Gesine Schwan Kandidatur der Missverständnisse

Zwölf Monate lang kämpfte Gesine Schwan um das Bundespräsidentenamt - und ließ sich dabei in ein politisches Korsett pressen, das nicht zu ihr passt. Statt mit einer Leitidee zu werben, verhedderte sie sich in Missverständnissen - und verlor auf den letzten Metern auch noch ihren berühmten Ton.

Von


Berlin - Gesine Schwan will einfach nur in den Aufzug. Sie steht im fünften Stock des Kreuzberg-Museums in Berlin, einem schäbigen Bau, der wie das benachbarte Kottbusser Tor nicht eben zum Verweilen einlädt. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Entscheidung, hinter ihr liegt ein anstrengender Tag. Sie hat sich mit einem ehemaligen Finanzberater ausgetauscht, mit Rentnern diskutiert, hier im Dachgeschoss Migranten getroffen und über das Deutschsein philosophiert. Gleich geht der Flieger nach Köln.

Kandidatin Schwan: "Macht ist die Möglichkeit, dumm zu bleiben"
REUTERS

Kandidatin Schwan: "Macht ist die Möglichkeit, dumm zu bleiben"

Und jetzt rückt auch noch dieses Kamerateam an, das sie schon den ganzen Tag nervt. Dabei hat sie doch klar gemacht, dass sie heute kein Interview geben wird. Die Fernsehleute lassen nicht locker, da wird Schwan grantig. "Warum halten Sie sich nicht an die Abmachung?", raunzt sie die Journalisten an. "Ich versteh' das nicht." Dann ist endlich der Fahrstuhl da.

Gesine Schwan ist nervös, so kurz vor der Bundesversammlung. Sie ist Sozialdemokratin, 65 Jahre alt, kandidiert zum zweiten Mal für das Amt der Bundespräsidentin, will am 23. Mai Amtsinhaber Horst Köhler bezwingen, ihre Chancen stehen schlecht. Trotzdem glaubt sie an den Sieg. Es ist doch eigentlich alles klar. Was gibt es da überhaupt noch zu fragen?

Irgendwie ist aber gar nichts klar. War es noch nie. Das ist vielleicht die einzige Kontinuität ihrer Kandidatur.

Interaktive Grafik
Bundespräsidentschaftswahl 2009: Alles über die Wahl und die Kandidaten
Allein die Geburt des zweiten Anlaufs, im Mai 2008, war extrem schwierig. Ein paar Bundestagsabgeordnete der SPD schoben sie nach vorne, doch ausgerechnet Parteichef Kurt Beck zierte sich. Er fürchtete, sie könnte gewinnen, und zwar mit den Stimmen der Linken. Dann drängelte Schwan selbst ein bisschen, die Zeitungen waren voll von Lobliedern, am Ende konnte die Partei gar nicht anders, als sie zu Köhlers Herausforderin zu machen. "Ein Signal der Eigenständigkeit der SPD", sagte Beck plötzlich bei ihrer Vorstellung am 26. Mai 2008 im Willy-Brandt-Haus.

Mit Parteiaufträgen konnte sie noch nie etwas anfangen

Ziemlich genau ein Jahr später steht Gesine Schwan wieder in der Parteizentrale. Es ist ein Montag, das Atrium ist so gut besetzt wie selten. Parteichef Franz Müntefering hat zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes eine bunte Truppe eingeladen. Neben Schwan ist Bundesverfassungsrichter Andreas Voßkuhle gekommen, Juso-Chefin Franziska Drohsel auch, genauso wie Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel. Alle sollen ein paar Worte über das Grundgesetz verlieren. Gesine Schwan zitiert Artikel 6, es geht um Familie, es ist ein rätselhafter Auftritt. "Familien sind etwas Besonderes und sie müssen in besonderer Weise geschützt werden", sagt Schwan. Am Schluss bedankt sich der Moderator bei ihr dafür, dass sie den Artikel so schön vorgelesen hat. Die Kandidatin guckt verdutzt und sagt dann in einem Tonfall, der verrät wie abscheulich sie die eigene Vokabel findet: "Ich dachte, das war der Parteiauftrag."

Mit Parteiaufträgen konnte die Professorin noch nie etwas anfangen, das zeigte sie schon in der SPD-Grundwertekommission, aus der sie 1984 nach sieben Jahren auf Betreiben des damaligen Bundesgeschäftsführers Peter Glotz ausgeschlossen wurde. Sie würde ihren Intellekt niemals irgendeiner Kontrollkommission unterstellen. Gerade deshalb kann man sie sich so gut im Schloss Bellevue vorstellen. Nicht wenige in ihrer Partei sehen in ihr deshalb aber auch ein Risiko. Die Unterstützung aus der Parteizentrale ließ in den letzten zwölf Monaten entsprechend häufig zu wünschen übrig. Ihre Kampagne plante sie in drei Büroräumen, unterwegs war sie in einem Öko-Passat, der wohl selbst dem naturschutzpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion ein wenig zu mickrig wäre.

Mit dem Wagen tourte sie durch die Republik. Sie war mutig, machte Wahlkampf, obwohl sie nicht von den Menschen auf der Straße gewählt wird. Aber es geht nun mal um ein politisches Amt, da musste sie kämpfen. Außerdem sind die 1224 Wahlmänner und -frauen auch Menschen, und auf die hatte sie es zu Recht abgesehen. Man weiß ja nie.

Ein paar Umfaller aus den Reihen von Union, FDP oder den Freien Wählern könnten ausreichen. Doch was Schwan fehlte war einer der wichtigsten Kampagnen-Bausteine: das Leitmotiv für ihre Kandidatur. Und anders als bei Gustav Heinemann, dessen Wahl 1969 die sozialliberale Koalition einläutete, und Horst Köhler, der das Ende von Rot-Grün andeutete, lässt sich mit Gesine Schwan kein politisches Projekt verbinden. Stattdessen äußerte sie sich zu Konjunkturpaketen, zur Attraktivität von Parteikollege Thorsten Schäfer-Gümbel, zu Studiengebühren und Homosexualität. Sie ließ sich in politische Tagesdiskussionen quetschen, die ihr so fremd sind. Ihr Scharfsinn und ihre unbestrittene Brillanz blieben auf der Strecke, weil sie ständig Missverständnisse aus dem Weg räumen musste.

Die Finanzkrise war ihre große Chance

Zwei hängen ihr bis heute besonders nach. Eines ist mit Oskar Lafontaine, dem Chef der Linkspartei, verbunden. "Er ist ein Demagoge", sagte sie kurz nach ihrer Ernennung dem SPIEGEL. Die Äußerung brachte die Linke auf die Palme - und Schwan neben Köhler noch einen Konkurrenten: den Schauspieler Peter Sodann. Im März versuchte sie bei einem Fraktionsbesuch im Bundestag die Düpierten zu besänftigen. Schwan meinte, sie habe nicht gesagt, dass Lafontaine ein Demagoge sei - "sondern er verhält sich wie einer". Freunde machte sie sich bei der Linken auch damit nicht.

Dann war da die Finanzkrise - an sich eine große Chance für Gesine Schwan. Sie hätte mit dem, was sie persönlich ausmacht, werben können: Zuversicht, Optimismus, Vertrauen. "Das Amt des Bundespräsidenten ist für mich das des obersten Ermutigers der Nation", heißt es auf ihrer Internetseite. Im April veröffentlichten Wirtschaftsforscher desaströse Prognosen - und Schwan warnte indirekt vor sozialen Unruhen. Plötzlich galt sie als Schwarzmalerin. Ein falsches Bild, wenn man ihre Interviews von damals genau studiert. Aber Missverständnisse können brutal sein und lange wirken.

Ein Donnerstag im Mai, Schwan besucht ein auffallend vornehmes Berliner Altersheim. Vor ihr sitzen zwei Dutzend Rentner, irgendwann kommt die Kandidatin auf die Krise zu sprechen. "Ich vermute, dass sie selbst jetzt in ihrem individuellen Leben davon gar nicht so sehr viel mitbekommen", sagt Schwan. "Sie sind wahrscheinlich irgendwie hier gesichert." Unruhe im Publikum, an einem Tisch sitzen drei "Lehman-Opfer": Sie haben durch die Pleite der US-Bank ihre Altersvorsorge von zigtausenden Euro verloren. Eine Frau bricht in Tränen aus.

Schwan wirkt unsicher, reibt Daumen und Zeigefinger, und zeichnet ein ziemlich düsteres Bild. Von "Wut" ist die Rede, von "explosiver Stimmung", "Gewalthandlungen" und "selbstzerstörerischem Verhalten". Als Schwan wieder verschwunden ist, rechnen die Senioren mit ihr ab. "Das hat mit dem, was wir uns vorgestellt haben, nichts zu tun", schimpft eine Heimbewohnerin. "Wir wollten ja nicht so was hören. Wir hätten hören wollen: Wie kann man es besser machen?", meint eine andere: "Thema verfehlt."

"Meine Aussichten sind gut"

Vielleicht ist es schlicht Überlastung. Gesine Schwan war in den letzten zwölf Monaten auf rund zweihundert Terminen, sie hielt mehr oder weniger wichtige Reden, sie besuchte Fraktionen in den Landtagen und kümmerte sich nebenbei um die deutsch-polnischen Beziehungen. Aber auffällig ist: Auf den letzten Metern trifft Gesine Schwan den Ton nicht mehr, der sie berühmt machte, weil er so aufregend anders klang.

Vor ein paar Tagen wollte sie, die überzeugte Anti-Kommunistin, die DDR nicht einmal mehr als Unrechtstaat bezeichnen. Dies sei ein diffuser Begriff, sagte sie in einem Interview, das, wenn man es in Gänze liest, ziemlich verschachtelt ist, aber alles andere als verharmlosenden Charakter hat.

Doch hängen blieben nur die Sätze zum Unrechtstaat. Allerlei ostdeutsche Wahlmänner und -frauen aus den eigenen Reihen brüten jetzt noch mal über ihrem Abstimmungsverhalten. "Meine Aussichten sind gut", ist sich Schwan sicher. Gut ist ein wenig übertrieben, aber völlig aussichtslos ist die Lage nicht. Zumindest die ersten beiden Wahlgänge könnte sie überstehen. Selbst wenn sie verlieren sollte - Macht ist nicht alles, was sie anstrebt.

Kurz bevor sie das Kreuzberger Dachgeschoss mit dem Aufzug verlässt, zitiert sie den Politikwissenschaftler Karl Deutsch mit dem Satz: "Macht ist das Privileg, nicht lernen zu müssen." Es ist einer von Gesine Schwans Lieblingssätzen. Sie hat auch eine eigene Version: "Ich sage: Macht ist die Möglichkeit, dumm zu bleiben." Ihre Klugheit und ihr Wissen würde sie trotz Niederlage behalten.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.