SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Mai 2009, 17:52 Uhr

Gestoppte Befreiungsaktion

GSG-9-Kämpfer kehren nach Kenia zurück

Aus Mombasa berichtet

Es war die wohl aufwendigste Planung, die Deutschlands Spezialkräfte je in Angriff nahmen. Doch am Samstag kehrten die 200 GSG-9-Elitepolizisten per Hubschrauber nach Kenia zurück. Das Risiko der Kommandoaktion zur Befreiung der "Hansa Stavanger" vor Somalia war einfach zu hoch. Derweil kapern die Piraten munter weiter Frachtschiffe.

Mombasa - Die Sicherheitsvorkehrungen an kenianischen Flughäfen sind eher bescheiden: Seit Jahren beschweren sich internationale Fluglinien, die Airports in dem ostafrikanischen Land seien wegen fehlender Absperrungen ein Risiko für die einfliegenden Touristen-Jets. Ganz anders an diesem Wochende in der Ferienmetropole Mombasa: Überall rund um den Flughafen stehen bei sengender Hitze Wachposten mit Funkgeräten, überwachen jedes Auto. Vor allem Menschen mit Fotoapparaten haben die Polizisten im Visier. Als sich ein deutsches Fernsehteam nahe dem Rollfeld aufbaut, werden die Reporter gar kurzzeitig festgenommen.

Transall-Maschine der Bundeswehr auf dem Flughafen von Mombasa: Bereit für den Rückflug in die Heimat
SPIEGEL ONLINE

Transall-Maschine der Bundeswehr auf dem Flughafen von Mombasa: Bereit für den Rückflug in die Heimat

Der Grund für die Geheimhaltung auf dem Ferien-Airport ist eine tarngrüne deutsche Transall der Bundeswehr, die neben dem Passagierterminal steht, und kleine Gruppen von Puma-Hubschraubern, sie seit dem frühen Sonntagmorgen von Norden aus Mombasa anfliegen und dann auf dem militärischen Teil des Flughafens landen. An Bord der Helikopter: 200 deutsche GSG-9-Elitekämpfer, die mehrere Tage lang vor Somalia bereitstanden, um den von Piraten entführten deutschen Frachter "Hansa Stavanger" gewaltsam stürmen, die Piraten festnehmen und die Crew, darunter fünf Deutsche, befreien sollten. Nach Abbruch der Operation kommen sie nun zurück.

Die Rückkehr beendet die wohl aufwendigste Planung einer Kommandoaktion, die die Bundesrepublik je erlebt hat. Die Regierung hatte kurz nach dem Überfall auf die "Hansa Stavanger" entschieden, sich nicht auf eine Lösegeldzahlung an die marodierenden somalischen Piratenbanden einzulassen. Streng geheim verlegte Deutschland mehr als 200 Mann der GSG-9-Spezialeinheit samt Hubschraubern, schweren Waffen und Sanitätern in der Nähe des Frachters, der bei Haradere in Nordsomalia liegt. Die Kämpfer waren vom amerikanischen Hubschrauberträger "USS Boxer" vor die Küste von Somalia transportiert worden.

Zum gewaltsamen Zugriff kam es jedoch nicht. In Berlin fiel laut SPIEGEL-Informationen bei einer Sitzung des Krisenstabes im Verteidigungsministerium die Entscheidung, die Kommandoeinheit zurückzubeordern. Kurz zuvor hatte der Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, James Jones, die notwendige Zustimmung für die Operation verweigert: Die USA hielten das Risiko der Erstürmung für zu hoch, sie wollten an einem möglichen Blutbad auf dem Frachter nicht beteiligt sein. Auch im Krisenstab war man zu der Einsicht gekommen, die Risiken für das Leben von Geiseln und Polizeibeamten seien unkalkulierbar.

Immer voller wurde es in Mombasa auch in einem der zahllosen Strandhotels, in dem die GSG-9-Kämpfer vor der Abreise in Richtung somalische Küste bereits ihr Kommandozentrum aufgebaut hatten. In unauffälligen Kleinbussen kamen sehr durchtrainierte junge Männer über den Tag hinweg in das Hotel, wo die Truppe im ersten Stock einen provisorischen Befehlsstand errichtet hatte. Mittlerweile erinnern nur noch mehrere Satellitenempfänger auf dem Vordach vor dem Besprechungsraum an die Tage vor der Abreise, an dem der Kommandeur über sichere Telefon- und Videoleitungen den Zugriff plante und mit der Bundesregierung kommunizierte.

Die Entspannung ist den Männern anzusehen. Waren sie vor der Abreise zum Einsatzort noch verkniffen konzentriert, plaudern sie nun am Hotelpool, essen Pizza und schwimmen. Mit Journalisten freilich will keiner von ihnen reden, dass besagt schon der Kodex der abgeschirmten Eliteeinheit, die seit der Befreiung der Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Rollfeld der somalischen Hauptstadt Mogadischu im Jahr 1977 weltbekannt ist und auch in den USA einen exzellenten Ruf genießt. Dass die Operation vor Somalia abgesagt worden ist, das wissen die Männer, ist nicht ihre Schuld. Das Nein zum Zugriff war eine politische Entscheidung.

Die Absage der Operation, deren Vorbereitungen mehrere Millionen Euro gekostet haben dürften, war eine Abwägung zwischen dem politischen Willen, Stärke gegenüber den Piraten zu zeigen, und der Angst, ein Blutbad anzurichten. Am Ende setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein Zugriff an Bord eines Frachters enorme Risiken berge, zumal man trotz Luftaufklärung kein klares Bild darüber hatte, wie die Piraten aufgestellt waren. Vor allem aber wussten die Strategen nicht genau, wo die Kidnapper die Crew versteckten. DER SPIEGEL erscheint am Montag mit einer Rekonstruktion der Planungen und der politischen Entscheidungsprozesse.

Während der dreiwöchigen Planungen hatte es mehrfach Streit zwischen den beteiligten Ministerien gegeben. Das Auswärtige Amt (AA) warf dem Innenministerium vor, ohne Not die US-Regierung eingebunden zu haben und monierte später, dass keine ausreichende Risikoanalyse für die Kommandoaktion vorgelegt wurde.

Am Montag - möglicherweise aber auch erst Mtte der Woche - soll der US-Hubschrauberträger "USS Boxer" mit den Einsatzgeräten der deutschen Eliteeinheit in Mombasa einlaufen: Waffen, Schnellboote, Nachtsicht- und Tauchgeräte. Dann wird sich Deutschland vor Ort trotz des Abbruchs der Operation auch noch einmal bei den USA für die angebotene Hilfe offiziell bedanken.

Das jähe Ende der Planungen ist für alle Beteiligten enttäuschend. Klar ist schon jetzt, dass sich in der kommenden Woche auch eine rege politische Diskussion darüber entfachen wird, ob Deutschland eigentlich gut genug für Krisenfälle wie den der Entführung der "Hansa Stavanger" gerüstet ist. Klar wurde während der Operation, dass es gerade bei der Logistik für den Transport der Einheit und deren Waffen mangelte. Ebenso verlangsamte die teils mangelhafte und von Konkurrenz und Missgunst geprägte Zusammenarbeit der involvierten Ministerien die Planung.

Das Thema Piraterie wird der Politik ohnehin erhalten bleiben: Trotz immer mehr Kriegsschiffen in der Region kaperten die Freibeuter am Wochenende mindestens zwei weitere Schiffe. Dabei wurde deutlich, dass die Seeräuber ihren Aktionsradius immer mehr ausweiten. Denn einer der Attacken fand unmittelbar vor den Seychellen, mehr als 1200 Seemeilen von Somalia entfernt, statt.

Die internationale Flotte jedoch konnte auch zwei Erfolge melden, bei denen Marineschiffe Piraten-Skiffs aufbrachten. Eine Überstellung der Verdächtigen nach Kenia, wie im Fall der von der deutschen Marine gefassten, fand jedoch nicht statt - die Piraten wurden wieder freigelassen.

Die Seeräuber selber fühlen sich nach Ansicht von Beobachtern durch die internationale Aufmerksamkeit, die ihnen gewidmet wird, geradezu angestachelt. "Die Piraten sind wie alle Somalier", sagt der Experte Andrew Mwangura, "je größer und mächtiger der Feind, umso mehr wagen sie". Mwangura, der das Phänomen von Kenia aus beobachtet und stets als erster von Überfällen erfährt, rechnet deshalb damit, dass neben dem lukrativen Geschäft auch die leicht bizarre Moral vieler junger Somalis zu einer weiteren Zunahme von Piraterie-Fällen führen wird. "An Zulauf", so Mwangura, "fehlt es den Banden jedenfalls nicht."

Dass Teile der Piratenbanden verstanden haben, wie sehr es bei ihrem David-gegen-Goliath-Kampf auch auf die Medien ankommt, zeigte sich am Wochenende. Per Telefon meldete sich ein angeblicher Pirat bei der Nachrichtenagentur AFP und meldete die Kaperung eines Frachters mit Fahrzeugen der Uno. Die Nachricht wurde weltweit verbreitet, eine Nachprüfung fand nicht statt. Die Recherchen der Nato-Kräfte jedoch ergaben, dass der einzige Frachter mit Uno-Material sicher in Mombasa liegt. Die Propaganda erinnert so manchen bei der Nato nun schon an die Taktik der Taliban. "Ein gutes Zeichen", so ein Offizier, "ist das sicherlich nicht."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung