Geschlechtervielfalt Warum der Quoten-Feminismus in Wahrheit reaktionär ist

Mann, Frau oder etwas ganz anderes? Für die moderne Theorie ist nicht die Biologie, sondern der freie Wille entscheidend für die Geschlechtszugehörigkeit. Wenn aber Chromosomen kein Schicksal mehr sind, wofür braucht man dann Quoten?

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Eine Kolumne von


Wieviele Geschlechter gibt es? Zwei, wäre vermutlich die Antwort der meisten Menschen. Womit sie bewiesen hätten, dass sie noch nicht zum Fortschritt in der Gendertheorie aufgeschlossen haben.

Facebook listet 60 Geschlechter auf. Wer bei den Einstellungen auf das entsprechende Feld geht, dem wird neben "männlich" und "weiblich" "intergeschlechtlich", "transsexuelle Person" und "gender queer" angeboten, aber auch eher Exotisches wie "Butch", "Pangender" und "Two Spirit". Theoretisch ist die Zahl der Geschlechter unendlich, weshalb das korrekte Wortzeichen, um die Vielfalt sprachlich abzubilden, nicht länger das Binnen-I, sondern der mehrdeutige Genderstern ist.

Es herrscht einige Verwirrung, was die Geschlechterfrage angeht. Übrigens auch bei den Leuten, die sich die Förderung der Geschlechtervielfalt auf die Fahne geschrieben haben. Seit die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Karnevalseinsatz über Toiletten für das "dritte Geschlecht" gespottet hat, fragen sich nicht nur Karnevalisten, was damit eigentlich gemeint ist.

Die politische Humorkritik versteht den Witz als Angriff auf Intersexuelle, also auf Menschen, die sich sexuell nicht zuordnen können, weil sie beide Geschlechtsmerkmale besitzen. Aber die Sache ist so klar nicht. Die Latte-Macchiato-Fraktion in Berlin habe Toiletten für Männer eingeführt, die nicht wissen, "ob sie noch stehen dürfen oder schon sitzen müssen", sagte Kramp-Karrenbauer. Hätte sie Intersexuelle gemeint, dann hätte sie von Frauen und Männern reden müssen, die nicht wissen, ob sie stehen oder sitzen sollen. Wahrscheinlicher ist, dass sie einen Witz über linke Männer versuchte, die Probleme haben, beim Pinkeln die richtige Position zu finden.

Keine Berliner Besonderheit

Der Begriff, der den Witz aus der Ebene des normalen Scherzes zulasten des Feminismus herausgehoben hat, ist die "Toilette für das dritte Geschlecht". Meine Kritik daran wäre: Frau Kramp-Karrenbauer ist nicht à jour, wenn sie glaubt, die Einführung spezieller WC-Einrichtungen sei eine Berliner Besonderheit.

Selbst in meiner bayerischen Heimat wird darüber diskutiert, ob man an einigen Schulen neben Toiletten für Jungs und Mädchen nicht auch ein Klo für das dritte Geschlecht einführen soll. Es handelt sich dabei wohlgemerkt nicht um sogenannte Unisex-Toiletten, also ein WC, bei dem einfach auf ein Geschlechtszeichen an der Tür verzichtet wird und wie man es heute in jedem ICE findet, sondern um einen speziell markierten Ort.

Wer fällt unter das "dritte Geschlecht"? Das ist die entscheidende Frage. Eine Antwort zu finden, ist komplizierter, als es zunächst aussehen mag.

Diejenigen, die der CDU-Vorsitzenden die Diskriminierung einer Randgruppe vorwerfen, glauben offenbar, dass Gender-Toiletten intersexuellen Menschen vorbehalten seien. Wenn vom dritten Geschlecht die Rede sei, so die Logik, dann beziehe sich das auf die Menschen, die man früher Zwitter oder Hermaphroditen nannte. Wer so argumentiert, hat vielleicht die Medizin auf seiner Seite, aber nicht die moderne Geschlechter-Theorie. Deren Anführer würden heftig widersprechen, dass die Biologie das letzte Wort hat.

Eine Frage der Selbstzuordnung

Die Gruppe der Menschen, die sich aufgrund einer Chromosomen-Abweichung oder einer hormonellen Entwicklungsstörung geschlechtlich nicht zuordnen lassen, ist nämlich extrem klein. Nach Schätzungen machen Intersexuelle 0,1 Prozent der Bevölkerung aus. Die Anzahl der Säuglinge, die bei Geburt beide Geschlechtsorgane aufweisen, ist noch wesentlich geringer.

Kann es sein, dass selbst in bayerischen Umlandgemeinden beim Neubau von Grundschulen Toiletten für den Eventualfall geplant werden, dass sich unter den 1000 Schülern auch ein Hermaphrodit befindet? Höchst unwahrscheinlich, zumal sich dieses Kind durch die Wahl der Extratoilette unter den Klassenkameraden für immer als Außenseiter zu erkennen geben würde. Tatsächlich sucht man auch in der bayerischen Provinz Anschluß an eine Theorie, die kurz gefasst besagt, dass Geschlecht eine Frage der Selbstzuordnung ist.

Die Aufkündigung der binären Geschlechterordnung gilt als Fortschritt, der einen endlich von den Lasten der Biologie befreit. Dass nicht Chromosomen und Hormone, sondern der freie Wille darüber entscheidet, ob man als Mann, Frau oder etwas dazwischen durchs Leben geht, ist der letzte große Schritt auf dem Weg zur endgültigen Emanzipation des Menschen.

Wo die Gleichstellung endet

"Fuck Nature" heißt es in dem Stück "He? She? Me! Free.", das gerade an der Berliner Schaubühne Triumphe feiert. In dem Bekenntnistext "Eure Heimat ist unser Alptraum" stieß ich gleich im Vorwort auf den Hinweis, dass es den Autoren wichtig sei, durch Wortwahl und Schreibweise alle "nicht-binäre Personen" einzubeziehen und sich damit "dem hegemonialen Zweigeschlechtersystem" zu entziehen.

Ich habe nie nachvollziehen können, warum ausgerechnet die Toilettenfrage bei der geschlechtlichen Selbstdefinition so wichtig geworden ist. Mir fallen tausend Dinge ein, die bedeutender wären, zum Beispiel eine angemessene Repräsentation unter Gleichstellungsbeauftragten, Betriebsräten und Aufsichtsratsmitgliedern. Aber genau hier endet die Gleichstellung.

Ulkigerweise sind dieselben Leute, die es nicht für zumutbar halten, dass Menschen einfach eine Männer- oder Frauentoilette aufsuchen, bei der wichtigsten, nämlich der demokratischen Repräsentation erstaunlich nonchalant. Das Lager, das sich jetzt über Kramp-Karrenbauers Unsensibilität gegenüber dem dritten Geschlecht aufregt, ist das gleiche, das beim Parité-Gesetz in Brandenburg sagt: 50:50-Quote, wo ist das Problem? Sollen die Transgenderleute sich halt als Mann oder Frau bewerben.

Ein Kampf von Frauen gegen Männerprivilegien

Als ich darauf auf Twitter hinwies, wurde ich mehrfach belehrt, es gebe in Brandenburg eine Quote für Intersexuelle. Das ist erstens nicht wahr, wie ein Blick in das Gesetz zeigt. "Personen, die weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können, können frei entscheiden, für welche der genannten Listen sie sich um einen Listenplatz bewerben wollen", heißt es dort. Und selbst, wenn es so wäre, wie sollte diese Quote aussehen? 0,1 Prozent, weil man doch wieder die Biologie zur Grundlage macht? Oder zehn Prozent, weil man großzügig auch alle nicht-binären Personen einrechnet, die sich dem hegemonialen Zweigeschlechtersystem entziehen?

Tatsächlich verweist die moderne Gendertheorie auf ein grundlegendes Problem. Die gesamte Paritätsdiskussion ist Ausdruck des Quotenfeminismus, der keine Ahnung von Geschlechtsdifferentialität hat. Der Kampf gegen das Patriarchat und die patriarchalen Strukturen war immer ein Kampf von Frauen gegen Männerprivilegien.

Wer es ernst meint mit der Anerkennung des dritten Geschlechts, der müsste von der Quote Abschied nehmen. Das wäre dann allerdings eine wirklich aufregende Konsequenz aus der Aufregung über Kramp-Karrenbauers Witz.



insgesamt 248 Beiträge
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herr_mueller_goettingen 07.03.2019
1. Ein toller Denkansatz
immer wieder erfrischend, Herrn Fleischhauer zu lesen. Das gibt der ganzen Diskussion um die Geschlechterquote neuen Schwung. Ich freue mich.
DougStamper 07.03.2019
2. Was mich zum Lachen bringt
Ich sehe in reichweitenstarken magazinen (SpOn, Zeit, Faz, ...) keine Beiträge von ernst zunehmenden Feministen die tatsächlich „genderklos“ oder ähnliches fordern aber dafür gibt es überall einen konservativen der an der Forderung von ein paar Leuten auf Facebook oder dem vorauseilenden „lieber jetzt bevor es Ärger gibt“ handeln von Trägern (Diskussion Winter-Weihnachtsmarkt) den (diesmal aber wirklich) Untergang des Abendlandes festmacht. Fleischhauer, beschäftige dich mit relevanten Themen.
tomquixote 07.03.2019
3. Angesichts dieses Wirrwars …
… wäre es vielleicht doch am besten, wenn wir uns wegen dieses Problems einfach in die Hosen machen würden.
lachender lemur 07.03.2019
4. Wieviele Geschlechter?
In der Mathematik ist das Geschlecht einer Oberfläche die Anzahl der Löcher, die sich in ihr befinden. Es gibt demnach zwar nur abzählbar, aber doch beliebieg viele.
jbdt 07.03.2019
5. Feindschaft zwischen L, G, B, T, I
Männer haben Privilegien, aber jeder kann ein Mann sein. Frauen verdienen besonderen Schutz, aber jeder kann eine Frau sein. Sexuelle Orientierung ist Biologie (born this way), aber sexuelle Identität gesellschaftliche Konstruktion. Männer können zu Frauen werden, es gibt aber keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Der Gesetzgeber sollte sich tunlichst zurückhalten, bis ein gesellschaftlicher Konsens gefunden ist.
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