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28. Juni 2012, 15:03 Uhr

Ex-Landeschef der Piraten

"Ich würde uns nicht mehr wählen"

Der frühere Landeschef der Berliner Piraten, Gerhard Anger, übt scharfe Kritik an seiner Partei: Die Piraten hätten ihre Ideale verraten, von der Arbeit der Berliner Fraktion sei er enttäuscht, das Versprechen auf Transparenz habe man gebrochen. Er selbst stehe kurz vor dem Parteiaustritt.

Berlin - Der frühere Landesvorsitzende der Berliner Piratenpartei, Gerhard Anger, hat seinem Frust freien Lauf gelassen. Die Piraten hätten ihre Versprechen an Transparenz nicht erfüllt - von der Arbeit der Fraktion sei er so enttäuscht, dass er nicht empfehlen könne, die Partei erneut zu wählen. Das sagte Anger in einem Podcast der Hauptstadtpiraten.

Der 36-Jährige, der bis Februar Landeschef in Berlin war, sagte, er sei "insbesondere angesichts der Leistung der Fraktion, die wir ins Abgeordnetenhaus gebracht haben, so ernüchtert, getroffen und immens enttäuscht", dass er es im Nachhinein nicht rechtfertigen könne, den Wahlkampf der Piraten organisiert zu haben. Im Rückblick auf das Dreivierteljahr nach dem Wahlsieg im September würde er auf die Frage, ob man die Piraten wählen solle, antworten: "Nö, lassen sie's lieber bleiben."

Der Berliner "Tagesspiegel" hatte zuerst über den Podcast berichtet. Demnach sagte Anger darin, er denke gar über einen Austritt nach. Er habe bereits die Parteiaustrittserklärung ausgefüllt, diese aber noch nicht abgeschickt.

Anger selbst ruderte am Donnerstagmittag auf Twitter zurück: "Der Podcast wurde vor 16 Tagen aufgenommen. Es hat sich seither einiges getan. Ich glaube, die Lage ist nicht hoffnungslos", schrieb er unter seinem Account @tollwutbezirk.

Im Kurznachrichtendienst äußerten viele Piraten am Donnerstag Sympathie für Anger. Der Berliner Pirat Jan Hemme etwa schrieb, er hoffe inständig, dass Anger "nicht die Partei verlässt, sondern ganz im Gegenteil wieder eine stärkere Rolle spielt".

Im Podcast sprach Anger mit dem Fraktionschef der Berliner Piraten, Andreas Baum. Baum gab zu, dass die Fraktion noch mit vielen Problemen kämpfe, vor allem mit der IT. So habe man es nicht geschafft, mit einer Kalender-Software die Termine der Abgeordneten transparent zu machen. Man habe dafür zu wenige personelle Ressourcen eingeplant, sagte Baum.

Anger hatte im Februar 2012 den Landesvorsitz abgegeben - und die Partei darüber aber erst am Tag der Abstimmung informiert. Er sagte damals, er ertrage die emotionale Belastung nicht länger. Angers Nachfolger, Hartmut Semken, trat dann im Mai zurück, nach umstrittenen Äußerungen über Extremismus und einer Lüge gegenüber Parteifreunden.

fab

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