Gesamtdeutsche Volkspartei Elitezirkel für sozialdemokratische Bundespräsidenten

In der Parteiengeschichte Nachkriegsdeutschlands reicht es für die Gesamtdeutsche Volkspartei gerade für eine Fußnote. Ihr Einfluss ist dennoch nicht zu unterschätzen - vor allem als Denkerschmiede für die SPD.

Von Franz Walter


Gescheitert. Müde. Aber nicht gebrochen. So ungefähr wohl - zwischen Resignation und Trotz - mögen sich ein halbes Hundert frommer Deutscher im Mai 1957 gefühlt haben, als sie die "Gesamtdeutsche Volkspartei" (GVP) auflösten. "Gesamtdeutsche Volkspartei"? Zum Abiturwissen gehören Kenntnisse über diese Partei vermutlich nicht. Fünf Jahre existierte diese Organisation nur; bei überlokalen Wahlen errang sie niemals auch nur ein einziges Mandat. Sie reihte sich also lediglich ein in die durchaus nicht geringe Zahl von Parteigründungen, die dann rasch wieder im Nichts verschwanden.

Johannes Rau 1987: Politisches Rüstzeug aus den Debattierrunden in der Gesamtdeutschen Volkspartei
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Johannes Rau 1987: Politisches Rüstzeug aus den Debattierrunden in der Gesamtdeutschen Volkspartei

Indes, ganz so folgenlos blieb das Experiment "Gesamtdeutsche Volkspartei" nicht. Man braucht sich nur der beiden einzigen Bundespräsidenten zu erinnern, welche die SPD nach 1949 stellte: Gustav Heinemann und Johannes Rau. Beide hatten das politische Handwerk nicht in den Zeltlagern der sozialistischen Jugend oder während der Zählabende sozialdemokratischer Ortsvereine gelernt, sondern in den Debattierrunden der "Gesamtdeutschen Volkspartei". Auch Erhard Eppler, über ein Vierteljahrhundert so etwas wie der Cheftheoretiker der deutschen Sozialdemokraten, kam aus der GVP und war in Ethik wie Semantik unverkennbar durch die Kultur dieser Partei geprägt – was dann über den schwäbischen Vordenker peu à peu in den programmatischen Fundus der SPD hineintröpfelte. Irgendetwas Besonderes also musste es mit dieser "Gesamtdeutschen Volkspartei" denn doch auf sich gehabt haben.

Alles hing vom Beginn her an einer Person: Gustav Heinemann. Der Jurist Heinemann hatte erst als junger Erwachsener sein christliches Erweckungserlebnis – dann aber gründlich. Er wurde, nun stark pietistisch geprägt, zu einem Protagonisten des deutschen Protestantismus, vertrat in den Jahren des Nationalsozialismus als Rechtsanwalt die Anliegen der "Bekennenden Kirche", war nach 1945 Präses im Rat der EKD. All das machte ihn, der nach Ende des Krieges zugleich als Oberbürgermeister von Essen amtierte, interessant für Konrad Adenauer, genauer: für dessen Projekt, aus der anfangs noch katholisch dominierten CDU eine wirklich überkonfessionelle Sammelpartei des bürgerlichen Deutschlands zu kreieren. Kurzum: Adenauer brauchte den damals entscheidenden Repräsentanten des Protestantismus, bekam ihn auch und machte ihn 1949 zum Innenminister in seinem Kabinett.

Bruch zwischen Adenauer und Heinemann

Ein knappes Jahr ging das gut. Dann aber kam es zum großen, nie mehr zu kittenden Bruch zwischen den beiden. Adenauer verfasste – wie er das gerne zu machen pflegte – ohne Absprache mit den übrigen Bundesministern ein Memorandum für die Hohen Kommissare, in dem er deutsche Soldaten und militärische Ausrüstung für das westliche Sicherheitsbündnis anbot. Als Heinemann davon erfuhr, war die Empörung groß und die Bereitschaft, weiter im Kabinett mitzuwirken, perdu. Der Innenminister erklärte seinen Rücktritt.

Ganz ohne Sorge betrachtete der Bundeskanzler die Demission seines Renommierprotestanten zunächst nicht. Doch schon bald zeigt sich, dass der Schritt Heinemanns keine Anti-Adenauer-Welle in den evangelischen Bevölkerungskreisen der Bonner Republik auszulösen vermochte. Selbst Heinemann zögerte über zwei Jahre, bis er der CDU endgültig den Rücken kehrte. Im November 1951 hatte er, noch als Christdemokrat, die "Notgemeinschaft für den Frieden Europas" gegründet, aus der dann, ein Jahr später, eben die "Gesamtdeutsche Volkspartei" hervorging. Die Partei wollte eine Art Sammelbündnis von Gegnern der Adenauerschen West- und Deutschlandpolitik werden. Tatsächlich fanden sich dort auch einige Fundamentalpazifisten, junge Nationalkonservative, vereinzelte Linkskatholiken ein. Die prominenteste Vertreterin des Katholizismus war die vormalige Partei- und Fraktionsvorsitzende des "Zentrums", Helene Wessel, die in den folgenden Jahren zusammen mit Heinemann Hauptrednerin und -darstellerin auf den Bühnen der GVP war.

Doch eine veritable Strömung des Katholizismus repräsentierte Helene Wessel nicht. Sie blieb eine Einzelgängerin. Die GVP war im Kern genuin protestantisch, genauer: war eine kleine Gesinnungselite aus der Tradition linksprotestantischer Bruderräte der "Bekennenden Kirche". Der übergroße Rest des evangelischen Bürgertums blieb gegenüber der GVP zur großen Enttäuschung Heinemanns entschieden reserviert.

Schroffe Absage an Militär-, West- und Deutschlandpolitik

Zu einer Partei mit einem umfassenden politischen Programm wuchs die GVP nicht. Zwar hatte die Handvoll katholischer Mitglieder einige Sätze zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Verfasst, aber das durchdrang weder die Agitation noch die Praxis der GVP. Nur eins verband alle Aktivisten und Sympathisanten: die schroffe Absage an die Militär-, West- und Deutschlandpolitik der Adenauer-CDU. Darum herum kreisten noch einige vage Vorstellungen von einem vereinten Europa; nicht unbeliebt waren schon damals Paradigmen von der "dritten Kraft" oder eines "dritten Weges". Doch der unzweifelhaft gemeinsame Nenner lag einzig in der Option, Deutschland aus den beiden Militärbündnissen "auszuklammern" – wie man das in der GVP programmatisch formulierte -, um so die Wiedervereinigung Deutschlands möglich zu machen.

Leichte Jahre waren es nicht, die die "Gesamtdeutschen" zwischen 1952 und 1957 durchlitten. Im Grunde erlebten sie ein halbes Jahrzehnt voll von Verunglimpfungen, Demütigungen und Enttäuschungen. Als sie anfingen, hatten viele fest damit gerechnet, für eine Mehrheit der Deutschen, mindestens des protestantischen Bürgertums zu sprechen. Schließlich war der nationale Gedanke seit über 100 Jahren der Integrations- und Identitätsstoff der evangelisch-bürgerlichen Schichten in Deutschland gewesen. Doch ignorierten die GVP-Aktivisten, dass die Furcht vor Sozialisten und Kommunisten nicht minder konstitutiv für die bürgerlichen Lebenswelten in Deutschland war, seit den Enteignungen und Vertreibungen im früheren Mittel- und Ostdeutschland nach 1945 sich gar noch forciert hatte.



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