Nikolaus Blome

Nawalny-Anschlag Alter weißer Schröder

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Der Giftanschlag auf den Putin-Gegner Nawalny mischt die deutsche Politik auf. Nur einer bleibt sich traurig treu: Gerhard Schröder.
Gerhard Schröder (SPD), ehemaliger Bundeskanzler und jetziger Leiter Verwaltungsrat Nord Stream 2

Gerhard Schröder (SPD), ehemaliger Bundeskanzler und jetziger Leiter Verwaltungsrat Nord Stream 2

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Kay Nietfeld / DPA

Der Giftanschlag auf Alexej Nawalny  bringt in Berlin die Verhältnisse zum Tanzen. Es geschehen Dinge, die sonst nicht geschehen. Ganz gegen ihre Art tritt die Bundeskanzlerin rasch und energisch in die Öffentlichkeit. Sie weist so klar mit dem Finger auf Russland und Präsident Putin, dass man meinen muss, nun endlich reiche es auch ihr.

Bei der CDU gewinnt der abgeschlagene Norbert Röttgen plötzlich an Statur und Boden im Rennen um den Parteivorsitz. Er fordert, die Direkt-Gaspipeline zwischen Putin-Land und Deutschland müsse abgesagt werden, und könnte am Ende recht behalten. Die Grünen sehen das ähnlich und müssen nun endgültig entscheiden, ob es wichtiger ist, des Umweltschutzes wegen aus Atom und Kohle auszusteigen oder der Moral wegen aus dem Russlandgas.

Im Lager links der Mitte schließlich verdüstert der Anschlag auf Nawalny vorerst die Aussicht auf eine regierungsfähige Mehrheit aus SPD, Grünen und Linkspartei. Wenn es um Russland und Putin geht, setzt bei relevanten Teilen der Linkspartei der Verstand aus, man kann es nicht anders sagen. Ein prominenter West-Linker im Bundestag, Klaus Ernst, verbreitet die Theorie, dass Putin einen Mordanschlag nicht nötig hat, weil er bei der letzten Wahl ja 76 Prozent der Stimmen bekam. Lustiger wird's nicht mehr, dachte ich, als ich das las. Doch dann kam Gregor Gysi und sagte der "FAZ": "Putin muss doch bekloppt sein, wenn er das macht."

Beiden Herren empfehle ich zur Überprüfung ihrer geistigen Reflexe einen Selbsttest: Würden sie persönlich im Fall starker Schmerzen lieber von dem Arzt des Omsker Hospitals behandelt werden, der im russischen Fernsehen erklärte, Nawalny könne auch "durch das banale Fehlen eines Frühstücks" ins Koma gefallen sein? Oder doch lieber von den Ärzten der Berliner Charité, die erklärten, im Körper Nawalnys Spuren des russischen Nervenkampfstoffes Nowitschok gefunden zu haben? Ich will die Antwort nicht vorgeben, aber nachdem sich "Covidioten" als politischer Gattungsbegriff etabliert hat, sollten wir "Putidioten" als dazugehörige Subspezies katalogisieren. Die Bereitschaft zur intellektuellen Selbstverstümmelung ist in beiden Gruppen gleichermaßen ausgeprägt.

Schröder redet doch gern und viel

Und so wartete ich das Wochenende über auf eine nennenswerte Einlassung Gerhard Schröders, seines Zeichens bekennender Putin-Freund und auskömmlich versorgter Pipeline-Propagandist. Schließlich genießt der Ex-Kanzler nicht im Stillen sein Privatleben, sondern stellte sich zuletzt auf diversen Podien zu Plauderstündchen ein, macht Kommunalwahlkampf für die SPD und verfertigt 30-minütige Podcastgespräche mit Bela Anda, einem seiner Ex-Regierungssprecher. Die letzte Folge ("Corona - Keine Panik!") wurde am vergangenen Freitag veröffentlicht, der Ex-Sprecher führt den Ex-Kanzler sachte von Thema zu Thema, und am Ende erzählt Schröder, dass er wegen Corona jetzt sehr viel Zeit habe (daher auch die noch junge Podcastreihe). Seine Frau arbeite nämlich in Südkorea, erzählt Schröder, "also müssen wir getrennt leben, für eine gewisse Zeit". Zwei Mal Quarantäne, bei der Hin- und bei der Rückreise, "das wäre mir dann doch ein bisschen viel".

Da wird dem Hörer das Herz ganz warm, der Puls sinkt in den Ruhebereich. Nur für einen Moment ändert sich das, da sagt Gerhard Schröder diesen Satz: Er wünsche sich eine "politische Kultur zurück, in der es Gegner gibt, aber keine Feinde". Gemünzt hat er ihn auf Deutschland, obwohl er jene politische Kultur besser träfe, die Putin in Moskau etabliert hat, wo er seit Jahrzehnten die Macht hat und seine Feinde sterben schickt.

Was treibt den Ex-Kanzler?

Nachsichtigen Konservativen ist nichts Menschliches fremd, trotzdem frage ich mich: Warum macht Gerhard Schröder das? Nur, weil er es kann? Warum kein kantiges Wort zu dieser internationalen Staatsaffäre, die das europäisch-russische Verhältnis vollends vereisen könnte? Warum dieses matte Geplauder von jemandem, der eine der größten Volkswirtschaften des Planeten mit der Agenda 2010 auf Vordermann gebracht hat?

Ist es Schröders Eitelkeit? Immerhin zog er in seiner Kanzlerzeit einmal eine unbekannte Stilberaterin nur deshalb vor Gericht, weil sie ihm gefärbtes Haupthaar unterstellt hatte. Andererseits kann man die eigene Eitelkeit mit Wladimir Putin nicht mehr schmücken: Rein optisch wirkt der russische Staatschef wie ein Opfer fortgesetzt glückloser Gesichtschirurgen. Politisch macht er ebenso wenig bella figura in der freien Welt. Er führt Krieg, wo er will, und hält die Hand über einen syrischen Menschenschlächter.

Hängt der Ex-Kanzler also an seinem Posten im Gasreich des Kremls und will sie nicht mit Kritik am großen Chef gefährden? Dass er in diesen Ämtern viel Macht und Einfluss habe, wird Schröder selbst nicht behaupten wollen, aber vielleicht reizt ihn das Geld. Während seiner Amtszeit erzählte man sich, er blicke mit gewissem Neid auf die Millionengehälter der deutschen Konzernchefs, die sich gleichzeitig devot drängelten, im Gefolge eines viel schlechter bezahlten Kanzlers zu reisen. Im Alter von 76 Jahren sollte Schröder jedoch allein aus deutschen Kassen genug für den Rest seiner Tage haben.

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Vielleicht hilft der Blick zurück: Gerhard Schröder war zu seiner Zeit einer der letzten politischen Straßenfußballer, das hat mir oft imponiert. Wenn er angegangen wurde, nahm er nicht Reißaus, sondern den Gegner volley. Jetzt wächst der Druck auf ihn wieder einmal, aber ich wette, er lässt die Mundwinkel nur spöttisch zucken, und das Ganze macht ihm Spaß - so wie andere Leute Schmeicheleien genießen. Gerhard Schröder hält dagegen, denn es erinnert ihn an früher. Ein alter weißer Mann will sich noch einmal spüren, muss man es so sagen? Ziemlich traurig wäre das.

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