Kandidaten für Parteivorsitz Schwan warnt SPD vor Spitzenduo aus Regierungsinsidern

Gesine Schwan ist bereit, für den SPD-Vorsitz zu kandidieren. Im SPIEGEL wehrt sie sich gegen den Vorwurf der Naivität - und warnt ihre Partei davor, auf klassische Machtpolitiker an der Spitze zu setzen.

Gesine Schwan: "Man sieht nicht mehr, wofür die SPD brennt"
OMER MESSINGER/ EPA-EFE

Gesine Schwan: "Man sieht nicht mehr, wofür die SPD brennt"


Gesine Schwan, potenzielle Kandidatin für den SPD-Parteivorsitz, warnt ihre Partei davor, die neue Führung mit zwei klassischen Machtpolitikern zu besetzen.

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"Die SPD braucht jetzt nicht so sehr die Erfahrung von Regierungsinsidern", sagte Schwan dem SPIEGEL. Nötig sei auch niemand, "der die Politik handfest im Wedding verkaufen" könne, sondern jemand, der die historische Mission der SPD erklären und für die Zukunft weiterentwickeln könne.

Schwan forderte eine radikale Kehrtwende, um die SPD zu stabilisieren. "Man sieht nicht mehr, wofür die SPD brennt", kritisierte Schwan. Als "völlig unsinnig" kritisierte die Politikwissenschaftlerin, den Kurs immer nur an möglicher Kundschaft auszurichten. "Das ist für mich an Borniertheit gar nicht zu überbieten", sagte Schwan. Ein solcher Ansatz sei der beste Weg, Vertrauen zu verlieren. "Jeder kann doch durchschauen, dass wir das nur machen, um Stimmen zu kriegen, nicht aus echter Überzeugung."

SPD-Verfahren für den Parteivorsitz
Der Zeitplan im Überblick:
1. Juli: Bewerbungen
Ab diesem Tag können Zweierteams oder Einzelbewerber ihre Kandidatur für den SPD-Vorsitz einreichen. Für eine Kandidatur benötigen sie die Unterstützung von mindestens fünf Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband.
1. September: Regionalkonferenzen
Die Bewerbungsfrist endet. Die Kandidaten präsentieren sich danach in 23 Regionalkonferenzen der Basis. Fünf Wochen lang können sie bei den Mitgliedern für sich werben. Der Auftakt ist am 4. September in Saarbrücken, der Abschluss am 12. Oktober in München.
14. Oktober: Basisentscheid
Die rund 440.000 SPD-Mitglieder dürfen in einem Basisentscheid ihren Kandidaten oder ihr Kandidatenteam für die Parteispitze bestimmen.
26. Oktober: Ergebnis des Mitgliedervotums
Das Ergebnis des Mitgliederentscheids soll vorgestellt werden. Sollte kein Kandidat beziehungsweise kein Doppelteam über 50 Prozent der Stimmen erhalten, soll es einen Stichentscheid zwischen den beiden Erstplatzierten geben. Die Wahl ist rechtlich nicht bindend, politisch dürfte der Parteitag aber kaum am Votum der Mitglieder vorbeikommen.
6. bis 8. Dezember: Parteitag
In Berlin kommt der Bundesparteitag der SPD zusammen. Er soll den oder die Gewinner des Mitgliederentscheids formell an die SPD-Spitze wählen - und über die Halbzeitbilanz der Großen Koalition entscheiden.

Die 76-jährige Schwan erneuerte ihre Bereitschaft, für den Vorsitz zu kandidieren. "Allen, die mir vorwerfen, ich sei naiv, sage ich: Und wie weit habt Ihr es gebracht mit Eurer vermeintlichen Professionalität?"

Derzeit sei sie in Gesprächen mit möglichen Tandempartnern. Vor den gut 20 Regionalkonferenzen graue ihr nicht. "So was kann ich immer. Das macht mir überhaupt keine Angst."

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insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
stg01 02.08.2019
1. Schwan hat Recht
Die Zukunft der SPD kann nur durch Nicht-Machtopportunisten entschieden werden!
wiper 02.08.2019
2. Wo sie recht hat
hat sie recht. Die Borniertheit der SPD Führung, der SPD Minister, des Seeheimer Kreises ist nicht zu toppen,.
Neandiausdemtal 02.08.2019
3. Völlig richtig!
Ich bin nicht der Meinung, dass Gesine Schwan neue Parteivorsitzende der SPD werden sollte, auch nicht in einer Doppelspitze. Allerdings wünsche ich mir sehr, dass sie und Persönlichkeiten wie sie eine wichtige Rolle einnehmen. Denn sie hat mal wieder völlig recht mit ihren Einschätzungen. Eine Grande Dame mit Überblick, weitem Horizont und einem funktionierenden moralischen Kompass. Es gibt nicht mehr so viele von dieser Sorte, nicht in der SPD und in anderen Parteien erst recht nicht.
kodu 02.08.2019
4. OK...aber...
Frau Schwan hat, m.E. , auch nicht viel zu bieten, was die SPD in den Zustand der Rekonvaleszenz versetzen könnte. Wo war sie eigentlich, als die Schröder-Clique die Agenda2010 vom Zaun gebrochen hat...? Nein. Frau Schwan verkörpert den elitären Zirkel, der sich der SPD inzwischen bemächtigt und die Partei in den Abwärtsstrudel befördert hat und sie wird das Vertrauen derer, die als normale Bürger eine starke und ehrliche politische Interessenvertretung dringend brauchen für die SPD nicht zurückgewinnen können. Anders, als z.B. Frau Giffey... aber die würde Frau Schwan wohl gern ausschließen.
telarien 02.08.2019
5. Recht hat sie
Aber mit 76 sollte man nicht die Zukunft einer Partei gestalten wollen. Oder die eines Landes.
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