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25. August 2012, 07:20 Uhr

Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler

Die Legende von der Kanzlerberaterin

Ein Debattenbeitrag von Gerd Langguth

Kanzlerberater - ein Titel mit Klang. Auch Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler wird in den Medien gerne als Ex-Beraterin von Helmut Kohl vorgestellt. Aber was macht eigentlich ein Kanzlerberater? Und hat sie diesen Titel verdient?

In der Geschichte der deutschen Bundeskanzler gab es immer wieder "Berater". Einen fast mythischen Nimbus erwarb sich der Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs, dem Adenauer sehr vertraute. Unter dem Bundeskanzler Willy Brandt war es vor allem der Journalist Klaus Harpprecht, der sogar im Kanzleramt über ein eigenes Büro verfügte. Kanzler Schröder hatte weitgehend nur Berater aus seiner administrativen Umgebung - so vor allem seinen damaligen Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier und zahlreiche Beratungskreise, wie die Hartz-Kommission.

Auch Angela Merkel setzt stark auf die von ihr ausgesuchten offiziellen Berater wie den Kanzleramtsminister Ronald Pofalla oder die Abteilungsleiter im Kanzleramt, Nikolaus Meyer-Landrut (Europa), Christoph Heusgen (Außenpolitik) und Lars-Hendrik Röller, vormals Jens Weidmann (Wirtschaftspolitik) sowie Regierungssprecher Steffen Seibert und ihre Büroleiterin Beate Baumann. Sie hat im engeren Sinne keinen Berater außerhalb des administrativen Apparats.

Dennoch berät sie sich gelegentlich mit einzelnen Personen, etwa mit dem früheren Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Aber ist man dadurch schon "Berater"? Gelegentlich wird noch Hans Joachim Schellnhuber genannt, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Aber er wird sich auch der Tatsache bewusst sein, dass Aussagen von ihm leicht der Kanzlerin zugeordnet werden. Was ihr möglicherweise nicht immer gefällt.

Überhaupt haben Kanzler es nicht gern, wenn ihre "Berater" unter diesem Label in der Öffentlichkeit auftauchen. Das war vor allem bei Helmut Kohl der Fall. Da gab es den Walberberger Dominikanerpater Basilius Streithofen, der sich gerne als Kanzlerberater titulieren ließ, was das Kanzleramt zu einem Dementi bewegte; von dem Historiker Michael Stürmer distanzierte sich Kohl sogar öffentlich in einem Interview. Als "Berater" hatte sich einige Zeit hingegen der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld profiliert, der dann immerhin für zehn Jahre Koordinator des Auswärtigen Amtes für die deutsch-amerikanischen Beziehungen wurde.

Wann und wie hat Höhler Kohl denn beraten?

Und Gertrud Höhler? Für die deutschen Medien zählt sie unwidersprochen zum exklusiven Zirkel der Kanzler-Flüsterer. Mal ist sie die "Unternehmens- und Kanzlerberaterin", häufig auch die "Autorin und einstige Kohl-Vertraute".

Liest man die Pressearchive jener Zeit, kommt sie als Beraterin allerdings überhaupt nicht vor, es wurde lediglich im Zusammenhang mit einer Rede Höhlers von einem Telefonat Kohls mit der Literaturwissenschaftlerin berichtet. Es fällt auf, dass Höhler eher schmallippig reagiert, wenn sie sich zu ihrer Kohl-Beratung äußern soll. Wann und wie lange und in welcher Form diese "Beratung" stattgefunden haben soll - darüber gibt es praktisch kaum Informationen.

Jedenfalls kann sich keiner aus der ehemaligen Kanzlerumgebung an eine Beratung Höhlers erinnern. Auszuschließen sind einzelne Gespräche von Höhler mit Kohl nicht, aber eine systematische und grundlegende Beratung wäre im Kanzleramt bekannt gewesen. Sie hatte "wahrscheinlich nicht einmal den Fuß bis zur Schwelle von Juliane" gesetzt, sagt heute ein Weggefährte Kohls. Juliane Weber war die damalige Büroleiterin, Chefsekretärin und Vertraute von Helmut Kohl.

Allerdings wurde in der Presse von politischen Ambitionen Höhlers berichtet. Sie soll als Nachfolgerin von Rita Süssmuth als Familienministerin gehandelt worden sein - und im Bundeskanzleramt antichambriert haben. Ein enger Berater des Bundeskanzlers trug diese Idee Helmut Kohl vor, der diese brüsk zurückwies und für abwegig erklärte. Höhler selbst macht Rita Süssmuth für den ablehnenden Bescheid verantwortlich. Doch Helmut Kohl besaß damals eine solche Machtfülle, dass Süssmuth Höhler gar nicht hätte verhindern können.

Vorwurf an Merkel am "Zerfall der Demokratie" zu arbeiten

1982 zeigte "die schöne Professorin, die von außen kommt" ("Münchner Merkur") dann Interesse, unter Alfred Dregger in Hessen Ministerin zu werden - doch der konnte sich bei den Landtagswahlen nicht entscheidend genug gegen den SPD-Mann Holger Börner durchsetzen.

Aber Gertrud Höhler blieb eine politisch ambitionierte Dame. Nach Angaben des früheren Regierungssprechers Friedhelm Ost zeigte sie vor der Bundestagswahl 1990 ebenso wie Kurt Biedenkopf Interesse, in dem als sicher geltenden Wahlkreis Paderborn für die CDU zu kandidieren. Dazu kam es jedoch nicht. Friedhelm Ost selbst setzte sich damals gegen Elisabeth Keuper auf dem Kreisparteitag durch und zog in den Bundestag ein.

Nun hat Gertrud Höhler ein Buch über Angela Merkel geschrieben: "Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut." Sie rückt die Kanzlerin mit diesem Titel in die Nähe mafiöser Strukturen und wirft Merkel vor, mit ihrem "System M" und mit einem "egomanische Politikstil" am "Zerfall der Demokratie" zu arbeiten.

Bei Gertrud Höhler kann man beobachten, wie es einer an sich klugen Frau gelingt, aus richtigen Beobachtungen systematisch falsche Schlüsse zu ziehen. So konstatiert Höhler, Angela Merkel sei durch ihr Leben in der DDR geprägt. Sehr richtig. Jeder Mensch ist von der Umgebung, in der er aufwächst, studiert und gearbeitet hat, geprägt.

Korrekte Beschreibung, falsche Schlüsse

Nur der Schluss, den Höhler hieraus zieht, ist falsch. Die DDR-Prägung von Angela Merkel drückt sich in ihrem ausgeprägten Misstrauen gegenüber jeglicher Ideologie aus. Es geht ihr um die Sache, um die gründliche Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit. Und da lässt sie keinen ideologischen Einwand zu. Zum Ärger mancher Konservativer muss dann gelegentlich auch die C-Ideologie hinter pragmatischen Lösungen zurückstehen.

Damit zeigt aber Merkel die wohl klügste Reaktion, die man auf eine Diktatur haben kann, nämlich aufzupassen, dass ein Land nur von solchen Politikern regiert wird, die sich einer demokratischen Verantwortung stellen. Das Zweifeln von Frau Höhler an Merkels demokratischer Grundüberzeugung ist absurd.

Der zweite Vorwurf von Frau Höhler ist, die Kanzlerin würde systematisch alle ihre Widersacher ausschalten. Von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl - und wir können die sozialdemokratischen Bundeskanzler mitdenken - ist es das Bestreben eines jeden Kanzlers gewesen, die Mehrheit in seiner eigenen Partei und Fraktion zu behalten, denn es ist die Pointe der Kanzlerdemokratie, dass die Macht des Kanzlers an dem Tag endet, an dem er diese Mehrheit verliert.

Dass er sich um diese Mehrheit bemüht, dass er Widersacher auf diesem Weg ausschaltet, ist selbstverständlich. Frau Höhler regt sich sogar darüber auf, dass es Frau Merkel gelingt, etwa in wichtigen Bereichen der Europapolitik, die Zustimmung der Opposition zu gewinnen. Es bleibt rätselhaft, warum sie ihr das zum Vorwurf macht.

Pfarrerstochter Höhler - das Gegenbild der Pfarrerstochter Merkel

Die Pfarrerstochter Höhler ist das genaue Gegenbild der ostdeutschen Pfarrerstochter Angela Merkel. Auf der einen Seite die schick gekleidete und eloquente Literaturwissenschaftlerin - auf der anderen Seite die protestantisch-spröde Ostdeutsche. Vielleicht handelt es sich bei Höhler um das Aufbäumen einer Frau, die meint, die "gute alte Bundesrepublik" zu repräsentieren.

Höhler erklärte in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zu Kohl: "Er war tatsächlich christlich geprägt und natürlich von politischem Ehrgeiz getrieben, aber mit einem Ethos, wie man ein Land gut regiert. Kohl war von einem grundsätzlichen Werteempfinden bestimmt und nicht von der Idee: Hauptsache Kohl bleibt dran." So macht sich Gertrud Höhler zur späten Sachwalterin des Altkanzlers und insinuiert damit, dass ihre beißende Kritik an Merkel von Helmut Kohl selbst stammen könnte.

Der Begriff "Kanzlerberater" ist kein geschützter Begriff. Gertrud Höhler will auf ihre späten Tage noch einmal auf sich aufmerksam machen, wissend, dass die meisten Journalisten sich an die alten Kohl-Zeiten nicht mehr im Detail erinnern. Insofern wird sie jetzt pausenlos als "Kanzlerberaterin" tituliert und in die Talkshows eingeladen.

Verdient hat sie sich diese Bezeichnung nicht.

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