Gratulationen zum 75. Geburtstag Gerhard Schröders "Sie können auch Otto zu mir sagen"

Gerhard Schröder wird 75 Jahre alt. Für den SPIEGEL erinnern sich Weggefährten, Freunde und Kritiker an schöne, schräge und besondere Erlebnisse mit dem früheren Bundeskanzler.

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Nikolaus Brender, ehemaliger Chefredakteur ZDF: "Herzlichen Glückwunsch, Otto!"

Nikolaus Brender
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Nikolaus Brender

Sehr geehrter Jubilar! Ihnen verdankt das Fernsehen eine legendäre Sendung: Die Elefantenrunde am Wahlabend 2005 in ARD und ZDF. Sie spielten die Rolle des machtversessenen Caudillos. Die heutige Kanzlerin musste die Benommene nicht spielen. Sie war es.

Drei Jahre nach dieser merkwürdigen Elefantenrunde sind wir uns in der Großen Halle des bürgerlichen Volkes in Peking, dem Foyer des Kempinski-Hotels, zum ersten Mal wieder begegnet. In aller Herrgottsfrühe und wir beide mutterseelenallein. "Guten Morgen, Herr Altkanzler", strahlte ich Ihnen nicht ohne Ironie entgegen. Und Sie stapften im Schröder'schen Stechschritt grußlos an mir vorbei. Später erfuhr ich, dass Sie den Titel "Altkanzler" grauenvoll fanden. Aber wie redet man einen Ex-Kanzler nun an?

Am Abend der Bundestagswahl 2005 hatte ich Ihnen in der TV-Runde angekündigt, Sie fortan nur noch mit "Herr Schröder" anzusprechen. Ihre blitzschnelle Reaktion: "Sie können auch Otto zu mir sagen."

Also: Herzlichen Glückwunsch, Otto! Ihr Altchefredakteur Nikolaus Brender.

Grünen-Politikerin Renate Künast, unter Schröder Verbraucherschutz- und Landwirtschaftsministerin: "Über manche Dinge konnte er sich fast kindlich freuen"

Künast und Schröder im Oktober 2005 in Berlin
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Künast und Schröder im Oktober 2005 in Berlin

Klare Absprachen und klare Ansagen waren bei Gerhard Schröder Methode. So sehr er selbst versuchte, mit Nachdruck seine Ansichten durchzusetzen, akzeptierte er aber auch die Interessen anderer - zumindest wenn diese sie zuvor klar formuliert hatten. Über manche Dinge konnte er sich fast kindlich freuen.

Als ich in der BSE-Krise Landwirtschaftsministerin wurde, warnte er mich vor den manchmal recht groben Aktionen des Bauernverbands. Und klar, die fanden nicht alles toll, was ich machte. Einmal rief er mich sonntagmittags von seinem Italiener aus an und verkündete mir mit fast diebischer Freude, ich würde immer bekannter, stünde in der nächsten Umfrage weit vorne. "Das ist doch eine tolle Antwort an den Bauernverband. Doris sagt das auch", rief er durch den Hörer. Damit hat er mir damals den Sonntag gerettet!

Grünen-Politiker Jürgen Trittin, Umweltminister unter Schröder: "Wir zahlten seinen Kaffee"

Trittin und Schröder bei der Unterzeichnung des rot-grünen Koalitionsvertrags im Oktober 1998
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Trittin und Schröder bei der Unterzeichnung des rot-grünen Koalitionsvertrags im Oktober 1998

Um das politische Leben Gerhard Schröders ranken sich viele Anekdoten, viele davon sind erzählt, andere noch nicht. Legendär sind seine regelmäßigen mittäglichen Treffen in der Hannoveraner Markthalle mit den Landtagsgrünen. Am Kaffeestand von Lina stand man beisammen, und die grünen Abgeordneten halfen dem stets bargeldlosen SPD-Fraktionsvorsitzenden Gerhard Schröder aus und zahlten seinen Kaffee. Oder die legendären Tankstopps des Ministerpräsidenten Gerhard Schröder. Da schickte er seinen Vizesprecher aus dem Auto, der ihm eine Currywurst holen musste. Zuhause gab es die für ihn damals nicht.

Darüber wird immer vergessen, dass dieser Gerhard Schröder ein in der Wolle gewaschener Sozialdemokrat war. Sein Respekt vor seiner Mutter, die ihn allein aufzog, war für ihn immer wieder Anker der Rückbesinnung, aus welchen Verhältnissen er her kam. Und warum er sich von "denen" nichts sagen lassen musste. Was er erreicht hat, hat eben er erreicht. Er war auch im Leben der "Acker", wie sie ihn auf dem Fußballfeld nannten. So spielte er in Hannover Tennis - und vielleicht lernt er heute so Golf.

Klaus Meine, "Scorpions"-Sänger: "Im Flieger vom Blitz getroffen"

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Gerd Schröder war und ist immer lebenshungrig geblieben, ein charismatischer Macher, einer, der sein Ziel niemals aus den Augen verliert. Er hat am Zaun gerüttelt und wurde reingelassen. Hat ihn das verändert? Kein bisschen, er blieb sich immer treu.

Er ist immer noch der gradlinige Kerl, der er immer war. Mit seinem Spruch "Ich brauche Gegner, keine Opfer", hat er seine Mitspieler auf dem Tennis Court so manches Mal herausgefordert, um dann mit seinem Serve-and-Volley-Spiel die entscheidenden Punkte zu machen.

1992 sind wir zusammen von der Expo in Sevilla zurückgeflogen, als ein Blitz im Flieger einschlug, wir haben alle gedacht, "das war's..." War es aber nicht und deshalb:

Happy Birthday, lieber Gerd, zu diesem ganz besonderen Geburtstag, alle guten Wünsche, vor allem Gesundheit, viel Glück und Freude für alles, was vor Dir liegt.

Franz Müntefering, Verkehrs- und Bauminister unter Schröder: "Ich war gern dabei"

Müntefering applaudiert Schröder bei einer Wahlkampfkundgebung im August 2005
REUTERS

Müntefering applaudiert Schröder bei einer Wahlkampfkundgebung im August 2005

Lieber Gerd!

Herzlichen Glückwunsch zur Vollendung des 75. Lebensjahres. Das vierte Viertel beginnt. Danach dann die Nachspielzeit. Du holst gut auf, aber meine vier Jahre Vorsprung sind mir sicher. Ich war und bin eine andere Generation, was sich schon damals an Pullovern, Anzügen, Zigarren und Wein zeigte.

Aber die Gemeinsamkeiten waren größer. Das Schröder-Blair-Papier habe ich nicht gelesen. Ich nehme an, Du auch nicht wirklich, geschrieben schon gar nicht. Gerechtigkeit war Dir wichtig - auf gutem Niveau. Prosperität, die allen nutzt. Lebenschancen für die, die nachkommen und sich anstrengen. Fördern und fordern. Handeln, entscheiden - was auch Nein heißen konnte. Beispiel Irak.

Es hat sich gelohnt. Ich war gern dabei.

Bleib gesund und lebensfroh!

Ulla Schmidt (SPD), unter Schröder viele Jahre Gesundheitsministerin: "Alle hörten ihm zu"

Ulla Schmidt im Oktober 2017
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Ulla Schmidt im Oktober 2017

Gerd Schröder trat im Wahlkampf '98 in meiner Heimatstadt Aachen auf. Es ging ihm der Ruf voraus, ein ebenso kaltschnäuziger wie auffassungsrascher Redner zu sein. Tatsächlich war der Aachener Katschhof, inklusive sämtlicher Seitenstraßen, so voller Menschen, wie ich es nie vorher oder nachher erlebt habe. Er war, das war schnell festzustellen, ein Politiker neuen Typs, der kein Programm abrollte und dabei über die Zuhörenden hinwegredete, er sprach mit ihnen. Jedenfalls hatten viele nach meiner Beobachtung den Eindruck: Der spricht zu mir.

Und er polarisierte: Die einen waren gebannt, die überwiegende Mehrheit wie mir schien - was sich letztlich auch darin manifestierte, dass die SPD in Aachen erstmals in der Geschichte die CDU überrundete -, die anderen hatten Skepsis in den Mienen. Aber alle hörten zu. Er offenbarte damals eine Entschlossenheit, die mir später noch oft begegnete, als er regierte. Eine auffällige Entscheidungsbereitschaft - eine Lust am Gestalten, die mir heute bei manchen fehlt.

Ursula Engelen-Kefer, langjährige DGB-Vizevorsitzende: "Der Bundeskanzler nannte mich 'Quengelen-Keifer'"

Schröder und Engelen-Kefer im März 2004
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Schröder und Engelen-Kefer im März 2004

Als Stellvertretende Vorsitzende des DGB und Verantwortliche für die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik stand ich bei den heftigen politischen Auseinandersetzungen zwischen dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und den Gewerkschaften in der vordersten Front. Hauptsächliche Streitpunkte waren die Riester-Rentenreformen und die Hartz-Gesetze. Zu dieser Zeit musste ich über die Medien meine Titulierung durch den Bundeskanzler als "Quengelen-Keifer" erfahren. Im Bundesvorstand der SPD stand ich weitgehend auf einsamer Flur mit meiner Kritik im Angesicht des Bundeskanzlers.

Die Spannungen verschärften sich mit der Ernennung des Superwirtschafts- und Arbeitsministers Wolfgang Clement. Wir waren uns einig, den von Schröder handverlesenen Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit (BA), Florian Gerster, wegen dienstlicher und persönlicher Verfehlungen abzulösen. Als damalige Vorsitzende des Verwaltungsrates der BA stand ich inmitten dieser Machtauseinandersetzung. Es kostete mich einige Tage harter Telefonate mit den 21 Mitgliedern unseres Verwaltungsrates und entsprechende schlaflose Nächte.

Ich werde daher nie vergessen, dass mich Schröder in der Endphase seiner Kanzlerschaft fragte, wer Gerster abgelöst habe, Wolfgang Clement oder ich. Ich konnte ihm versichern, dass diese Entscheidung von 20 der 21 Mitglieder des Verwaltungsrates der BA gemeinsam getragen worden war.

Ex-CSU-Chef und Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber, Herausforderer von Schröder im Bundestagswahlkampf 2002: "Er wollte Strauß treffen"

Schröder und Stoiber lachen zusammen im September 2007 in Wolfratshausen
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Schröder und Stoiber lachen zusammen im September 2007 in Wolfratshausen

Das erste Mal bin ich Gerhard Schröder im Jahr 1979 in einer Talkshow des damaligen Senders Freies Berlin begegnet. Er war Juso-Chef, ich war CSU-Generalsekretär. Es ging um Hausbesetzungen in Berlin. Zwischen unseren Auffassungen lagen Welten. Wir schenkten uns in der Debatte nichts.

Umso mehr überraschte er mich, als wir hinterher noch beim Gespräch beisammen saßen. Nach einigem Geplauder erkundigte Schröder sich nach Franz Josef Strauß, der im Jahr zuvor bayerischer Ministerpräsident geworden war. Er wollte wissen, wie es sei, mit Strauß zu arbeiten. Ich sagte, das sei ein Privileg. Dann bemerkte er zu meiner großen Verblüffung, er würde Strauß gern kennenlernen. Er sei zwar in fast allen inhaltlichen Fragen anderer Meinung, aber Strauß sei ein interessanter Politiker, der mit Leidenschaft für seine Auffassungen kämpfe. Er nannte ihn ein Kraftpaket. Man spürte bei allen inhaltlichen Differenzen den Respekt, den er für den Politiker Strauß empfand.

Wir sind uns in den folgenden Jahrzehnten immer wieder begegnet, er wurde Ministerpräsident und schließlich Kanzler, ich Innenminister und Ministerpräsident. Wir haben meist hart miteinander gerungen, aber es war ein respektvolles Miteinander. Schröder war ein Ministerpräsident mit starker Autoindustrie in seinem Land, das verband uns unter anderem. Als er Kanzler war, konnte man sich auf seine Zusagen verlassen.

Als Kanzlerkandidat der Union bekämpfte ich Schröder politisch mit aller Härte, aber das änderte nichts an unserem Respekt füreinander. Im Gegenteil: Als Gerhard Schröder, damals schon nicht mehr Kanzler, sein Kommen zur 100-Jahr-Feier der SPD in Wolfratshausen ankündigte, lud ich ihn zu mir nach Hause ein. Er nahm die Einladung an. Wir aßen Leberkäs und tranken Weißbier. Es war ein anregender Besuch.

Seither treffen wir uns hin und wieder zum Essen, um über die politische Lage in Deutschland und der Welt zu reden. Seit einigen Jahren duzen wir uns. Ich würde sagen, es hat sich fast so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.

Sigmar Gabriel, Nachfolger von Schröder als Ministerpräsident in Niedersachsen, später SPD-Chef und Bundesminister: "Ich wünsche ihm das Glück der Langsamkeit"

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Thomas Oppermann und ich waren in den neunziger Jahren die jungen Wilden der SPD Landtagsfraktion in Niedersachsen. Wir machten alle möglichen Vorschläge zur Reform der Landespolitik. Unter anderem waren wir für die Abschaffung eines eigenständigen Frauenministeriums, das wir ins Sozialministerium eingliedern wollten. Schröder nahm uns bei Seite und meinte: "Jungs, Ihr habt ja Recht. Das weiß ich natürlich. Aber ich kann keinen Ärger mit den Weibern in der SPD gebrauchen. Deshalb muss ich Euch morgen in der Fraktion eins auf die Schnauze hauen, das versteht Ihr doch, oder?" Zwei Jahre später gliederte er selbst das Frauenministerium ins Sozialministerium ein und ließ sich für seinen Reformwillen feiern. Darauf angesprochen, lachte er und meinte: "Daraus könnt Ihr zwei was lernen: Das Richtige zum falschen Zeitpunkt ist auch falsch."

1998 nach der gewonnenen Landtagswahl musste in Niedersachsen ein Sparhaushalt her. Als Schröders Fraktionsvorsitzender im Landtag erarbeitete ich in wochenlanger Kleinarbeit eine lange Sparliste für den Landeshaushalt. Als Schröder, der zu diesem Zeitpunkt schon auf Wahlkampftour für die Bundestagswahl 1998 war, davon erfuhr, lud er uns zum Kaffee ein und meinte nur: "Vielen Dank. Aber den Ärger könnt Ihr machen, wenn ich hier weg bin und im Kanzleramt sitze." Die Liste kam in den Panzerschrank und Schröder ins Kanzleramt.

Schröder hatte als Ministerpräsident den Vertrag zur Weltausstellung EXPO 2000 mit Bundeskanzler Kohl geschlossen. Dabei wurde die Haftung für eventuelle Defizite allein dem Land aufgebürdet. Als Schröder Kanzler war, stellte sich bei der EXPO ein Defizit von über einer Milliarde Euro heraus. Viel zu viel für den Landesetat. Als neuer Ministerpräsident ging ich zum Kanzler Schröder und bat ihn, den Bundesanteil am Defizit deutlich zu erhöhen.

Das wies Schröder zurück, weil der damalige Finanzminister Hans Eichel dagegen war. Ich ließ nicht locker, und so kam das Thema am Ende einer langen Nachtsitzung zwischen dem Kanzler und allen SPD-Ministerpräsidenten nochmals zur Sprache. Schröder hatte mit dem Thema auf der Tagesordnung so lange gewartet, bis Hans Eichel im Sessel eingeschlafen war. Leise fragte er die Anwesenden, ob jemand etwas dagegen hätte, wenn der Bund dem Land Niedersachsen ein paar hundert Millionen zum Defizitausgleich der Expo geben würde. Alle waren einverstanden. In der Sekunde wacht Eichel auf und Schröder meint zu ihm: "Zu spät Hans. Du hättest nicht einschlafen dürfen." So hatte ich 400 Millionen mehr.

Ich wünsche meinem Freund Gerhard Schröder, dass er gesund bleibt und im Glück angekommen ist. Er, der soviel Gereiste, der Rast- und Ruhelose, der Tatmensch, Weltbeweger und unentwegt die Herausforderung Suchende, ihm wünsche ich das Glück der Langsamkeit. Ich wünsche ihm, dass er stolz auf sein Leben blickt, denn dazu hat er wirklich allen Grund. Und ich wünsche ihm, dass seine Partei, die ihm soviel verdankt, zu einer ehrlichen Dankbarkeit in der Lage ist.

Hartmut Mehdorn, 76, Schröder machte ihn 1999 zum Bahnchef

Schröder und Mehdorn am 24. Juni 2005 auf einer Pressekonferenz im Kanzleramt in Berlin
Tim Brakemeier/ dpa

Schröder und Mehdorn am 24. Juni 2005 auf einer Pressekonferenz im Kanzleramt in Berlin

Ich war Anfang der Neunzigerjahre Leiter der MBB Nordwerke, und dies in einer echten Krisenzeit. Als ich den Mitarbeitern im kleinen niedersächsischen Werk Lemwerder erklären musste, dass sich eine Gefahr für ihre Arbeitsplätze abzeichnete, kam überraschend der damals neue niedersächsische Ministerpräsident Schröder in die Betriebsversammlung. Es war eine aufgeheizte, nervöse Stimmung, aber der MP hat seine Rolle sehr souverän wahrgenommen, eben wie ein sorgender Landesvater. Wir als Leitung waren dagegen die Buh-Männer.

Am Ende der Versammlung wurde ich auf dem Weg zu meinem Parkplatz von einem Wagen aus Hannover überholt, er stoppte, das Fenster ging runter und Schröder sagte: "Komm, Junge, steig' ein, wir gehen etwas essen und reden bei einem Bier weiter." Das wurde ziemlich spät und war zugleich der Beginn einer langen Freundschaft, die wir bis heute pflegen, wenn es unsere Zeit erlaubt.

Protokolliert von Melanie Amann, Julia Amalia Heyer, Marc Hujer, Veit Medick, Martin U. Müller, Ralf Neukirch, Cornelia Schmergal, Gerald Traufetter 



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