Gescheiterter Ministerpräsident Milbradt Das langsame Siechtum der Macht

Was schon für Konrad Adenauer galt, gilt immer noch für Georg Milbradt: So lange ein Politiker seine Partei hinter sich weiß, kann er sich fast alles erlauben. Bröckelt erst der Rückhalt, siecht der Mächtige langsam dahin - bis zum Abgang.

Von Pascal Beucker


Köln - Es war ein plötzlicher und doch nicht überraschender Abgang. So absehbar das Ende der politischen Karriere des schwer angeschlagenen sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt war, so ungewöhnlich und untypisch ist doch seine Rücktrittsankündigung vom Montag.

Denn gewöhnlich geben Politiker erst auf, wenn ihre Lage auch ihnen endlich als völlig aussichtslos erscheint - und das kann dauern. Diesmal nicht.

Finanzkrise hin, Kreditaffäre her: Letztendlich ist der verlorengegangene Rückhalt in den eigenen Reihen der ausschlaggebende Grund für Milbradts Rücktritt - so wie bei den meisten Rücktritten. Weiß ein Politiker seine Partei hinter sich, kann er fast alles überstehen. Dann kann er sich, wie das Beispiel des "brutalst möglichen" CDU-Spendenskandalaufklärers Roland Koch in Hessen zeigt, sogar im Amt halten, wenn herauskommt, dass er gegenüber dem Parlament und der Öffentlichkeit die Unwahrheit gesagt hat.

Verliert ein Politiker allerdings den Halt, sollte er zusehen, sich einen würdigen Abgang zu verschaffen.

Und das ist kein einfaches Unterfangen. Der altersstarrsinnige Kanzler Konrad Adenauer ist daran ebenso gescheitert wie Ministerpräsident Erwin Teufel in Baden-Württemberg, CSU-Chef Edmund Stoiber in Bayern, Kurt Biedenkopf in Sachsen.

Monatelang dauerte das Siechtum dieser Mächtigen, monatelang ihr Regieren nach dem Abpfiff. Ohne kräftige Blessuren konnte keiner von ihnen mehr vom Feld. Er sei "unwürdig fortgejagt" worden, konstatierte Teufel verbittert in seiner Abschiedsrede.

Nach sechs Amtsjahren stellten Weggefährten auch bei Milbradt immer häufiger Symptome fest, die aus den Endzeiten von Teufel oder auch Helmut Kohl bekannt sind: Starrköpfigkeit, Beratungsresistenz, Aussitzen von Problemen.

Über seinen Nachfolger sagte Biedenkopf einmal, Milbradt sei zwar ein "hochbegabter Fachmann, aber ein miserabler Politiker". Wenn Milbradt sein Fachterrain verlasse, mache er "einen Fehler nach dem anderen".

Immerhin befindet sich der diplomierte Volkswirt mit dieser Beurteilung geschichtlich gesehen durchaus in guter Gesellschaft: Adenauer dachte einst nicht anders über seinen Nachfolger Ludwig Erhard - und lag damit ebenso richtig wie Biedenkopf.

Tatsächlich ist Milbradt ein Mann der Zahlen, nicht der Politik. Nicht nur an Eloquenz und rhetorischem Talent mangelte es ihm. Als Finanzdezernent der Stadt Münster und auch noch als sächsischer Finanzminister konnte er reüssieren, das Ministerpräsidentenamt war schlicht eine Nummer zu groß für den sturen Westfalen - zumal als Thronerbe von "König Kurt".

Es ist nicht allein die Schuld des spröden Milbradt, dass die CDU heute weiter denn je von Biedenkopfs sonnigen Zeiten christdemokratische+r Alleinherrschaft in Sachsen entfernt ist. Aber seine fehlenden Landesvaterqualitäten haben ihren Anteil daran.

Auch hier steht Milbradt in einer imposanten Reihe - unter anderem mit den beiden SPD-Ministerpräsidentendarstellern Wolfgang Clement und Peer Steinbrück, die als Nachfolger des allseits beliebten Johannes Rau das Kunststück vollbrachten, in kürzester Zeit ausgerechnet im vermeintlichen SPD-Stammland Nordrhein-Westfalen ihre Partei in die Opposition zu führen.



insgesamt 152 Beiträge
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Seite 1
Mule, 14.04.2008
1. Wie denn ?
Zitat von sysopMonatelang hoffte er, der Krise zu entkommen - am Ende hatte seine Partei keine Lust mehr auf ihn. Der Rücktritt von Ministerpräsident Milbradt soll Sachsens CDU zurück zu alter Größe führen. Gelingt in Sachsen der Weg aus der Krise?
Zuerst stolperte Kurt Biedenkopf, danach kam "Ziehsohn" Milbradt. Jetzt soll wieder ein "Ziehsohn" nachfolgen - auch mit Blick auf die "Portokasse"??? So ändert sich nie etwas!!!!!!
Morotti 14.04.2008
2.
Zitat von MuleZuerst stolperte Kurt Biedenkopf, danach kam "Ziehsohn" Milbradt. Jetzt soll wieder ein "Ziehsohn" nachfolgen - auch mit Blick auf die "Portokasse"??? So ändert sich nie etwas!!!!!!
Mibradt war kein "Ziehsohn", er war ein Interner Gegner von Kurt Biedenkopf.
Hubert Rudnick, 14.04.2008
3.
Zitat von sysopMonatelang hoffte er, der Krise zu entkommen - am Ende hatte seine Partei keine Lust mehr auf ihn. Der Rücktritt von Ministerpräsident Milbradt soll Sachsens CDU zurück zu alter Größe führen. Gelingt in Sachsen der Weg aus der Krise?
Ein längst überfälliger Schritt, dieser Mann war nie wirklich ein Nachfolger für den König Kurt, er hatte zwar alles dazu beigetragen, dass der Kurt Biedenkopf gehen mußte, aber er konnte die Lücke nie ausfüllen. Es ist nur ein Beamter, der in der dritten Reihe gehört hätte. Aber Sachsen was/wer kommt nun?
Emmi 14.04.2008
4. Wählen!
Zitat von MuleZuerst stolperte Kurt Biedenkopf, danach kam "Ziehsohn" Milbradt. Jetzt soll wieder ein "Ziehsohn" nachfolgen - auch mit Blick auf die "Portokasse"??? So ändert sich nie etwas!!!!!!
Die Sachsen bräuchten ja bloß nicht mehr CDU zu wählen, dann würde sich schon was ändern. Da aber die SPD bei 9% herumdümpelt und FDP und Grüne in Sachsen auch keine Rolle spielen, blieben dann für eine Regierung nur noch die Linke/PDS und/oder die NPD übrig...
uknox, 14.04.2008
5.
---Zitat--- "Ein 'Weiter so' wird es mit uns nicht geben", sagt SPD-Fraktionschef Martin Dulig ---Zitatende--- Spinnt der??? die SPD liegt bei grademal 9%! Die können froh sein, dass sie überhaupt mitregieren dürfen!! Dieser Sturz eines der kompetentesten Politiker der Bundesrepublik geht alleine auf die Kappe der von der SPD mehrheitlich gesteuerten Dresdner Medien, SZ, Antenne etc. Milbradt ist weder an den Fehlinvestionen der SachsenLB direkt beteiligt bzw. schuld gewesen, noch kann ich an einer Kreditaufnahme bei einer sächs. Bank irgendetwas Verwerfliches entdecken. Nützen wirds der SPD garnix, im Gegenteil. Ich hoffe die Sozis rutschen bei der nächsten Wahl unter 5%
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