Gespräch mit Sozialforscher Kraushaar "Merkel wäre ohne die 68er als Kanzlerkandidatin nicht denkbar"

Joschka Fischer sieht in der rot-grünen Regierung die Fortsetzung der 68er-Revolte mit anderen Mitteln - und bringt sich mit solchen Vergleichen im Wahlkampf gegen die Union in Stellung. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE spricht Sozialforscher Kraushaar über rot-grüne Mythen und die wenig glamouröse Wahrheit von 1968.

SPIEGEL: Herr Kraushaar, im Wahlkampf stellt Außenminister Joschka Fischer sich und die Bundesregierung voller Stolz in die Tradition von 1968. Ist Rot-Grün tatsächlich das späte Ergebnis der damaligen Revolte?

Kraushaar: Nein. Etwa ein halbes Dutzend der Kabinettsmitglieder ist zwar durch die 68er-Bewegung oder deren Folgen in den 70er Jahren biografisch geprägt worden. Aber insgesamt sehe ich einen erheblichen Gegensatz zwischen den Zielen der damaligen Außerparlamentarischen Opposition und Rot-Grün. Insofern ist Fischers Darstellung eine fragwürdige Vereinfachung - ganz offensichtlich in der Absicht, einen plakativen Gegensatz zu den Konservativen zu konstruieren.

SPIEGEL: Also sind Homo-Ehe und Ausstieg aus der Atomkraft nicht das Ergebnis des langen Marschs durch die Institutionen?

Kraushaar: Soziale Strömungen wie die Schwulen- oder die Anti-AKW-Bewegung speisen sich aus so vielen Quellen, dass es unmöglich ist, sie auf ein solches Schlagwort zu reduzieren. Und beim Blick auf die Bundesregierung dürfen Sie nicht vergessen, dass der Kanzler zwar vom Lebensalter als 68er erscheinen mag, er sich aber selbst ausdrücklich nicht dazu zählt. Gerhard Schröder kam 1966 auf dem zweiten Bildungsweg an die Universität Göttingen und hat dort nicht rebelliert, sondern brav Jura studiert.

SPIEGEL: Aber Fischer stand auf der Barrikade.

Kraushaar: Im Kabinett ist er der Einzige, der als junger Aktivist zur 68er-Bewegung gehörte. Er brachte es fertig, als Nicht-Student Zugang zum inneren Kreis des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zu finden. 1969/70 taucht er sogar im Impressum der Zeitschrift "Neue Kritik" auf, des Theorie-Organs des SDS. Das ist erstaunlich. Fischer besaß offenbar die Fähigkeit, sehr schnell bis ins Zentrum der Bewegung vorzustoßen.

SPIEGEL: Und Otto Schily, der damals als Anwalt linke Aktivisten verteidigte?

Kraushaar: Schily ist sich politisch relativ treu geblieben: damals linksliberaler Anwalt, heute rechtsliberaler Bundesinnenminister. Er war 1968 ein sympathisierender Zuschauer, der mal auf eine Vietnam-Demonstration ging, der auch bei dem Prozess gegen die Frankfurter Kaufhaus-Brandstifter als Verteidiger antrat, der aber nicht wirklich dazu zählte.

SPIEGEL: Die Politik der rot-grünen Regierung wirkte oft sprunghaft, aus der Situation geboren. Sehen Sie darin ein Erbe von 1968?

Kraushaar: Diese Koalition ist im Grunde konzeptionslos gewesen und hat nur ein schwaches politisches Profil entwickelt. Wegen dieses Mangels glaubt man offenbar, sich der Aura von 68 symbolisch bedienen zu können. Fischer hat sich dieses Emblem ja aufgesetzt wie ein Häuptling seinen Federschmuck. Manche nehmen ihm allerdings die Behauptung durchaus ab, der Opposition gehe es gar nicht um die wirklich politischen Fragen, sondern darum, eine Regierung der demokratischen Linken, die der 68er-Bewegung verbunden ist, zu beenden.

SPIEGEL: Die Aktivisten von damals stellen 1968 als Freiheitsdatum der deutschen Geschichte dar. Inzwischen wird das - auch von 68ern - bestritten. Wer hat Recht?

Kraushaar: Fischer nutzt diese Selbststilisierung, um sich gegenüber Angela Merkel und den Vorwürfen und Attacken aus der Union abzugrenzen. Es hat 1968 natürlich Aspekte einer Freiheitsrevolte gegeben. Man wollte raus aus dem Schatten der Adenauer-Ära, aus dem Spießbürgertum, und auch politisch neue Wege gehen. Aber gleichzeitig war darin das Scheitern angelegt, bedingt auch durch einen eigentümlichen Größenwahn. Die vielen Totalitarismen, die damals schon in den Köpfen herumspukten, nahmen in den 70er Jahren schreckliche Gestalt an. Diese ganzen maoistischen Kleingruppen und pseudoproletarischen Parteien haben das ja ans Tageslicht gebracht. Selbst wenn man den Terror der RAF gesondert betrachtet, ist allein diese Entwicklung im Nachhinein wie ein großer Schatten auf 68 gefallen.

SPIEGEL: Die Splittergruppen nahmen eine Parole vorweg, die heute noch im rot-grünen Milieu sehr populär ist: lokal handeln, global denken. So hatte jede kleine Zelle gleich die ganze Welt auf ihrer Seite.

Kraushaar: Das gehört zum Größenwahn dazu. Viele haben damals versucht, an einem Erfolg versprechenden Herrschaftsmodell zu partizipieren. Für manche war das Breschnews Sowjetunion, für andere Maos China. Diese Unterordnung unter eine Supermacht und eine allmächtige Herrschaftsideologie übte eine große Faszination aus.

SPIEGEL: Viele 68er wollten früher das System stürzen. Jetzt sind sie selbst das System - an Umsturz denkt keiner mehr, im Moment grassiert in Berlin eher die Angst vor dem Macht- und Jobverlust. Ist Rot-Grün auch der Beweis für die gelungene Resozialisierung einstiger Revoluzzer?

Kraushaar: Das erscheint mir zu verkürzt. Denn man muss zwischen den Maximalisten und den Gradualisten der damaligen Bewegung unterscheiden. Zehntausende sind 1969 in die SPD gegangen und haben als Jusos die Partei aufgemischt. Das hatte durchaus Einfluss auf die Reformära von Willy Brandt. Die Hardcore-Gruppen haben dagegen versucht, Revolution zu machen. Sie haben immer gewarnt vor einer "technokratischen Hochschulreform", vor der Gefahr einer Eingemeindung in den Staatsapparat und vor dem Parlamentarismus. Zum Glück ist das, was damals von den Kerngruppen propagiert wurde, nicht Wirklichkeit geworden. Denn worin bestand das Vorbild? Bestenfalls in einer Rätedemokratie. Das hätte ausgereicht, um in einer zum Teil immer noch nicht ganz stabilen Republik alles aus den Angeln zu heben.

SPIEGEL: Im Rückblick wird vieles beschönigt. Die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer hat die Behauptung aufgestellt, die 68er hätten die Bundesrepublik "gründlich zivilisiert". War das nicht eigentlich andersherum?

Kraushaar: Manche Interpreten sprechen sogar von einer "Nachgründung der Republik". Ich halte das für einen von vielen Mythen, die über jene Zeit in Umlauf sind. Es gibt allerdings, wie oft bei Mythen, einen wahren Kern, der vielleicht weniger politisch als gesellschaftlich zu fassen ist. Am Ausbruch aus der verklemmten Sexualmoral hatte die damalige Rebellion sicher ebenso ihren Anteil wie an der Frauenemanzipation. Antje Vollmer bezieht sich mit ihrer Äußerung im übrigen auf Jürgen Habermas, der 1988 von der "Fundamentalliberalisierung" gesprochen hat. Diesem Urteil kam besonderes Gewicht zu, weil Habermas damals ja einer der entschiedensten Kritiker der Studentenrevolte war.

SPIEGEL: Was haben die Grünen mit 68 zu tun?

Kraushaar: Es wäre falsch, sie direkt aus der 68er-Bewegung ableiten zu wollen. In der Konstitutionsphase der Grünen kamen ja ganz unterschiedliche Kräfte zusammen - linke wie konservative und rechte. Die Partei begann als Bündnis unterschiedlicher Strömungen, in dem zum Beispiel Bürgerinitiativen eine große Rolle spielten. Somit ist klar, dass die Grünen nicht einfach in einer Art genealogischer Folge das Erbe von 68 angetreten haben. Das ist vielfältiger, gebrochener.

SPIEGEL: Die 68er reklamieren für sich, die kritische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime in der Bundesrepublik durchgesetzt zu haben. Dem wird inzwischen widersprochen - etwa von dem Historiker Joachim Fest. Er hat in einem SPIEGEL-Gespräch die These aufgestellt, dass die 68er die NS-Vergangenheit instrumentalisiert hätten, um die Älteren aus ihren Posten herauszudrängen.

Kraushaar: Diese Behauptung halte ich für infam. Schon in den Jahren 1963 bis 1967, also während der Inkubationszeit der 68er-Bewegung, hat es Auseinandersetzungen um Professoren mit einer bis dahin verschwiegenen NS-Vergangenheit gegeben. Man hat damals begonnen, deren Dissertationen und Habilitationen hervorzuholen, und stellte in vielen Fällen fest, dass das überzeugte Nazis und Antisemiten waren. Gleichzeitig begann der Widerstand gegen die Notstandsgesetze, der im nachhinein nur schwer verständlich ist. Man fürchtete einen autoritären Staat, der sich durch eine grundlegende Verfassungsänderung die Möglichkeit zu einer Quasi-Diktatur verschafft - wie nach 1933. Daher kamen diese Ängste vor einem Notstandsstaat. Mit ihrer Kritik an der NS-Verstrickung der Eliten wollten die 68er sicher auch das bundesrepublikanische System treffen. Dennoch war es sehr wichtig, dass es diese Auseinandersetzung überhaupt gegeben hat. Es ging nicht darum, die Alten zu diskreditieren, um dann vielleicht selber deren Stellen einnehmen zu können. Das finde ich wirklich absurd.

"Dutschke war nun wirklich die Zentralfigur"

SPIEGEL: Trotzdem hat beispielsweise die Auseinandersetzung mit dem Holocaust damals eine vergleichsweise kleine Rolle gespielt.

Kraushaar: Dieses Thema kam in Deutschland erst zehn Jahre später richtig in den Blick. Das Bild der 68er vom Nationalsozialismus war durch eine überholte marxistische Terminologie geprägt. Die neue Linke glaubte im Grunde, auf der guten Seite der Geschichte zu stehen. Und das war ein großer Irrtum. Nicht nur, weil sie die spezifische Bedeutung der Judenvernichtung im Nationalsozialismus nicht erkannt und darüber auch nicht genauer nachgedacht hat. Es bedurfte vieler Umwege, bis man das überhaupt als Thema akzeptiert hat. Das gehört natürlich auch zu einem differenzierteren Urteil über die 68er-Bewegung.

SPIEGEL: Wie Sie jetzt herausgefunden haben, war eine Gruppe aus diesem Umfeld für den Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin vom 9. November 1969 verantwortlich. Ein antisemitischer Terrorakt von links.

Kraushaar: Es waren die "Tupamaros West-Berlin", die sich nach südamerikanischem Vorbild formiert hatten. Ein wirklich finsteres Kapitel, ein paar Monate vor Gründung der RAF. Auch die terroristischen Züge der 70er Jahre lassen sich im Kern bereits 1968 erkennen. Der erste, der von der Stadtguerilla nicht nur gesprochen, sondern regelrecht geschwärmt hat, war Rudi Dutschke. Und Dutschke war nun wirklich die Zentralfigur. Bis heute ist er die moralisch unantastbare Ikone der 68er-Bewegung. Ich bin massiv angegriffen worden, weil ich Dutschke in eine gewisse Beziehung zum bewaffneten Kampf gestellt habe. Aber wer diese Verbindung nicht sehen will, muss die Augen vor den Fakten verschließen.

SPIEGEL: Eine Parole der RAF lautete "Sieg oder Tod". Das ist der NS-Diktion durchaus ähnlich. Jürgen Habermas hat schon 1967 hellsichtig von Linksfaschismus gesprochen - und wurde heftig dafür kritisiert.

Kraushaar: Es hätte einem damals sehr viel mehr auffallen müssen. Diese dunkle Todessehnsucht der RAF ist ein nur ganz unzureichend erforschtes ideologisches Gelände. Was mich in der letzten Zeit in diesem Zusammenhang am meisten beschäftigt hat, sind Erklärungen von Ulrike Meinhof und Horst Mahler zum Kapitel Israel, Antisemitismus und Antizionismus. So ist zum Beispiel 1972 die Erklärung der RAF zum Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft in München überhaupt nicht diskutiert worden. Dieser mörderische Terrorakt wurde einfach als eine modellhafte antiimperialistische Aktion bezeichnet. Und das hat damals niemanden empört, es hat darüber keine Diskussion gegeben. Ganz ähnlich hat sich seinerzeit Horst Mahler geäußert. Und als Ulrike Meinhof als Zeugin im Mahler-Prozess auftrat, hat sie sich umfassender als je zuvor oder danach zu den Stichworten NS-Vergangenheit, Antisemitismus, Judenvernichtung geäußert. Dabei stellte sich heraus: Für sie ist nicht 1933, der Nationalsozialismus das große Problem gewesen, sondern die Tatsache, dass 1945 das eigene Land besetzt worden ist. Offenbar handelte es sich um eine narzißtische Kränkung unter nationalen Vorzeichen. Und als Hauptfeind galten die USA, mit Israel und dem Judentum als Vorposten des Imperialismus.

SPIEGEL: Horst Mahler ist mittlerweile seit vielen Jahren ein führender Rechtsextremist. 1968 vertrat er vor Gericht Beate Klarsfeld, die den christdemokratischen Kanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen NS-Vergangenheit öffentlich geohrfeigt hatte. Wie geht das zusammen?

Kraushaar: Auf den ersten Blick wirkt das schizophren. Über Ulrike Meinhof können Sie sagen, dass sie eine antisemitische Antifaschistin war. Oder eine antifaschistische Antisemitin. Und für Horst Mahler gilt dasselbe. Wie das persönlich denkbar ist, vermag ich nicht nachzuempfinden. Aber politisch-ideologisch scheint das durchaus zusammen zu gehen.

SPIEGEL: 68 war ja auch immer ein Kampf um zugespitzte Deutungen. Viele der damals Aktiven tun Mahler und Meinhof gern als extreme Randerscheinungen ab. Lieber sprechen sie von einer Zeit der Aufklärung und wollen mit diesem Begriff die ganze Ära charakterisieren.

Kraushaar: Rationalität und Aufklärung spielten sicher eine Rolle. Insbesondere deshalb, weil das der Anspruch war, unter dem man die Hochschulen reformieren wollte. Man wollte die Ordinarienuniversität abschaffen und an ihre Stelle eine demokratischere Einrichtung stellen - die Gruppenuniversität. In der Folge gab es allerdings auch vieles, was dann irrational und gegenaufklärerisch geworden ist. Es gab sehr romantische Motive in der 68er-Bewegung, sichtbar etwa im Versuch, sich selber in die Rolle von nachgeholten Widerstandskämpfern hineinzudenken. Nicht wenige glaubten ernsthaft, sie seien jetzt diejenigen, die eine praktische Entnazifizierung herbeiführen würden.

SPIEGEL: Dann wäre auch Hybris ein Stichwort, mit dem man 68 gut charakterisieren kann.

Kraushaar: In mancher Hinsicht gewiss. Es lassen sich viele Begriffe anführen, um die problematischen Dimensionen dieser Bewegung zu erfassen. Ich glaube aber, das Entscheidende ist, dass es 1968 um ein großes gesellschaftspolitisches Experiment gegangen ist. Während einer relativ kurzen Zeitphase versuchte man herauszufinden, wie alternative Gesellschaftsentwürfe aussehen könnten. Das ist dann ganz schnell zerfasert, als die politische Spannung und Aufmerksamkeit nachließ. Es folgte der Griff nach der Notbremse. Die führenden Köpfe gründeten rigide Organisationen, sie zitierten alte ideologische Muster und spielten nach, was in den 20er Jahren die Kommunistische Partei und andere linksradikale Strömungen vorexerziert hatten. So landete man in einer finsteren Sackgasse.

SPIEGEL: Die Experimente sind komplett gescheitert?

Kraushaar: Politisch ja. Aber die gesellschaftlichen Nachwirkungen sind bis auf den heutigen Tag noch spürbar. Es gab enorm viele Multiplikatoren - in Bildungseinrichtungen, im Kulturbetrieb, in den Parteien oder auch den Medien. Daran arbeitet sich ein Teil der Republik bis auf den heutigen Tag ab. Von konservativer Seite wird das eigentlich diesen Strömungen nie wirklich verziehen.

SPIEGEL: So wie Sie es jetzt skizzieren, wäre 68 denn doch eine Erfolgsgeschichte.

Kraushaar: Nein, eher eine gebrochene Geschichte. 1968 ist politisch fast auf der ganzen Linie ein Misserfolg gewesen - mit Ausnahme dessen, dass die 68er-Bewegung mit dazu beigetragen hat, den Einzug der NPD in den Bundestag zu verhindern. Soziokulturell überwiegen allerdings die Erfolge.

SPIEGEL: Das heißt auch, eine CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel wäre ohne die 68er nicht denkbar.

Kraushaar: Ja, selbst wenn ihr das wahrscheinlich nicht gefallen dürfte.

SPIEGEL: Herr Kraushaar, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Wolfgang Kraushaar sprachen Henryk M. Broder, Claus Christian Malzahn und Dietmar Pieper

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