath aufgewachsene Deutsch-Türke ist unter seinen mutmaßlichen Mitverschwörern der einzige, der echte Perspektiven im Leben hatte. Seine Mitschüler am Gymnasium erinnern sich an den Sohn einer Lehrerin und eines Altenpflegers als begabten, aber etwas merkwürdigen Einzelgänger. Die 9. Klasse überspringt D., sein Abitur besteht er schließlich mit einem Notenschnitt von 2,6.

Anschließend geht Koray D. zur Bundeswehr nach Koblenz, ins Stabsquartier des Heeresführungskommandos. Danach lässt er sich bei der Stadt Duisburg zum Verwaltungsfachwirt ausbilden, später arbeitet er vorübergehend als Berufsberater bei der örtlichen Arge. In seiner Freizeit trainiert er in einem Essener Schützenverein und beantragt schließlich eine eigene Pistole, Kaliber neun Millimeter.

Zugleich bewirbt er sich in Bremen um die Aufnahme in den Polizeidienst, unter Hunderten Bewerbern wird er ausgewählt, doch im letzten Moment widerruft die Behörde ihre Einstellungszusage. Den Beamten ist doch noch aufgefallen, dass die Düsseldorfer Kollegen bereits seit längerem gegen D. ermitteln - wegen des Verdachts einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Paketfahrer und Leiharbeiter

Denn D. hat in einer einschlägig bekannten Essener Moschee bereits Kontakte geschlossen, die seine radikal-islamische Überzeugung womöglich noch vertieft haben. Tayfun S. etwa, der Berufskolleg und Zivildienst geschmissen hat, huldigt dem Salafisten Denis Cuspert und dem Terroristen Osama Bin Laden. Seit Februar 2013 lebt S. von Sozialleistungen, zuvor hat er als Paketfahrer und Leiharbeiter gejobbt.

S. wiederum kennt den mutmaßlichen Mitverschwörer, der Sicherheitskreisen als besonders interessante Figur gilt: Enea B. stammt aus dem Kosovo und wurde dort als Waffenexperte in der Anti-Terror-Einheit Renea ausgebildet. 1992 kommt er nach Deutschland, sein Asylantrag wird abgelehnt. Er reist aus, er reist ein, mal mit falschen Papieren, mal als Ehemann einer aufenthaltsberechtigten Rumänin, die aber gar nicht in Deutschland lebt. Als er endgültig abgeschoben werden soll, taucht Enea B. unter.

B. hat mal ein Jahr als Detektiv gejobbt, dann einige Monate als Türsteher. Doch offenbar kann er es mit seinem Glauben nicht vereinbaren, Orte zu bewachen, an denen Alkohol getrunken wird und sich leicht bekleidete Frauen zeigen. Generalbundesanwalt Harald Range schreibt der Islamist aus der Untersuchungshaft: "Ihr seid meine Feinde und ich bin euer Feind bis zum Tod."

Wie stark radikalisiert die Bonner Zelle gewesen zu sein scheint, zeigt auch ein Beispiel aus dem Umfeld des mutmaßlichen Anführers Marco G. Als ihn sein drei Jahre alter Sohn in der Untersuchungshaft besucht, tönt der Kleine, auch er wolle kämpfen und nicht spielen. Die Beamten des Bundeskriminalamts, die die Begegnung überwachen, notieren anschließend, G. haben seinen Sprössling dafür ausdrücklich gelobt.

insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thor1708 24.03.2014
1.
In meinen Augen liegt hier eine Gesellschaftsunfähigkeit vor. Der suchte nur nach einem für ihn legitimen Grund andere zu hassen, weil der wahrscheinlich nicht in der Lage war ein normales Leben zu führen. Und ohne Vater, weiss man trotzdem was richtig und falsch ist. Der Sohn ist bestimmt auch so ein Nichtsnutz wie sein Vater...zumindest scheint wohl die gleiche Einstellung zu bestehen.
blackwatcher 24.03.2014
2. Die Beobachtung..
..solcher ausser Rand und Band geratener Figuren muss weiterhin mit sämtl. Mitteln weitergeführt werden. Ärgerlich ist, dass z.B. wie eben in Mannheim, Exponenten einer der gewaltbereiten Fraktionen der sich rasch ausbreitenden Religion "des Friedens" weiterhin eine Plattform und (zu) viel mediale Präsenz geboten wird. Wir müssen das sich ins Negativ entwickelnde Problem unter Kontrolle bringen. Sonst wird es dereinst zu spät sein, bzw. Verantwortliche wollen dann "Nichts" geahnt oder gewusst haben. Und bitte nicht wieder der Kuscheljustiz das Feld überlassen.
Öhrny 24.03.2014
3. Nun...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie sollen Attentate auf Pro-NRW-Kader und einen Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof geplant haben: Die islamistische Zelle um den Konvertiten Marco G. wird sich demnächst vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen zeigen, wie aus jungen Männern hassende Fanatiker wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/geplante-anschlaege-in-nrw-das-sind-die-angeklagten-a-960398.html
...da gibt es einen rothaarigen Barträger, ein deutscher Konvertit zum Islam, welcher auf offener Bühne gegen seine christlichen Landsleute, im Namen einer fremden Religion, hetzt. Würde er sowas im umgekehrten Sinne in einem muslimischen Land machen, er würde gelyncht.
silberwolf 24.03.2014
4. .
Das ist die Folge der Kombination aus völlig schiefgelaufener "Integration" + zu unterschiedliche Mentalitäten + den oft schlechten Chancen für Migranten.
freiheitimherzen 24.03.2014
5. na ja
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie sollen Attentate auf Pro-NRW-Kader und einen Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof geplant haben: Die islamistische Zelle um den Konvertiten Marco G. wird sich demnächst vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen zeigen, wie aus jungen Männern hassende Fanatiker wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/geplante-anschlaege-in-nrw-das-sind-die-angeklagten-a-960398.html
Was die Ermittlungen anscheinend nicht zeigen, ist die Tatsache, daß der Fanatismus durch den Islam gedeckt ist, angefangen bei seinem zentralen Dokument, dem Koran. Wenn offizielle Vertreter sich gegen terroristische Anschläge aussprechen, dann i.a. weil das "für den Islam in Deutschland schädlich ist". Im Umkehrschluß heißt das konsqeuenterweise: Wäre es nicht schädlich, bräuchte man die Anschläge nicht ablehnen. Der Spiegel unterschlägt außerdem, daß neben dem "verlorenen Halt im Leben" auch ein Umfeld existiert, daß sich bewußt einer Integration verschließt. Das zeigt u.a. eine Umfrage des Bundesinnenministriums. Dieses Umfeld begünstigt eine Radikalisierung. Viele Grüße
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.