Geplante Terroranschläge Psychokrieg gegen Deutschland
Berlin - Wie wahrscheinlich ist ein Terroranschlag an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Land? Eine solche Einschätzung ist ein schwieriges Geschäft. Verschiedene Arten von Informationsschnipseln - von Gerüchten über mitgeschnittene, aber missverständliche Gespräche bis zu bestätigten Fakten - müssen gewichtet werden. Außerdem gilt es, die Propaganda von Terroristen einzubeziehen: Wie ernst sind deren Drohungen zu nehmen? Und wie steht es um ihre tatsächlichen Kapazitäten?
Deshalb warnen Sicherheitsbehörden lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Das birgt einerseits die Gefahr, dass die Öffentlichkeit abstumpft. Andererseits: Den Anschlägen von Madrid 2004, London 2005 und Mumbai 2008 waren jeweils Warnungen vorausgegangen, trotzdem konnten sie nicht vereitelt werden. Spiegelbildlich verhält es sich mit den Terrordrohungen von al-Qaida und Co.: Viele westliche Staaten sind bedroht worden, nur in wenigen kam es zu Anschlägen. Aber überall dort, wo Bomben explodierten, hatte al-Qaida zuvor auch genau das angekündigt.
In Deutschland gilt nun seit Mittwochmittag eine neue Gefahrenbewertung. Laut Innenminister de Maizière gibt es konkrete Hinweise auf geplante Anschläge. Diese Einschätzung kam zustande, weil sich das Verhältnis von abstrakten zu konkreten Informationsschnipseln verschoben hat. Die USA haben den Deutschen mitgeteilt, dass ihren Erkenntnissen zufolge vier mutmaßliche Terroristen nach Deutschland unterwegs sind und für Ende November Anschläge planen. Das ist die erste konkrete Spur überhaupt.
Maßnahmenkatalog wie im Herbst 2009
In den vergangenen Monaten hatte es bereits eine deutliche Verdichtung abstrakter Hinweise gegeben:
- Zwei verhaftete Terrorverdächtige aus Deutschland berichteten übereinstimmend von Anschlagsplanungen al-Qaidas in mehreren Staaten Europas, darunter Deutschland.
- Die USA hatten Hinweise weitergeleitet, denen zufolge ein circa dutzendköpfiges Terrorkommando auf dem Weg nach Europa sei, um Anschläge im Stil der Attacken von Mumbai 2008 durchzuführen.
- Die antiwestliche Propaganda von al-Qaida und Co. hatte sichtbar zugenommen.
- Mehrere deutsche Dschihadisten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet sprachen über eine Rückreise nach Deutschland.
In der Summe befand Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nun, dass die Erkenntnislage eine Neubewertung rechtfertigt. Sie fiel deutlich aus: Die Bevölkerung wird um aktive Mithilfe gebeten, die Polizei wird öffentliche Einrichtungen wie Flughäfen und Bahnhöfe verstärkt schützen. Ähnlich reagierte die Bundesregierung im Herbst 2009, als al-Qaida und andere Terrorgruppen mit Anschlägen in Deutschland im Umfeld der Bundestagswahl drohten - mit dem Unterschied, dass damals keine konkrete Spur vorlag und die Gefahr abstrakt blieb.
Geduld: Die Kerntugend eines "Gotteskriegers"
hatte damals einen Anschlag innerhalb von zwei Wochen nach der Wahl angekündigt, falls Angela Merkel wiedergewählt würde. Doch nichts geschah. Hat al-Qaida damals ihre Glaubwürdigkeit verloren? Die meisten Terroranalysten innerhalb und außerhalb von Regierungsbehörden glauben nicht, dass das der Fall ist.
Denn dschihadistische Terroristen wie ihre Sympathisanten und potentiellen Mithelfer sind geduldig. Es besteht kein Zweifel daran, dass sie alle einen Terroranschlag in Deutschland in drei oder vier Jahren immer noch als Erfüllung des 2009 gegebenen Versprechens auslegen würden. "Sabr" - dieser arabische Begriff, der so viel wie "Geduld" oder "Ausdauer" bedeutet, wird in jedem Standardwerk zur Ausbildung dschihadistischer Terroristen als Kerntugend der Gotteskrieger herausgestellt. Insbesondere al-Qaidas Strategen scheren sich wenig um westliche Uhren oder Kalender.
Sehr wohl aber um Deutschland.
Deutschland, sagt Noman Benotman, einst selbst Dschihadist im Umfeld al-Qaidas und heute Analyst bei der Londoner Quilliam Foundation, gilt für al-Qaida und Co. mittlerweile als das "schwächste Glied in der Kette" der ISAF-Nationen, die in Afghanistan militärisch engagiert sind. Die Terroristen glauben, dass ein verheerender Anschlag in einer deutschen Stadt als Rache für den Bundeswehreinsatz am Hindukusch die öffentliche Meinung gegen eine Mandatsverlängerung wenden würde.
Außerdem, so Benotman, sei Osama Bin Laden "besessen" von dem Gedanken, wirtschaftlichen Schaden anzurichten - als wirtschaftsstärkste EU-Nation sei Deutschland dadurch ebenfalls besonders bedroht. Und schließlich, so der Analyst, halten die Extremisten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Deutschland für ein verhältnismäßig leicht zu treffendes Land.
Konkrete Ziele sind nicht bekannt
Es ist wahrscheinlich, dass die Terrorgruppen, die in Europa und Deutschland zuschlagen möchten, mehrgleisig vorgehen - und dass die vier mutmaßlichen Terrorplaner, vor denen die USA nun gewarnt haben, nicht das Einzige sind, das hierher unterwegs ist. Mehrere Szenarien kursieren, alle sind plausibel, keines als konkreter Plan belegt:
- Terroristen könnten versuchen, ein Kaufhaus oder einen Bahnhof oder ein Hotel anzugreifen, ähnlich wie in Mumbai.
- Geiselnahmen sind vorstellbar.
- In Geheimdienst-Szenarien wird auch spekuliert, ob Weihnachtsmärkte ein Ziel sein könnten.
- Am konkretesten ist noch die Aussage der verhafteten deutschen Dschihadisten, dass al-Qaidas Rekruteur Junis al-Mauretani von Schlägen gegen Wirtschafts- und Finanzzentren gesprochen habe.
die pakistanische Terrorgruppe Lashkar-i-Toiba
Ähnlich wenig gesichertes Wissen gibt es mit Blick auf die möglicherweise involvierten Gruppen. Neben al-Qaida könnten dies die pakistanischen Taliban, die Islamische Bewegung Usbekistan, oder der zwischen den Gruppen changierende Top-Terrorist Ilyas Kashmiri und seine Gefolgsleute sein; sie alle haben Interesse an Operationen im Westen unter Beweis gestellt. Ihre realen Kapazitäten für Anschläge im Westen sind unterdessen aus der Ferne kaum einzuschätzen. Experten halten es zwar für sicher, dass diese Gruppen Anschläge im Westen durchführen wollen, aber für ungewiss, ob sie solche durch ausreichendes Training, notwendige Konspiration und genügend Ressourcen auch umsetzen können.
In jedem Fall ist aber jetzt schon davon auszugehen, dass Innenminister de Maizière am 1. Dezember seine Lageeinschätzung nicht entschärfen wird. Sie gilt, ebenso wie die von ihm am Mittwoch verkündeten Sicherheitsvorkehrungen, bis auf Weiteres.
Für die Terroristen ist schon das freilich ein Erfolg: Terror ist nicht nur die Bombe, sondern auch die Angst davor. Auch psychologische Zermürbung ist ein Konzept, das in al-Qaidas Strategiepapieren auftaucht. Militärischer Erfolg, schlussfolgerte schon vor Jahren der dschihadistische Vordenker Abu Musab al-Suri, sei letztlich gleichbedeutend mit "dem Maß an Furcht, das dem Feind eingeflößt wird".