Gescheiterter Lafontaine Auf verlorenem Posten gegen den Einheitskanzler

Von allen Kanzlerkandidaten der SPD hatte Oskar Lafontaine den schwersten Stand. 1990 musste er gegen den Vereinigungs-Kanzler Helmut Kohl antreten - und scheiterte chancenlos. Ein Mann der Einheit war der Saarländer, der jetzt für die Linkspartei kämpft, ohnehin nicht.

Von Michael Schlieben


Gäbe es ein Ranking, das den erfolglosesten Kanzlerkandidaten aller Zeiten sucht, Oskar Lafontaine würde einen Spitzenplatz einnehmen. Mit ihm holte die SPD im Jahr der Deutschen Einheit 33,5 Prozent, das bis heute schlechteste Ergebnis seiner Partei seit 1957. De facto schnitten selbst Scharping und Vogel, die gefühlten Verlierer aller SPD-Parteigeschichten besser ab. Dabei hatten Lafontaines Chancen zum Zeitpunkt seiner Nominierung gar nicht schlecht ausgesehen: Im Herbst 1989 lag die SPD, wie seit Monaten schon, in den Meinungsumfragen weit vor der Union. Deren Mitglieder litten unter der Kohl-Regierung, die mit wenig Esprit, dafür geschüttelt von Krisen vor sich hin regierte.

Lafontaine (im Wahljahr 1990): Belehrungen für die Ostdeutschen
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Lafontaine (im Wahljahr 1990): Belehrungen für die Ostdeutschen

Dass die SPD den 47-jährigen Lafontaine nominierte, war durchaus konsequent. Wie kein zweiter Politiker repräsentierte er den Generationswechsel seiner Partei in den achtziger Jahren. Lafontaine, der frühere Vorreiter der Friedensbewegung und Dauerkritiker der Schmidt-Regierung, kam bei Wählern und Medien gut an - gerade weil er gegen seine Partei rebelliert und sich alternativen Themen und Thesen offen gegenüber gezeigt hatte. Hans-Jochen Vogel und vor allem Willy Brandt hatten das registriert und versucht, ihn einzuspannen. Sie beauftragten Lafontaine damit, ein modernes, ein postmodernes, Parteiprogramm auszuarbeiten. Offenkundige Risiken nahmen sie in Kauf: Schließlich wusste "tout Bonn" um die Eigenwilligkeit des Saarländers.

Jedoch – und das ist ein strukturelles Problem von Hochmodernem – wirkte das Berliner Programm bei seiner Präsentation schon wieder unzeitgemäß. Jahrelang erarbeitet, war es für die alte Bundesrepublik, deren Daten und Probleme, konzipiert. Wenige Wochen vor dem Parteitag, auf dem es verabschiedet werden sollte, fiel in Berlin die Mauer, was dann den Diskurs bestimmte. Umweltschutz, Asylproblematik, Emanzipation und Arbeitslosigkeit – Themen, in die Lafontaine sich jahrelang eingearbeitet hatte, verloren dagegen in der Perspektive der Wähler- und Kommentatorenmehrheit an Relevanz.

Problematisch war für die SPD aber nicht, dass sie auf den historischen Umsturz nicht vorbereitet war – das war im Herbst 1989 kaum einer gewesen. Als heikel erwies sich in der Folgezeit, dass die Sozialdemokraten in der Bewertung dieser Vorgänge uneinig, ja geradezu gespalten waren. Ihr Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine vertrat eine überaus skeptische, einheitskritische Grundhaltung. Er wies primär auf die sozialen und finanziellen Probleme hin, spottete förmlich über die nun grassierende "Deutschtümelei", mit der er wenig anfangen konnte. Seine "Freunde in Wien" seien ihm genauso wichtig wie die in Dresden oder Leipzig, so Lafontaines häufig kritisiertes Credo damals.

Anders Willy Brandt, der im Monat des Mauerfalls dessen Motto prägte, "nun wächst zusammen, was zusammen gehört": Der Alt-Kanzler zeigte fortan großes Engagement im Wiedervereinigungsprozess, den er als späte Frucht seiner hart umkämpften Ost-Politik interpretierte. Die Einheitsbefürworter und -gegner prallten im Dezember 1989 frontal auf dem Parteitag aufeinander, auf dem ursprünglich das neue, inzwischen uninteressante, Grundsatzprogramm präsentiert werden sollte. Wie unentschieden die SPD in dieser Frage war, zeigte sich, als die Delegierten sowohl zunächst Brandt als auch einen Tag später Lafontaine zujubelten.

Auch im Jahr des Wahlkampfs blieb Lafontaine bei seiner Position, obwohl sich schnell herausstellte, dass es die weniger populäre war. Besonders die Ostdeutschen verübelten ihm die Nörgelei: Stand die CDU für lang gehegte Bedürfnisse – "Keine Kohle ohne Kohl", so der inoffizielle Wahlspruch –, verkörperte Lafontaine dagegen für viele die unsympathische Variante des "Wessi"-Politikers. Einer, der seine ostdeutschen Zuhörer unwirsch belehrte: "Der Wohlstand muss von Ihnen erarbeitet werden. Das werden harte Jahre, krempeln Sie die Ärmel auf!"

Lafontaine verstand es, die Kostenfrage der Einheit hochzuspielen – beantworten konnte er sie nicht. Er versäumte es, eine Brücke zu schlagen zwischen seinem "Fortschritt-90"-Programm und der neuen Herausforderung. Stattdessen widmete er sich mit Vorliebe den vermeintlich vergessenen Themen. Seine Wahlkampfreden eröffnete er "bewusst" mit den wahrhaftigen "Menschheitsproblemen", wie er es nannte. Statt über Treuhand und Stasi sprach der Kanzlerkandidat der SPD mit ironischer Verve über das Ozonloch und die Regenwälder. Er ließ esoterisch anmutende Wahlplakate drucken – "Liebe deine Umwelt wie dich selbst!" –, die im Kontrast zu dem schlichten Slogan der CDU standen: "Ja zu Deutschland!". Wenn möglich, mied Lafontaine das nationale Thema, er wollte es klein reden, am liebsten persiflieren: Etwa wenn er auf den Provinzbühnen des Wahlkampfs als begabter Stimmimitator im pfälzischen Idiom Kohls vom "Vaddaland" schwärmte.



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